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Ausschnitt aus dem Cover des Buchs "Subversion deutscher Herrschaft", zu sehen sind britische Soldaten

NS-Opfermythos - eine britische Erfindung?

Österreich war nicht Täter, sondern das erste Opfer des Nationalsozialismus: Dieses Geschichtsbild dominierte hierzulande über Jahrzehnte und brach erst mit der "Waldheim-Affäre" auf. Ein Kärntner Historiker argumentiert in einem neuen Buch nun, dass der vielkritisierte Opfermythos in Wirklichkeit eine britische Erfindung war.

Zeitgeschichte 17.09.2012

Er sollte Österreich nach dem Krieg eine eigene nationale Identität verschaffen, schreibt Peter Pirker in seiner Studie "Subversion deutscher Herrschaft", die sich mit den Aktivitäten des britischen Kriegsgeheimdienstes SOE in Österreich beschäftigt.

"Zarte Pflanze des Nationalgefühls stärken"

Pirkers Erkenntnisse fußen auf bisher unbekannten britischen Geheimdienst- und Regierungsdokumenten. So dokumentiert er, dass das Londoner Außenministerium schon im Jänner 1941 einen ersten strategischen Plan zur "Wiedererrichtung Österreichs als nationale Entität" ausgearbeitet hatte. Öffentlich gemacht wurde diese Absicht erst zwei Jahre später, als sich die Alliierten in der "Moskauer Deklaration" zu einem unabhängigen Österreich nach Kriegsende bekannten.

Die "Moskauer Deklaration" vom November 1943 sollte nicht den anti-deutschen Widerstand anstacheln, sondern war vielmehr als "Handreiche für einen nationalen österreichischen Gründungsmythos gedacht, der zu einer dauerhaften Abgrenzung von Deutschland führen sollte", betont Pirker.

Er zitiert unter anderem den Diplomaten Geoffrey Harrison, demzufolge die Deklaration "die zarte Pflanze des österreichischen Nationalgefühls" stärken solle. Man werde Österreich daher eine bessere Behandlung als Nazi-Deutschland in Aussicht stellen und auf eine Bestrafung "für vergangene Untaten" verzichten - ein Beitrag, warum es in Österreich nach dem Krieg keine umfassende Entnazifizierung gegeben hat.

Viele Exil-Österreicher "großdeutsch"

Die Briten blieben ihrer Linie nämlich als Besatzungsmacht treu. Oberstes Prinzip war es, den jungen Staat als von Deutschland unabhängige Nation zu stabilisieren. Dafür wurde auch in Kauf genommen, dass sich Wehrmachtsangehörige zu Opfern des Krieges umdeuteten. London habe die Tätigkeit der einflussreichen Kameradschaftsbünde "durchaus als etwas Positives für den Nationsbildungsprozess" begriffen, solange "das Bekenntnis zu Österreich symbolisch im Vordergrund stand", schreibt Pirker.

Die britische Haltung wird verständlich, wenn man sich vor Augen hält, dass im Krieg nicht einmal alle Londoner Exilanten für die Unabhängigkeit Österreichs eintraten. So hätten etwa die Exil-Sozialisten zunächst noch darauf gehofft, dass es nach dem Krieg eine sozialistische Revolution in Großdeutschland geben werde.

Erst auf Druck des britischen Kriegsgeheimdienstes Special Operations Executive (SOE) seien sie auf eine rot-weiß-rote Linie umgeschwenkt, wie ein Brief des früheren Chefredakteurs der Arbeiterzeitung, Oscar Pollak, zeigt. Er schrieb im Sommer 1942 fast bedauernd, das Eintreten für die Eigenstaatlichkeit Österreichs sei "unausweichlich", wenn es britische Waffen und Lebensmittel für die österreichischen Arbeiter geben soll.

Wenig einheimischer Widerstand

Ö1 Sendungshinweis:

Passagen:"Ein Schicksalstag der Ersten Republik": 17.9, 16:00 Uhr.

Den Hauptteil des knapp 600 Seiten dicken Werkes nimmt die Beschreibung der britischen Geheimdienstoperationen auf dem Gebiet des damaligen Österreich ein. Von Zürich, Istanbul und Stockholm sowie über Fallschirmabsprünge schleuste die SOE Agenten, Waffen und Propagandamaterial nach Österreich, doch waren diese Aktionen wegen fehlenden einheimischen Widerstands zum Scheitern verurteilt.

Potenzial hatte einzig die Zusammenarbeit mit den im slowenischsprachigen Teil Kärntens operierenden Partisanen, die von den Briten mit Fliegerabwürfen versorgt und bewaffnet wurden. Dieses Bündnis zerbrach, noch bevor es handfeste Ergebnisse zeitigen konnte, am Ringen Großbritanniens und der Sowjetunion um Einflusszonen in Mitteleuropa.

Pirkers brisante Thesen dürften wohl nicht unwidersprochen bleiben, doch kann der Autor der Kritik wohl gelassen entgegensehen. Seine vom Wiener Historiker Oliver Rathkolb als "zeithistorische Spitzenarbeit" gewürdigte Studie ist nämlich penibel recherchiert und fundiert geschrieben.

science.ORF.at/APA

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