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Junge Frau beißt in ein Stück Schokolade

Warum Schokolade wie eine Droge wirkt

Der menschliche Körper ist etwas Wunderbares: Er kann von selbst Stoffe produzieren, die eine berauschende Wirkung haben. So etwa beim Sex, Sport und Verzehr von Schokolade. Warum Süßigkeiten wie eine Droge wirken können, haben US-Forscher bei Ratten genauer untersucht.

Ernährung 21.09.2012

Die Neigung zu "Fressattacken" hat sie zu einer unerwarteten Gehirnregion und einem körpereigenen Opioid geführt. Mehr Konsum bedeutet dabei nicht mehr Lust, wie die Studienleiterin und Biopsychologin Alexandra DiFeliceantonio von der University of Michigan in Ann Arbor berichtet.

Die Studie:

"Enkephalin surges in dorsal neostriatum as a signal to eat" von Alexandra DiFeliceantonio und Kollegen ist am 20.9.2012 in "Current Biology" erschienen.

Zwei Kilo Schokolade in 20 Minuten

Ratten haben in neurowissenschaftlichen Labors üblicherweise kein besonders angenehmes Leben. Bei der aktuellen Studie war das zumindest teilweise anders. Die Forscher setzten ihnen nämlich jede Menge jener mit Zucker glasierten, bunten Schokoladelinsen vor, die wie zwei Konsonanten in der Mitte des Alphabets heißen (siehe Bild links).

Eine Laborratte vor den Schokolinsen, sie frisst gerade eine

Current Biology, DiFeliceantonio et al

Laborratte und Schokolinsen

Mit Hilfe winziger Gewebssonden (Mikrodialyse) maßen sie zunächst den Ausgangswert körpereigener Opioide (Enkephaline und Dynorphine) im Gehirn und gaben den Tieren dann zu fressen. Der Heißhunger der Ratten war groß, denn im Schnitt verschlangen sie in 20 Minuten zehn Schokolinsen mit einem Gewicht von ebenso vielen Gramm. Umgerechnet auf einen menschlichen Körper von 70 Kilogramm, entspräche das über zwei Kilogramm Schokolade - eine Menge, die nicht einmal die stärksten Kakao-Aficionados bewältigen können.

Enkephaline im Großhirnbereich

Die Ratten aber konnten das, und parallel zu ihrem Mageninhalt stiegen auch die Werte mehrerer Enkephaline an, nicht jedoch die Dynorphine. Die Forscher untersuchten in dieser Hinsicht mehrere Gehirnbereiche, im zum Großhirn gehörenden dorsalen Neostriatum wurden sie fündig.

Nach 20 Minuten Schokolinsenfressen stiegen die Enkephalin-Werte dort um mehr als die Hälfte an. Diese Gehirnregion wurde bisher mit der Verarbeitung motorischer Aktivitäten in Verbindung gebracht. Zusatztests der Forscher schlossen aber aus, dass sich die veränderten Substanzwerte alleine aufgrund von Kauen oder anderen Bewegungen ergeben hätten können.

"Fressattacke" künstlich auslösbar

Doch würde die Versuchsanordnung auch umgekehrt funktionieren, indem man Schokoladeheißhunger durch chemische Substanzen auslöst? Genau diese Frage beantworteten DiFeliceantonio und ihre Kollegen im zweiten Teil ihrer Studie. Sie injizierten den Ratten punktgenau an mehreren Stellen des dorsalen Neostriatums das künstlich hergestellte Opioid Damgo. An bestimmten Stellen lösten sie damit einen wahren Fressanfall aus. Die Nager fraßen dann innerhalb einer Stunde bis zu 17 Schokolinsen. Im Menschenvergleich wären das dreieinhalb Kilo Schokolade.

Ratten schmeckte Schokolade nicht mehr

Dass der Schokoverzehr mehr mit Suchtverhalten als mit Genuss zu tun hat, zeigte ein abschließendes Experiment der Forscher. Dabei untersuchten sie, inwieweit die Kombination der chemischen Substanz und der passenden Gehirnregion einfach das subjektive Wohlgefühl erhöht hat. Wie man das bei Ratten misst? Durch Überprüfung ihrer "orofacialen Reaktionen", sprich wie sich ihre Gesichts- und Mundregionen beim Fressen verhalten.

Ein Beispiel: Auch Nager, so erklären die Forscher in ihrer Studie, würden sich ähnlich wie Menschen beim Verzehr von Süßspeisen eher die Lippen lecken als bei bitterer Nahrung. Wurden den Tieren die künstlichen Opioide gespritzt, so veränderten sich diese und andere Verhaltensweisen aber nicht. Mit anderen Worten: Die Ratten schlangen zwar deutlich mehr Schokolade in sich hinein, ihr Lustfaktor stieg deshalb aber nicht an.

Der Schluss von Ratten auf Menschen sei zwar schnell, aber im Prinzip zulässig, sagen die Forscher. "Die gleiche Gehirnregion, die wir untersucht haben, ist beim Menschen aktiv, wenn Dickleibige Essen sehen oder Drogensüchtige Drogen. Es ist wahrscheinlich, dass Enkephaline auch bei uns einige Arten von maßlosem Konsum und Abhängigkeit antreiben", so DiFeliceantonio.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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