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Zwei Gehirne im Scan gegenüber

Neurosexismus und Neurononsens

Beweisen die neuen bildgebenden Verfahren der Neurowissenschaft endgültig, dass "Frauen von der Venus und Männer vom Mars stammen"? Nein, meint Cordelia Fine. Die Psychologin zeigt, auf welch wackeligen Beinen die Gehirnscanstudien stehen - und wie sie zum Fortschreiben alter Vorurteile über die Geschlechter missbraucht werden.

Gehirnforschung 14.09.2012

"Neurosexismus und Neurononsens" nennt die Forscherin von der Universität Melbourne in einem science.ORF.at-Interview einige populärwissenschaftliche Abhandlungen zu dem Thema. Fine nimmt gerade an der Konferenz "NeuroCultures - NeuroGenderings" an der Universität Wien teil und hat für ihr Buch "Die Geschlechterlüge" den aktuellen Stand der Erkenntnis akribisch recherchiert.

Porträtfoto von Cordelia Fine

Dean Cambray - Cordelia Fine

Die in Großbritannien geborene Psychologin Cordelia Fine ist derzeit ARC Future Fellow an der Universität Melbourne. Vor einigen Monaten ist ihr Buch "Die Geschlechterlüge. Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann" im Verlag Klett-Cotta erschienen.

Konferenz in Wien:

Von 13. bis 15. September 2012 findet an der Universität Wien die Konferenz NeuroCultures - NeuroGenderings II statt. Cordelia Fine hat dabei die Keynote über "Functional Neuroimaging Investigations of Sex Differences: Neurosexism or Neuronal Correctness?" gehalten.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin, 14.9., 19:05 Uhr.

Links:

  1. Leonard Sax
  2. Why Gender Matters
  3. Louann Brizendine

science.ORF.at: Wie viele Studien haben Sie für Ihr Buch gelesen und wie lange hat die Recherche gedauert?

Cordelia Fine: Alles in allem zwei Jahre. Ich habe es nicht genau gezählt, aber es waren sicher hunderte populärwissenschaftliche Bücher und akademische Artikel, die ich gelesen habe, aus verschiedenen Disziplinen von Sozial- und Entwicklungspsychologie über Neurowissenschaft und Endokrinologie bis zur Soziologie. Die Recherche war umfangreich und einigermaßen schockierend.

Wieso schockierend?

Ich hatte mein Buch ursprünglich ganz anders geplant. Das Thema hat mich als Mutter beschäftigt - ich habe zwei Söhne - und so habe ich das Buch "Why Gender Matters" von Leonard Sax gelesen. Er argumentiert, dass es eindeutige biologische, im Gehirn verdrahtete ("hardwired") Unterschiede zwischen Mädchen und Buben gibt, und wir sie deshalb in getrennten Klassen oder sogar Schulen unterrichten sollten. Er bezieht sich dabei auf Gehirnregionen, mit denen ich mich im Rahmen meiner PhD-Arbeit intensiv beschäftigt habe.

So wurde ich neugierig und habe mir die Studien genauer angesehen, auf denen die Behauptungen von Sax basieren. Ich war richtig schockiert über die Unterschiede zwischen den Aussagen der Studien und den Behauptungen von Sax. Daraufhin habe ich mir andere populäre Bücher zu dem Thema angesehen und bemerkt, wie viele Autoren neurowissenschaftliche Fakten missinterpretiert, missverstanden und mitunter auch einfach erfunden haben - und wie sie dabei gleichzeitig alte Stereotypen fortgeschrieben haben.

Mein erstes Ziel war deshalb zu zeigen, wie die Wissenschaft fehlgedeutet wurde. Die wissenschaftliche Literatur habe ich anfangs als Quelle objektiver Fakten betrachtet. Je mehr ich mich aber damit beschäftigt habe, desto verwirrter wurde ich: Denn auch die Neurowissenschaft der Geschlechterdifferenz selbst, nicht erst die popularisierte Version von ihr, liefert nur aus der Ferne eindeutige Antworten. Bei näherer Betrachtung offenbaren sich enorme Wissenslücken.

Was sind Beispiele für derartige Fehldeutungen, etwa was das sehr populäre Buch von Louann Brizendine ("Das weibliche Gehirn") betrifft?

Brizendine ist eine respektierte Wissenschaftlerin, aber ihr Buch war sehr enttäuschend. Ihre Behauptungen haben selten etwas mit den Studien zu tun, auf die sie sich berufen hat. Sie hat z.B. auf Arbeiten verwiesen, die biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern dokumentieren sollen, an denen aber entweder nur Frauen oder nur Männer teilgenommen haben.

Ähnliches trifft auch auf "Why gender matters" von Leonard Sax zu. Er empfiehlt darin u.a., dass der Mathematikunterricht für Buben und Mädchen verschieden sein sollte. Sein Argument beruht zum Teil auf einer Gehirnscan-Studie, bei der erwachsene Männer und Frauen einen Navigationstest absolvieren mussten. Aus den Ergebnissen schloss er, dass sich Buben von sich aus für Mathematik interessieren, während Mädchen das nur dann tun, wenn die Mathematik mit der sozialen Welt in Beziehung steht. Entsprechend sollte Buben die Mathematik "pur" unterrichtet werden, während sie Mädchen über die Beziehung von zwei Menschen näher gebracht werden sollte. Das sind ganz klar alte Stereotype und Fehlschlüsse.

Was werfen Sie ihm konkret vor?

Zum einen ist es seltsam, von einer Navigationsstudie auf Mathematik zu schließen. Zum zweiten stellt es die prinzipielle Frage, was wir aus Gehirnscan-Studien lernen können. Die konkrete Studie hatte nur einige wenige Teilnehmer. Wir wissen, dass der Vergleich von Gruppen mit wenigen Teilnehmern bei der Wiederholung zu unterschiedlichen Resultaten führt.

Weiters stellt sich die Frage, was es bedeutet, wenn man etwa im Hippocampus eine etwas höhere Aktivität sieht. Leonard Sax würde sagen: ein innewohnendes Interesse an Zahlen. Aber die Neurowissenschaften sind noch nicht soweit zu sagen, wo ein angeborenes Interesse an Zahlen zu lokalisieren ist. Es wird ganz sicher nicht eine einzelne Stelle im Gehirn sein, wir wissen nicht, wie solch ein Interesse neuronal repräsentiert ist.

Die korrekte wissenschaftliche Antwort sollte also lauten: Es ist heute noch sehr schwierig, Verbindungen zwischen psychologischen Prozessen und Gehirnaktivitäten zu ziehen. Das Problem ist: Solange es diese Wissenslücken gibt, werden sie mit alten Stereotypen gefüllt - und das ist genau, was viele der populären Sachbuchautoren machen.

Das ist ein Beispiel für "Neurosexismus und Neurononsens", wie Sie es nennen. Woher kommt das?

Es hat leider eine lange Tradition. Die Historikerin Cynthia Eagle Russett hat in ihrem Buch "Sexual Science" beschrieben, wie die Gehirnwissenschaft im Zeitalter des Viktorianismus argumentiert hat, dass ein größeres Gehirn mehr Intelligenz bedeutet. Das hat historisch so lange gehalten, bis die Evidenz dagegen gesprochen hat. Ich sehe darin große Parallelen zur heutigen Interpretation der Gehirnscan-Studien.

Warum sind diese neuen bildgebenden Verfahren der Neurowissenschaften so beliebt?

Zum Teil dürfte es sich um ein einfaches Missverständnis handeln: Viele Menschen - darunter leider nicht selten Buchautoren - halten die bunten Flecken auf diesen Bildern für direkte Repräsentationen neuronaler Aktivität. Das sind sie aber nicht. Vielmehr sind sie die Endpunkte extrem komplexer statistischer Analysen, die Unterschiede zwischen einer Studiengruppe und einer Kontrollgruppe suchen. Sie stellen also eher statistische Signifikanz dar als neuronale Aktivität und sind mit Sicherheit kein direkter Blick ins Gehirn.

Der nächste Fehlschluss, der ständig wiederholt wird, lautet: Wenn sich etwas im Gehirn nachweisen lässt, dann ist das angeboren. Natürlich würde in der Neurowissenschaft niemand prinzipiell diesen Fehler machen. Denn hier wächst das Verständnis, dass sich das Gehirn in einer unentwirrbaren Interaktion mit der Umgebung und der Erfahrung entwickelt. Bei den konkreten Neurostudien wird aber kaum der Versuch unternommen, die Plastizität der Geschlechterunterschiede im Gehirn zu berücksichtigen. In den zwei Jahren, die ich mir angesehen habe - 2009 und 2010 - hat es keine einzige Studie gegeben, die z.B. untersucht hat, wie Erfahrung, Kontext oder sozioökonomische Faktoren die Unterschiede der Geschlechter beeinflussen.

Es handelt sich immer um Schnappschuss-Vergleiche von weiblichen und männlichen Gehirnen, die uns erstaunlich wenig verraten. Die Neurowissenschaften kritisieren zwar ihre popularisierten Varianten, die voreilig von fest verdrahteten Unterschieden schreiben. Wenn die Literatur aber voll wäre mit Studien, die sich mit der Formbarkeit des Gehirns beschäftigen würden, wäre es viel schwieriger, diesen Fehler zu begehen.

Warum werden Faktoren wie Umgebung und Erfahrung bei den Studien so selten untersucht?

Die Schnappschuss-Vergleiche sind viel einfacher gestrickt und werden dennoch in Fachzeitschriften mit hohem Impact Faktor veröffentlicht. Wissenschaftler sind einem enormen Druck zu publizieren ausgesetzt. Das gilt auch für die Neuroforschung, wo die Studien besonders teuer sind und man dennoch Resultate vorweisen muss. Das ist zwar verständlich, aber nicht im Sinne der Wissenschaft.

Dazu kommt ein Publikationsbias, der die Veröffentlichung positiver Ergebnisse bevorzugt: Es gilt als uninteressant, wenn ein Experiment keine Unterschiede zwischen einer Studiengruppe und einer Kontrollgruppe findet. Die entsprechenden Studienresultate verschwinden auch in der Psychologie in der Schublade ("file drawer problem").

Das verbindet sich mit dem Umstand, dass in den Journals nur sehr wenige Wiederholungsstudien publiziert werden. Es muss immer etwas Neues sein, das veröffentlicht wird. Das ist zwar auch verständlich, aber die Wiederholung ist das Rückgrat der Wissenschaft.

Nach Ihrer ausgiebigen Literaturrecherche: Was lässt sich heute mit wissenschaftlicher Sicherheit über die "festverdrahteten" Unterschiede im Gehirn von Buben und Mädchen sagen?

Das steht alles in meinem Buch (lacht). Aber im Ernst: Ich halte schon die Bezeichnung "festverdrahtet" für schlecht, wenn man daran denkt, wie komplex und ungeordnet sich das Gehirn entwickelt. Die Art, wie die Wissenschaft die Geschlechterunterschiede betrachtet - etwa die Rolle von pränatalen Hormonen bei der Entwicklung des Gehirns - ist noch immer sehr von einseitigen und statischen Modellen geprägt.

Die Männer sind angeblich so verdrahtet, dass sie herausfinden wollen, wie die Welt funktioniert, wie sie die Objekte der Welt einteilen und systematisieren; die Frauen hingegen seien so verdrahtet, dass sie sich mehr für andere Menschen interessieren, was sie denken und fühlen.

Mein Schluss dazu lautet: Es ist zu früh, einen Schluss zu ziehen. Die Studien, auf denen diese Annahmen beruhen, sind einfach oft sehr mangelhaft. Es gibt viele Wissenschaftler, die sagen: "Es tut uns leid, aber die Biologie verschließt die Türen für echte Geschlechtergerechtigkeit." Ich würde ihnen antworten: Möglicherweise behaltet ihr am Ende recht, aber der aktuelle Stand der Forschung reicht nicht aus, uns die Türen vor der Nase zuzuschlagen.

Eine Kritik lautet: Dieser Gender-Ansatz ist antiwissenschaftlich …

Das ist ganz sicher nicht meine Einstellung. Aber die Forschung muss so sein, dass sie der Komplexität von Gender gerecht wird. Sie bedarf Forscher und Forscherinnen, die auch über dieses Wissen verfügen. Ich denke, das ist auch die Einstellung der Teilnehmer der Konferenz hier in Wien: Sie sind nicht gegen die Wissenschaft eingestellt, sondern sie fragen sich, wie sie noch besser gemacht werden könnte.

Ihre Söhne sind sieben und neun Jahre alt: Haben die beiden jemals etwas gemacht, das Sie überrascht hat im Sinne: Das war aber jetzt "typisch männliches Verhalten" bzw. woher haben sie das?

Wenn man zwei Kinder hat wie ich, merkt man vor allem, wie unglaublich unterschiedlich Kinder sein können. Meine beiden Söhne haben sowohl Eigenschaften und Interessen, die man stereotyperweise als typisch männliche bezeichnen würde als auch typisch weibliche. Ich denke mir oft, wie einfach es doch wäre, diese Eigenschaften ihrem Geschlecht zuzuordnen, wenn ich eine Tochter und einen Sohn haben würde. Ich habe aber zwei Söhne, und so sehe ich ihre Eigenschaften als Teile ihrer jeweiligen Einzigartigkeit. Kinder sind mysteriöse Wesen … (lacht)

Sie sind aber nicht die lebenden Beweise oder Gegenbeweise für das, was Sie in den Studien gefunden haben?

Nein. Das Interessante an Kindern ist ja, dass viele Menschen sagen: "Bisher dachte ich, Geschlechterunterschiede entstehen durch die Erziehung - bis ich meine eigenen hatte." Das ist weitverbreitet, vergisst aber anzuerkennen, wie sehr unsere Welt "gegendert" ist. Die erste Frage nach der Geburt lautet: Ist es ein Mädchen oder ein Bub? Die Kinder wachsen in einer Welt auf, in der sie vom ersten Moment an auf verschiedene Rollenerwartungen treffen, denken Sie nur an die Farben Blau und Rosa.

Bis zum Alter von zwei Jahren sind die Unterschiede zwischen Buben und Mädchen zwar vorhanden, aber nur sehr gering. Danach beginnen sie zu verstehen, welcher der beiden Seiten sie angehören, und entwickeln die Unterschiede im Verhalten und in den Interessen. Es ist lächerlich zu glauben, dass man Kinder in einer derartigen Welt großziehen kann, ohne dass sie die Wichtigkeit des Geschlechterunterschieds mitbekommen. Selbst besonders egalitär eingestellte Eltern tragen Überzeugungen über Geschlechterrollen in sich, die das Verhalten ihrer Kinder beeinflussen, ohne dass sie das vielleicht wollen oder selbst bemerken.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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