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Links der weibliche Roboterkopf, rechts der männliche

Typisch weiblich, typisch männlich

Nicht nur Menschen, auch Roboter sind von Vorurteilen betroffen: Werden sie als männlich wahrgenommen, gelten sie als dominanter und autoritärer, "weibliche" Roboter hingegen eher als freundlich und kommunikativ. Für die Unterscheidung ihres Geschlechts reicht schon die Länge ihrer Roboterhaare, wie deutsche Forscher berichten.

Roboter 23.08.2012

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass Geschlechterstereotype derart tief verwurzelt sind, dass sie sogar auf Maschinen angewandt werden, die männlich oder weiblich scheinen", schreiben Friederike Eyssel und Frank Hegel von der Universität Bielefeld in einer Studie.

Die Studie:

"S-he's got the look: Gender-stereotyping of social robots" von Friederike Eyssel und Frank Hegel ist am 26.7. im "Journal of Applied Social Psychology" erschienen.

In der Vorurteilsfalle

Die Sozialpsychologin Eyssel beschäftigt sich schon seit geraumer Zeit mit der Frage, inwiefern persönliche Vorurteile auch bei der Beurteilung rein technischer Artefakte mitschwingen. In einer Studie etwa ließ sie Versuchspersonen optisch exakt gleich aussehende Roboter bewerten. Dabei zeigte sich, dass die Maschinen, denen sie einen türkischen Namen gegeben hatte, schlechter eingeschätzt wurden als deutsche "Kollegen".

Nicht die Bevölkerungsgruppe, sondern das Geschlecht stand im Mittelpunkt der aktuellen Studie, für die der eigens entwickelte Sozialroboter "Flobi" verwendet wurde.

Dabei handelt es sich um einen antropomorphen, cartoon-ähnlichen Roboterkopf, der Emotionen ausdrücken kann und dessen Aussehen sich leicht verändern lässt. Zwei der möglichen Veränderungen betrifft die Haarlänge und den Mund - die beiden zentralen Faktoren in der Studie von Eyssel und Hegel.

Lange Haare, kurze Haare

Oben der langhaarige "weibliche" Roboterkopf, unten der kurzhaarige "männliche"

Frank Hegel, Friederike Eyssel

Oben der langhaarige "weibliche" Roboterkopf, unten der kurzhaarige "männliche"

Längere Haare und ein leicht angedeuteter Schmollmund gegenüber Kurzhaar und einem "Mundstrich" waren für Beobachter ausreichend, um die ansonsten komplett gleichen Roboterköpfe höchst unterschiedlich wahrzunehmen. Erstere wurden deutlich als weiblicher interpretiert, letztere als männlicher, wie die Auswertung der Daten von 60 Versuchspersonen zeigte, die Hälfte davon weiblich. Ihnen hatten die Forscher Bilder der beiden Roboter auf einem Monitor zur Betrachtung gegeben (so wie in der Abbildung oben), danach mussten sie Angaben machen über bestimmte Eigenschaften, die sie den Köpfen zuschrieben.

Diese Eigenschaften stammen aus dem Bem Sex-Role-Inventory, einem sozialpsychologischen Fragebogen, der die Identität von Geschlechtsrollen erhebt. Attribute wie "freundlich, herzlich oder umgänglich" werden dabei der Dimension "kommunikationsbestimmt" zugeordnet, andere wie "durchsetzungsfähig, bestimmt oder autoritär" der Dimension "handlungsbestimmt".

Die Probanden schätzten die langhaarigen, "weiblichen" Roboterköpfe anhand dieser beiden Dimensionen deutlich kommunikativer ein, die "männlichen" viel eher als handlungsorientiert. Die aus der Menschenwelt bekannten Stereotype wurden also auf die Maschinen übertragen.

Geräte reparieren vs. Kinder beaufsichtigen

Das gilt auch für zwei weitere Fragestellungen, die Eyssel und Hegel untersucht haben. Bei der ersten erwiesen sich die praktischen Funktionen, die die Probanden den Robotern zuschrieben, ebenfalls als höchst geschlechterkonform. Die kurzhaarigen, männlichen Köpfe sollten eher für Tätigkeiten wie "Geräte reparieren" herhalten, die langhaarigen weiblichen eher für Beschäftigungen wie "Kinder beaufsichtigen".

Bei der zweiten Frage ging es darum herauszufinden, mit welchem der beiden Roboter man lieber eine mathematische oder eine sprachliche Aufgabe bewältigen möchte. Auch hier das gleiche Bild, diesmal besonders ausgeprägt: 73 Prozent der Probanden votierten beim Kurzhaar-Roboterkopf für die - männliche - mathematische Aufgabe.

Bei der langhaarigen "Kollegin" war die Präferenz für Mathe- oder Sprachaufgabe nahezu ausgeglichen - möglicherweise aber auch nur, weil es sich dabei um ein "sozial erwünschte Antwort" handelt, wie die Forscherinnen mutmaßen.

Eine Hoffnung für die Zukunft

Welche Konsequenzen aus Ihren Studien für die Robotik zu ziehen seien? Genaue Angaben machen Eyssel und Hegel dazu keine.

Ob die vorhandenen Zuschreibungen der Geschlechterrollen affirmativ aufgegriffen werden sollen - Maschinen, die etwa in der Alterspflege eingesetzt werden, extra einen femininen Anstrich bekommen sollen - oder im Gegenteil "vorurteilsfreie" Roboter entwickelt werden sollen, müsse auf ihre sozialen Folgen hin "weiter untersucht" werden.

Vielleicht aber, so klingt es im Schlusssatz ihrer Studie wie eine Hoffnung, "werden irgendwann in der Zukunft Roboter nicht nur technisch so verfeinert sein, wie wir das heute vorhersehen, sondern auch Geschlechtervorurteile der Vergangenheit angehören."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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