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Spermien unter dem Mikroskop.

Neue Hoffnung auf Pille für den Mann

Seit Jahren suchen Forscher nach einer männlichen Verhütungspille. Nun könnte US-Wissenschaftlern ein Durchbruch gelungen sein: Sie haben bei Mäusen ein hormonfreies Präparat getestet, das diese unfruchtbar macht. Nach dem Ende der Behandlung erholte sich ihre Spermienproduktion wieder.

Fortpflanzung 17.08.2012

18 Monate lange Tests

Forscher vom Dana-Farber Cancer Institute in Boston und des Baylor College of Medicine in Houston hatten für ihre Studie 18 Monate lang eine Gruppe von Mäusen mit ihrem Präparat, das aus dem kleinen Molekül "JQ1" besteht, behandelt.

"JQ1" wurde ursprünglich am Dana-Farber Institut entwickelt, um das krebserregende Gen BRD4 zu blockieren. Dana-Farber-Forscher James Bradner wollte nun herausfinden, ob das Molekül auch einen Effekt auf das verwandte Protein BRDT hat, das für die Bildung von Spermien essenziell ist. Getestet wurde "JQ1" von Martin Matzuk und seinen Kollegen am Baylor College of Medicine.

Die Studie:

"Small-Molecule Inhibition of BRDT for Male Contraception" von Martin Matzuk et al. ist am 16.8 in "Cell" erschienen.

Spermienbildung gestört

Der Studie zufolge ging bei den mit "JQ1" behandelten Mäusen die Menge, Qualität und Beweglichkeit der Spermien im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant zurück - sie wurden unfruchtbar. Ihr Sexualtrieb blieb jedoch unverändert, sie konnten nur keine Nachkommen zeugen - ein Vorteil gegenüber früher getesteten hormonellen Präparaten. Das Molekül hatte es demnach geschafft, die Blut-Hoden-Schranke zu durchbrechen und in der Folge die Spermatogenese gestört - jener Prozess, bei dem Spermien gebildet werden. Die Blut-Hoden-Schranke hatte in früheren Versuchen als große Hürde gegolten.

Nebenwirkungen blieben aus

Als die Wissenschaftler die Behandlung mit "JQ1" einstellten, erholte sich die Spermienproduktion der Mäuse wieder. Auch beim Testosteronspiegel und dem Paarungsverhalten der Tiere stellten die Forscher keine Auswirkungen fest. Bei ihren Nachkommen zeigten sich ebenfalls keine Nebenwirkungen.

Während es für Frauen eine Vielzahl an Verhütungsmitteln gibt, beschränken sich die Optionen bei Männern auf die Verwendung von Kondomen oder die Sterilisation. Seit mehreren Jahrzehnten forschen Wissenschaftler daher nach einer Pille für den Mann. Tests mit Hormonspritzen, Injektionen, Pflastern und Implantaten blieben aber bisher ohne Erfolg. Als Problem gilt, dass bei Männern die kontinuierliche Produktion von hunderten Millionen Spermien blockiert werden muss, wohingegen bei Frauen nur ein Ei pro Monat "verhindert" werden muss.

Bedarf nach Pille gegeben

Britische Forscher der University of Edinburgh behaupteten bereits 2001, dass es in fünf Jahren die Pille für den Mann geben werde. 2009 rechnete der deutsche Androloge Michael Zitzmann vom Institut für Reproduktionsmedizin der Universität Münster mit einer Einführung im Jahr 2012. Die Nachfrage ist zumindest theoretisch groß: Bereits vor zwölf Jahren sagten zwei von drei Männern in einer internationalen Umfrage, dass sie die Pille nehmen würden.

Die Forscher hoffen nun, ihre Ergebnisse auf Männer übertragen zu können. Das Molekül "JQ1" selbst kommt dafür allerdings nicht in Frage, da es an mehreren Stellen des Körpers stark eingreift. Mit den Erkenntnissen lasse sich aber möglicherweise ein geeignetes Verhütungsmittel entwickeln.

David Donnerer, science.ORF.at

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