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Die halb versunkene Costa Concordia

"Frauen und Kinder zuerst" nur ein Mythos

Viele Kinder und Frauen haben den Untergang der "Titanic" überlebt. Die Offiziere sollen den Befehl "Frauen und Kinder zuerst" äußerst ernst genommen haben. In den meisten Fällen geht es an Bord aber deutlich weniger ritterlich zu - selbst Crewmitglieder denken zuerst an sich.

Schiffsunglücke 31.07.2012

Wie eine Untersuchung von insgesamt 18 untergegangenen Schiffen zeigt, haben Frauen grundsätzlich schlechtere Überlebenschancen als Männer, Kinder gar die schlechtesten. Außerdem bestärkt die Studie von schwedischen Forschern die Zweifel daran, dass Kapitän und Besatzung das sinkende Schiff zuletzt verlassen. Denn Crewmitglieder überleben deutlich häufiger als Passagiere.

Die Studie:

"Gender, social norms, and survival in maritime disasters" erscheint zwischen 30. Juli und 3. August 2012 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" (DOI:10.1073/pnas.1207156109).

"Titanic"-Mythos

Der Glaube an die männliche Ritterlichkeit auf See wird vor allem durch den Untergang der "Titanic" gestärkt. Bei der Katastrophe starben mehr als dreimal so viele Männer wie Frauen. Einige Männer, die sich dem "Frauen und Kinder zuerst"-Befehl des Kapitäns widersetzten, sollen von der Crew erschossen worden sein.

Ob das "Titanic"-Unglück 1912 eine Ausnahme oder die Regel war, ist kaum untersucht. Nur bei einem weiteren Schiffsunglück, dem Untergang der "Lusitania" im Jahr 1915, wurde bisher ermittelt, ob das Geschlecht die Überlebenschancen beeinflusste.

Schlechtere Chancen für Frauen

Mikael Elinder und Oscar Erixson von der Uppsala Universität werteten Daten von insgesamt 18 Schiffsunglücken aus, an denen mehr als 15.000 Menschen aus 30 Nationen beteiligt waren. Das Ergebnis ist eindeutig: Frauen haben bei maritimen Katastrophen nicht bessere, sondern schlechtere Überlebenschancen als Männer. Nur beim "Titanic"-und einem weiteren Untergang wurden anteilig mehr Frauen gerettet als Männer, bei elf Katastrophen war es genau anders herum.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch "Wissen Aktuell" am 31. Juli 2012 um 13.55 Uhr.

Die Überlebenschancen der Frauen stiegen, wenn der Kapitän den ausdrücklichen Befehl "Frauen und Kinder zuerst" ausgesprochen hatte. Dies war bei fünf Untergängen der Fall. Seit dem ersten Weltkrieg schrumpft der Abstand bei den Überlebenschancen zwischen Frauen und Männern, berichten die Forscher weiter. Sie führen das auf das gestiegene soziale Ansehen der Frauen zurück und auf deren größere Selbstständigkeit. Die Geschwindigkeit des Untergangs oder die vorherige Länge der Reise beeinflussten die Überlebenschancen nicht.

Briten keine Gentlemen

Die Birkenhead-Regel:

"Frauen und Kinder zuerst" wird auch die Birkenhead-Regel genannt. Der Untergang des Truppentransporters Birkenhead 1852 war der erste Vorfall, bei dem Geschlecht und Alter des Passagiers die Überlebenschancen definierten.

Schließlich räumt die Untersuchung noch mit einem weiteren Irrglauben auf - dem, dass vor allem die Briten auf See den galanten Retter geben. Tatsächlich sterben auf britischen Schiffen, die von einem britischen Kapitän und überwiegend britischer Besatzung geführt werden, besonders viele Frauen im Vergleich zu Männern.

"Auf Grundlage unserer Analyse wird deutlich, dass der Untergang der "Titanic" außergewöhnlich in vielerlei Hinsicht war und dass das, was auf der "Titanic" geschah, eine Reihe von falschen Vorstellungen des menschlichen Verhaltens in Katastrophenfällen befeuert zu haben scheint", schließen die Wissenschaftler.

Bestätigt wird ihre Untersuchung auch durch das jüngste schwere Schiffsunglück, jenes der Costa Concordia, die am 13. Jänner 2012 vor der Insel Giglio leck schlug. Zwar ist das Geschlechterverhältnis unter den Opfern noch ausgewogen (unter den 32 bisher gefundenen Opfern waren 16 Frauen), darunter war aber nur ein Crewmitglied. Und der Kapitän bevorzugte es, als einer der ersten das Schiff zu verlassen.

science.ORF.at/APA/dpa

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