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Mann arbeitet mit Lexikon

Reinheitsgebot für das Deutsche?

Die Sprachwissenschaftler sind zerstritten. Die einen betrachten Lehnwörter aus dem Englischen als Zeichen des Kulturverlustes, die anderen empfinden Anglizismen als praktisch und gut. Eine Debatte zwischen Shitstorm und Empörungswelle.

Dauerstreit 03.09.2012

Neue Dinge brauchen neue Namen

Das Englische im Deutschen ist eine Bereicherung, sagt der englische Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch von der Freien Universität Berlin. Entlehnte Begriffe schließen seiner Ansicht nach Lücken im Wortschatz. Stefanowitsch war Vorsitzender jener Jury, die den Anglizismus des Jahres 2011 gewählt hat.

Das Rennen machte der Begriff "Shitstorm" - ein, Zitat Duden, "Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht."

Stefanowitsch nennt den Begriff ein Paradebeispiel für die klassische Entlehnungssituation: Etwas Neues kommt auf, das benannt werden muss. Das kann eine kulturelle Praxis sein, eine Technologie oder ein Gegenstand. Dafür bedienen sich die Muttersprachler aus einer sogenannten Zielkultur, also einer Kultur mit Vorbildcharakter. Den hat derzeit das Englische.

"Aber es ist keineswegs so, dass unsere Zielkultur heute die USA oder Großbritannien sind", sagt der Sprachwissenschaftler. Vielmehr sei die globalisierte Welt den Deutschen ein Vorbild. Und die globalisierte Welt spricht Englisch.

"Man könnte auch Empörungswelle sagen"

Am Samstag (8. September) ruft der Verein Deutsche Sprache zum zwölften Mal den Tag der deutschen Sprache aus. Die Fronten bleiben verhärtet. Schwierig sei der Einzug des Englischen vor allem dann, wenn die deutsche Sprachgemeinschaft gar nicht erst auf die Idee kommt, deutsche Begriffe für etwas Neues zu suchen, weil sie das Englische für moderner und lebendiger hält, sagt Holger Klatte vom Verein Deutsche Sprache in Dortmund. "Für Shitstorm könnte man auch sehr gut Empörungswelle sagen", findet der Sprachwissenschaftler.

So richtig passt das aber eben nicht, urteilte die Jury des Anglizismus 2011. "Sprachgemeinschaften entlehnen keine Wörter für etwas, für das sie schon ein Wort haben", sagt Stefanowitsch. Der Shitstorm zum Beispiel ist ein ganz spezieller Sturm der Entrüstung, der sich im Internet immer mehr hochschaukelt, besonders in den sozialen Plattformen.

Als das Französische modern war

Zwei Hauptargumente sprechen laut Klatte gegen Anglizismen: "Es gibt zu viele Menschen in Deutschland, die zu wenig oder kein Englisch sprechen." Und: "Weil das Deutsche eine alte, lang beständige und gut ausgebaute Kultursprache ist, in der wir eigentlich alles ausdrücken können, und das sollten wir nicht so einfach aufgeben."

Das Phänomen der Wort-Entlehnung ist nicht neu: Im späten 19. Jahrhundert war laut Stefanowitsch eher das Französische en vogue. Zielkulturen seien immer schon Länder gewesen, die entweder generell ein kulturelles Vorbild waren oder Vorreiter in einer speziellen Disziplin.

"Das Problem ist der Trend zur Kürze"

Für übertrieben hält auch Christoph Mücher vom Goethe Institut in Berlin das allgemeine Murren gegen Anglizismen. Den Status des galanten Lückenschließers gesteht er den Anglizismen durchaus zu. Für Relaunch zum Beispiel sei Neugestaltung einfach kein ernstzunehmender Ersatz. "Ich sehe Anglizismen nicht als Hauptproblem."

Das Hauptproblem des Deutschen ist seiner Ansicht nach der Trend zum immer Kürzeren. Sehr lange Texte zu lesen und zu schreiben, gelinge immer seltener: "Unsere Aufmerksamkeit wird verhäckselt, insbesondere durch die Textform E-Mail: kurz, schnell geschickt, immer mit relativer Dringlichkeit." Dann bemerkt er, wie "furchtbar retro" er wahrscheinlich klinge - und bedient sich damit aus dem Lateinischen.

science.ORF.at/dpa

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