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Zwei Albatrosweibchen in trauter Zweisamkeit

Forscher: "Es gibt keine schwulen Tiere"

Es kommt immer wieder vor, dass Tiere des gleichen Geschlechts miteinander Sex haben. Zwei Biologen kritisieren in einem Kommentar, wie Medien mit dem Thema umgehen: Sensationslüstern, unzüchtig und verzerrend sei der Journalismus und würde damit Vorurteile fördern. Begriffe wie "schwul" und "lesbisch" sollten vermieden werden.

Medien 09.08.2012

Proteststurm

20.000 E-Mails mit der Aufforderung, ihr Forschungsprogramm zu beenden: Damit hatten die Psychologin Anne Perkins und der Physiologe Charles E. Roselli wohl nicht gerechnet, als sie im Jahr 2007 einen Artikel in der Fachzeitschrift "Hormones and Behaviour" veröffentlicht haben. In dem Text geht es um das Sexualverhalten von männlichen Schafen, wie dieses von Hormonen und der Gegenwart von Weibchen beeinflusst wird und wie sehr diese Faktoren bestimmen, ob Männchen mit Männchen verkehren.

Der Kommentar

"Let's talk about sex" von Andrew Barron und Mark Brown ist in der aktuellen Ausgabe von "Nature" erschienen (Link).

Die "Sunday Times" hat über die Arbeit berichtet. In dem journalistischen Text war die Rede davon, dass die Forscherin und der Forscher Homosexualität in Schafen heilen wollten und dass damit der Weg geebnet wäre, dies eines Tages auch bei Menschen zu versuchen. Der Protest von Homosexuelleninitiativen und Tierschützen ließ nicht lange auf sich warten.

Falsche Bilder

Die beiden Biologen Andrew Barron von der Macquarie University in Sydney und Mark Brown von der Royal Holloway University in London zitieren die Geschichte als eines der negativen Beispiele, wie Medien verzerrend mit Studienergebnissen umgehen, wenn es um sexuelles Verhalten bei Tieren gleichen Geschlechts geht.

Sensationen stünden im Vordergrund und Stereotypen würden befördert, schreiben die beiden Biologen. In den meisten Studien würde sexuelles Verhalten untersucht, seine Ursachen und bestimmenden Faktoren, seine Evolution und Funktion sowie die biologische Basis. Wenn Medien jedoch darüber berichten, wie sich durch genetische und hormonelle Manipulationen die sexuelle Orientierung der Tiere ändert und dass dadurch "schwules" und "lesbisches" Verhalten entstünde, dann würde dies das Bild der Homosexualität als Krankheit fördern, schreiben die beiden Autoren.

Falsche Sprache

Barron und Brown gestehen ein, dass es Journalistinnen und Journalisten erlaubt sein sollte, kräftig zu formulieren, um auf die Berichte aufmerksam zu machen. Wenn die Texte jedoch suggestiv und anstößig werden, entstünde eine Reihe an Problemen: für Wissenschaftler, weil sie missinterpretiert werden, für Homosexuelle, weil sie als krank erscheinen, und für die Gesellschaft, weil die Berichte negative Stereotypen fördern.

Die beiden Biologen wünschen sich, dass die Begriffe "schwul" und "lesbisch" im Zusammenhang mit solchen naturwissenschaftlichen Studien vermieden werden. Diese Begriffe beziehen sich auf menschliches Verhalten. Und zu diesem gehören neben dem genetisch und hormonell gesteuerten Sexualverhalten auch Lebensstil, Partnerpräferenzen und Kultur.

Quer durch alle Medien

Insgesamt haben die beiden Biologen 48 Artikel über elf wissenschaftliche Publikationen untersucht. Die Berichte sind in bekannten englischen Medien erschienen, darunter neben der "Sunday Times", die "New York Times", die "Washington Post", Reuters, das "Time Magazine", der "New Scientist", "Daily Mail" und "Independent". Ausgeschlossen wurden Blogs, die dezidiert Meinungen darstellen, und Medien, die eindeutig Pro- oder Kontrapositionen zu Schwulen-, Lesben- und Transgenderthemen einnehmen.

(Wissenschafts-)Journalistinnen und -journalisten gingen meist sehr wohl verantwortungsvoll mit der Sprache um, wenn es um Berichte über Studien an Menschen geht. Doch bei Texten über das sexuelle Verhalten der Tiere werde ständig polarisiert, schreiben die beiden Forscher.

Tipps für die Forscher

Barron und Brown geben Forscherinnen und Forschern Tipps, wie sie mit Medien umgehen sollten und wie sie vermeiden können, dass ihre Arbeit im falschen Licht erscheint: Sie sollten sorgsam über ihre Arbeit berichten und direkte Vergleiche zwischen ihren Ergebnissen und menschlichem Verhalten vermeiden.

Dies hätte man auch bei einer Studie der Biologin Lindsay Young über Albatrospärchen mit zwei Weibchen gesehen. Die Forscherin hat in Interviews Fragen zu Rückschlüssen von ihrer Studie auf das Sexualverhalten von Menschen nicht beantwortet und stets betont, dass der Begriff lesbisch im Zusammenhang mit dem Albatrospärchen vermieden werden sollte. Barron und Brown zufolge sei dann auch die Berichterstattung zur Studie deutlich sachlicher ausgefallen.

Mark Hammer, science.ORF.at

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