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Hand in Hand: Politiker bei einem Treffen der Association of South East Asian Nations.

Nachdenken macht egoistisch

Der Mensch ist ein soziales Wesen - aber nicht immer, wie Versuche zeigen: Bauchentscheidungen fallen meist zum Wohl der Allgemeinheit aus. Die Vernunft weckt hingegen den Egoismus.

Ökonomie 20.09.2012

Von Martin von Tours, einem der bekanntesten christlichen Heiligen, wird folgendes erzählt: An einem kalten Wintertag des Jahres 334 begegnete er vor den Stadttoren von Amiens einem nackten Bettler. Martin nahm sein Schwert in die Hand, teilte seinen Mantel und gab die eine Hälfte dem Bedürftigen.

Man darf davon ausgehen, dass der heilige Martin nicht lange über sein Tun nachdachte. Hätte er das getan, wäre ihm vielleicht die drohende Arreststrafe in den Sinn gekommen, die er nach seiner barmherzigen Tat ausfassen sollte. Der spätere Bischof von Tours war damals nämlich noch Gardeoffizier, die Beschädigung von Militäreigentum kam bei seinen Vorgesetzten (so denn die Überlieferung stimmt) nicht so gut an.

Bauchgefühl vs. Verstand

Die Studie:

"Spontaneous giving and calculated greed" vom 20.9. in Nature (doi: 10.1038/nature11467).

Dass Martin spontan zum Schwert griff, würde sich jedenfalls mit dem Ergebnis einer Studie decken, die soeben ein Team um den Harvard-Psychologen David Rand veröffentlicht hat. Rand wollte wissen, ob unsere Anlage zu kooperativem Verhalten eher vom Bauchgefühl oder vom Verstand geleitet wird.

Um das herauszufinden, rekrutierte er mit seinen Kollegen (darunter übrigens auch der österreichische, ebenfalls in Harvard tätige Biomathematiker Martin Nowak) 212 Probanden auf dem Online-Marktplatz Amazon Mechnical Turk. Diese nahmen an einem sogenannten Public Goods Game teil, das wie folgt ablief:

Je vier Teilnehmer bildeten eine Gruppe, deren Mitgliedern 40 Dollar ausgehändigt wurden. Davon konnten sie einen beliebigen Prozentsatz in einen Topf werfen, wo sämtliches Geld verdoppelt und - durch vier geteilt - wieder an alle Mitglieder verteilt wurde.

Investieren bei diesem Setting alle Mitglieder in den öffentlichen Topf, beträgt der Gewinn pro Person 40 Dollar. Allerdings kann man als Egoist den Gewinn noch steigern, indem man das eigene Geld zurückbehält, die anderen zahlen lässt - und den gemeinsamen Profit dennoch einstreift.

Sozial durch Zeitdruck

Rand fand heraus, dass die Geschwindigkeit der Entscheidung das Ergebnis beeinflusste: Die schnell entschlossene Hälfte der Probanden stellten im Schnitt zwei Drittel ihrer Ressourcen der Allgemeinheit zur Verfügung, bei den verbliebenen Zauderern waren es indes nur 53 Prozent.

Das Tempo ist deswegen interessant, weil wir in der Regel bei kurzfristigen Entscheidungen auf die Intuition zurückgreifen - was, wie der US-Psychologe Daniel Kahnemann in seinem Bestseller "Thinking - Fast and Slow" argumentiert, unser Normalmodus zu sein scheint. Rationale Abwägung sollte jedenfalls mehr Zeit in Anspruch nehmen: Dass diese direkt für die Zunahme der Gier verantwortlich waren, hatte Rand damit noch nicht bewiesen.

Deshalb startete er eine zweite Versuchsrunde, bei der er die Probanden unter Zeitdruck setzte. Und tatsächlich: Unter diesen Bedingungen agierten die Probanden tatsächlich sozialer. Das gleiche Ergebnis brachten Versuche, in deren Rahmen die Teilnehmer zunächst durch Denksportaufgaben zu intuitiver vs. rationaler Denkweise angehalten wurden.

Unser Bauchgefühl hat, so scheint es, seine Ursprünge in der Spontaneiät. Und unsere soziale Ader ebenfalls. Ähnliches hatte der Ökonomie-Nobelpreisträger Herbert Simon bereits vor 20 Jahren vermutet. Er notierte 1992: "Intuition ist nicht mehr und nicht weniger als Anerkennung."

Robert Czepel, science.ORF.at

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