Standort: science.ORF.at / Meldung: "Männer und Frauen sehen anders"

Ein Bogenschütze visiert sein Ziel an

Männer und Frauen sehen anders

Frauen und Männer betrachten die Welt nicht auf die gleiche Art und Weise. Wer sich das immer schon gedacht hat, wird von US-Psychologen nun bestätigt: Während Frauen besser Farben unterscheiden können, sehen Männer Kontraste und schnelle Bewegungen stärker.

Psychologie 04.09.2012

Dies berichten der Psychologe Israel Abramov vom Brooklyn College in New York und seine Kollegen in zwei aktuellen Studien.

Die Studien:

"Sex & vision I: Spatio-temporal resolution" und "Sex and vision II: color appearance of
monochromatic lights" von Israel Abramov und Kollegen sollen in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Biology of Sex Differences" erscheinen.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 4.9., 13:55 Uhr.

Bekannter Unterschied: Rot-Grün-Blindheit

Über die Geschlechterdifferenz des visuellen Systems beim Menschen ist im Gegensatz zu anderen Wahrnehmungsbereichen noch erstaunlich wenig bekannt, schreiben die Forscher. Einschlägige Studien hätten gezeigt, dass der Tast- und Gehörsinn bei Frauen generell sensibler ausgeprägt ist als bei Männern.

Beim Sehen ist bisher vor allem ein Unterschied bekannt: die Rot-Grün-Blindheit, von der überwiegend die Männer betroffen sind. Ihnen fehlt einer der drei für den Farbeindruck verantwortlichen Rezeptoren in der Netzhaut, einer der sogenannten Zapfen. Da das entsprechende Gen auf dem X-Chromosom liegt, wird die Sehschwäche bei Frauen - die zwei Varianten davon haben - viel seltener vererbt.

Frauen besser bei Farbunterscheidung ...

Mit Farbensehen hat auch die erste der beiden Studien zu tun, die Abramov und sein Team nun im bezeichnenderweise "Biology of Sex Differences" heißenden Journal veröffentlicht hat. Dabei testeten sie den Eindruck von Ton und Sättigungsgrad von Farben, den männliche und weibliche Probanden hatten, nachdem sie einfarbige Lichtblitze vor einem dunklen Hintergrund zu sehen bekamen.

Die Unterschiede bei der Wahrnehmung waren gering, aber signifikant, wie die Forscher schreiben. So gaben die Männer über das gesamte Farbspektrum zwar die gleichen Sinneseindrücke an wie die Frauen. Der Moment, ab dem sie bestimmte Wellenlängen mit bestimmten Farben bezeichneten, war aber leicht verschoben.

Mit anderen Worten: Männer brauchen einige Nanometer Wellenlänge mehr, um einen eindeutigen Eindruck von etwa Blau oder Gelb zu gewinnen. In der Mitte des sichtbaren elektromagnetischen Spektrums können sie auch schlechter zwischen Farben unterscheiden als die Frauen.

... Männer beim räumlich-zeitlichen Unterscheiden

Dafür sind Frauen beim Differenzieren von bewegten Objekten nicht ganz so gut, wie die Forscher in ihrer zeitgleich erschienenen, zweiten Studie berichten. Im Mittelpunkt dabei stand die Fähigkeit des Kontrastsehens. Die Probanden bekamen diesmal horizontale bzw. vertikale Balken in unterschiedlichen Helligkeitsstufen auf einem Computermonitor zu sehen. Sobald hellere gegen dunklere Balken ausgetauscht wurden, erzeugte dies den Eindruck eines "Bildschirmflackerns".

Je nachdem, wie schnell die Balken gewechselt wurden oder wie knapp sie beieinander lagen, änderte sich die Fähigkeit der Studienteilnehmer, die Gegenstände zu unterscheiden. Den Männern gelang dies auch bei höheren Geschwindigkeiten besser als den Frauen: Ihr Schärfe- und Kontrastsehen ist um rund zehn Prozent stärker ausgeprägt, schreiben die Forscher.

Zwei Erklärungsversuche

Woher die Unterschiede zwischen den Geschlechtern kommen, wollen sie nicht exakt beantworten. In Sachen besseres räumlich-zeitliches Sehen bemühen sie die "Jäger-Sammler-Hypothese": Ihrzufolge war ein weitsichtiger Blick zum Schutz vor Gefahren notwendig, als die Menschheit noch in den Savannen Afrikas lebte. Da die Rolle des Jägers bei unseren Vorfahren den Männern zukam, könnte sich daraus ein geschärfter Sehsinn entwickelt haben, der heute noch messbar ist. Verschiedene Studien würden darauf hinweisen, dass Männer speziell über größere Distanzen Unterschiede besser erkennen können als Frauen.

Bei der Farbwahrnehmung könnte Testosteron eine wichtige Rolle spielen. Auf bisher noch unbekannte Weise könnte das Sexualhormon die neuronalen Schaltkreise, die die Informationen der Netzhaut verarbeiten, bei Männern und Frauen unterschiedlich beeinflussen. Von dem bei Männern stärker konzentrierten Hormon weiß man, dass es vor der Geburt die Bildung von Gehirnzellen im Sehzentrum und von Nervenverbindungen fördert.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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