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Ein schwarzer und ein weißer Mann fixieren sich, Auge in Auge.

Die Vorurteile im Gehirn

Bestimmte Gehirnregionen reagieren mit Angstimpulsen, sobald wir ein fremdes Gesicht sehen. Dass das kein rein biologisches Fakt, sondern Ausdruck sozialer Beziehungen ist, zeigt eine US-Studie: Während das Gehirn bei vier von fünf weißen Probanden mit Angst gegenüber Afroamerikanern reagierte, war das umgekehrt nur bei 20 Prozent der Personen der Fall.

Neurowissenschaft 04.09.2012

Jennifer Kubota, Postdoktorandin am Phelps Lab der New York University, erzählt im science.ORF.at-Interview, wo die noch junge Forschungsrichtung der "Neurowissenschaft des Rassismus" steht.

science.ORF.at: Warum ist es eigentlich so schwierig, das Thema rassistische Vorurteile wissenschaftlich zu untersuchen? Denn Sie berühren in Ihrer Arbeit zwei Ebenen, die naturwissenschaftliche und die soziologische: Wie findet man zwischen den beiden eine logische Verbindung?

Die soziale Neurowissenschaftlerin Jennifer Kubota

New York University

Jennifer Kubota hat 2010 ihre beiden Doktorate in Sozialpsychologie und Neurowissenschaften abgeschlossen und absolviert ein Postdoktorat bei Professor Elisabeth Phelps am Department of Psychology der New York University. Als soziale Neurowissenschaftlerin beschäftigt sie sich mit Stereotypen und Vorurteilen im Entscheidungsfindungsprozess, u.a. in der Personalpolitik und innerhalb des US-Rechtssystems.

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Jennifer Kubota: Stimmt, das ist tatsächlich gar nicht so einfach. Diese Schwierigkeit besteht eigentlich auf dem gesamten Gebiet der Neurowissenschaft. Wir untersuchen komplexe biologische Systeme, die wir gerade erst einmal beginnen zu verstehen, und versuchen dann sofort, damit unser Verhalten in der realen Welt zu erklären, das wiederum von vielen Faktoren beeinflusst wird, nicht nur biologischen. Wir reagieren auf Zusammenhänge, auf die Menschen um uns herum, darauf, wie gut wir etwas kennen: All das beeinflusst, wie wir uns verhalten. Rassistische Vorurteile wissenschaftlich zu erklären ist eine heikle Angelegenheit, weil so viele soziale und kulturelle Faktoren involviert sind.

Das hört sich ein wenig so an wie das alte Henne-Ei Problem, manchmal weiß man nicht, was zuerst da war und was von beiden wichtiger ist.

Genau so kann man das auch nennen! Wir reagieren mit Angst auf das "Andere", aber was wir als anders ansehen, und das betone ich sehr, wird von unserer Umwelt definiert. Ein gutes Beispiel dafür sind japanische Amerikaner - diese Minderheit wurde nach dem zweiten Weltkrieg äußerst negativ gesehen, heute gilt sie als ein Ideal und als hyper-intelligent. Unser kulturelles Umfeld definiert unsere Wirklichkeit. Man braucht sich nur eine Sportveranstaltung in Europa ansehen um festzustellen, dass in Europa Anderssein im Vergleich zu den USA nicht so sehr über die Hautfarbe als über die Nationalität definiert werden. Europäische Neurowissenschaftler arbeiten daher auch mit diesen Definitionen.

In einem Review beschreiben Sie verschiedene Studien: Weiße US-Amerikaner zeigen häufig einen angstähnlichen Impuls im Gehirn, wenn sie sich Bilder von Afro-Amerikanern ansehen. Was genau passiert dabei?

Als diese neurowissenschaftliche Studien begannen, wurden Testpersonen Bilder von gefährlichen Objekten, wilden Tieren, und dann Gesichter von Afroamerikanern gezeigt. Dabei haben wir ähnliche Reaktionen festgestellt: schnellerer Herzschlag, Augenzwinkern, Hautatmung etc. Danach wurden explizite Assoziationen gesucht durch Fragen wie "Wie sehr mögen Sie diese Person?", "Was würde diese Person für ein Gemüse essen?", usw.

Heute arbeiten wir vor allem mit dem Implicit Association Test (IAT), und messen währenddessen mittels Magnetresonanztomografie die Aktivität im Gehirn. Diese Methode gibt es erst seit wenigen Jahren und ist sehr kostspielig. Testpersonen ordnen dabei verschiedene Begriffe wie "freundlich", "zornig" usw. schwarzen und weißen Gesichtern zu.

Bei weißen Studienteilnehmern erfolgt die Zuordnung von negativen Begriffen zu den Gesichtern von Afroamerikanern viel schneller als jene von positiven Begriffen. Das kommt daher, dass das Gehirn quasi eine Extrameile zurücklegen muss, um das erste vorschnelle Urteil zu überwinden. Rassismus ist schneller als der Gleichstellungsgedanke, weil die Gehirnregion, die auch für unseren Angstinstinkt verantwortlich ist, die Amygdala, am ehesten reagiert. Sie ist aber nicht allein, und nach wenigen Momenten beginnen andere Regionen, den Impuls in der Amygdala zu manipulieren.

Wir haben tatsächlich Regionen im Gehirn, die unsere rassistischen Impulse kontrollieren und ihnen gegensteuern. Daher können wir sehr wohl positive Begriffe einem dunkelhäutigen Gesicht zuordnen, brauchen dafür aber länger: Diese Gehirnregionen brauchen etwas Zeit, um unsere erste Reaktion "in den Griff" zu bekommen.

Die Ergebnisse des IAT sind recht eindeutig: Während acht von zehn Weißen mit Vorurteilen reagieren, sind es umgekehrt nur zwei von zehn Testpersonen, die Minderheiten angehören. Warum ist das so?

Minderheiten sind täglich damit konfrontiert, zahlenmäßig unterlegen zu sein, ob auf der Straße oder in den Medien. Das wird als Normalzustand empfunden. Die Ergebnisse würden sicher variieren, wenn wir verschiedene Gebiete testen könnten wie etwa den Süden oder die Ostküste. Die IAT-Studien werden aber immer im urbanen Einzugsgebiet von Universitäten wie Stanford betrieben. Aus der Verhaltensforschung wissen wir aber bereits, dass es große Unterschiede bei der Selbsteinschätzung, also der expliziten Assoziation gibt, je nachdem wo man lebt.

In den USA gibt es zahlreiche Minderheiten, warum wurden die Studien bisher nur mit "schwarzen" und "weißen" Gesichtern durchgeführt?

Dafür sind wir oft kritisiert worden, das kommt aber einfach daher, dass es uns noch nicht lange gibt. Wir brauchen knallharte und vor allem klare Ergebnisse, daher haben wir mit diesen beiden Gruppen angefangen. Wir testen natürlich verschiedene Gruppen, aber die Stimuli sind immer schwarze oder weiße Gesichter. Bei solchen Studien steht man immer vor einem ähnlichen Problem: Wie kann man komplexe menschliche Verhaltensweisen, die sich auch aus zahlreichen psychologische Faktoren wie Bildung, Erziehung usw. ergeben, neurowissenschaftlich belegen, und geht das überhaupt? Wir stecken dabei in den Kinderschuhen, begonnen hat diese Art der neurowissenschaftlichen Forschung ja erst vor zehn Jahren.

Könnte man eines Tages über die Aktivitäten im Gehirn Labels wie "rassistisch" oder "liberal" vergeben?

In die Richtung arbeiten wir. Aber selbst wenn wir bei jemandem viel oder wenig Potenzial für Vorurteile feststellen, heißt das nicht, dass die Person im Alltag so handelt. Dabei spielt mit, wie sehr wir uns unserer Handlungen bewusst sind, und wie sehr wir sie an unsere Moralvorstellungen und Ideale anpassen wollen. Unsere Gehirnaktivität lässt sich nachweislich formen.

Wir wollen als nächstes auf jeden Fall größere soziale Zusammenhänge beleuchten: Warum werden Minderheiten seltener in Spitzenpositionen befördert? Wie kommt es, dass härtere und längere Strafen für Afroamerikaner vergeben werden? Und würden wir unser Geld auch einem Investor dunkler Hautfarbe anvertrauen? Elisabeth Phelps hat 2011 eine Studie veröffentlicht ("Implicit race attitudes predict trustworthiness judgments and economic trust decisions", Anm.), die erstmals die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Gehirnaktivität beleuchtet, nämlich dass wir einem Afroamerikaner weniger mit unserem Geld trauen als einem Weißen.

Barack Obama und Mitt Romney kämpfen gerade um die Wahl zum US-Präsidenten. Mitt Romney entspricht zahlreichen weißen Klischees, während Barack Obama eher weniger gängigen Klischees über Afroamerikaner entspricht. Wer hat den größeren Vorteil?

Solche Fragen werden mir oft gestellt, unsere Studien werden aber immer an Unbekannten durchgeführt, nicht mit Stars. Sobald der Popularitätsfaktor dazu kommt, verschiebt sich unsere Wahrnehmung. Je mehr wir über jemanden wissen, desto vertrauter wird er uns. Mit Obama verbinden wir heute etliche positive und negative Dinge, die nichts mit seiner Herkunft zu tun haben. Trotzdem gibt es natürlich in diesem Land genügend Wähler, die Obama niemals wählen würden, und die das auch laut aussprechen. Ich weiß nicht, ob es einen großen Unterschied machen würde, wenn Obama ein Weißer wäre, aber er ist ja auch nur halb Afroamerikaner und halb Weißer. Vorurteile gegen Menschen gemischtrassiger Abstammung sind oft gemildert.

Interview: Denise Riedlinger, science.ORF.at