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Rotlachs im flachen Wasser

Im Gehirn des toten Lachses

Wussten Sie, dass der Eiffelturm kleiner wird, wenn man den Kopf nach links neigt? Diese Erkenntnis wurde soeben mit dem "Nobelpreis" für skurrile Forschung des Jahres 2012 ausgezeichnet. Ebenfalls preisgekrönt: Hirnforschung an toten Lachsen und Schweden mit grünen Haaren.

Ig-Nobelpreise 21.09.2012

Wir wollen nicht darauf herumreiten, aber wir haben es geahnt. Im April stellte der Cambridge-Physiker Raymond Goldstein eine Arbeit vor, die einen Paradigmenwechsel in der Frisurforschung herbeiführen sollte. Seine "ponytail equation" ermöglichte es erstmals, das Verhalten des menschlichen Haarschopfes im Gravitationsfeld zu beschreiben. Lockenkopf und Pferdeschwanz sind damit nun endlich im physikalischen Formelkanon angekommen, was durchaus für Anwendungen nützlich sein könnte, etwa im Bereich von Animationen.

Ein bisschen nerdy ist das Ganze allerdings auch, weshalb Goldstein zum Redaktions-Favoriten für den diesjährigen Ig-Nobelpreis im Fach Physik avancierte. Er blieb der Favoritenrolle gerecht. Mit ihm wurden gestern im Sanders Theatre der Harvard University neun weitere Forscherteams für kuriose Beiträge zum Unternehmen Wissenschaft ausgezeichnet.

Kürbis im Hirnscanner

Etwa Craig Bennett von der University of California. Bennett ist ein Neurowissenschaftler, der die Gehirne seiner Probanden per Magnetresonanz-Tomographie (fMRI) untersucht. Um die Signale des Tomographen möglichst präzise zu gestalten, testen Forscher die Maschine im Leerlauf. Im Prinzip kann man bei diesem Arbeitsschritt alles in den Hirnscanner legen. Bennett, offenbar dem Lukullischen zugeneigt, entschied sich zunächst für einen Kürbis und dann für ein Huhn aus dem Kühlregal.

Als er jedoch einen ebenfalls längst erkalteten Lachs in den Tomographen legte, schlugen die Messgeräte an: Die Maschine hatte neuronale Signale im Gehirn des Fisches registriert. Denken tote Tiere? Nicht wirklich, berichtet Bennett. Es handle sich vielmehr um falsch-positive Signale, die bei Verwendung der falschen Statistik auftreten würden.

"Ein Jahr bevor wir unsere Arbeit veröffentlicht haben, betrug der Anteil von fMRI-Studien ohne angemessene statistische Korrekturen 30 Prozent", sagt Bennett. "Nun beträgt der Anteil nur mehr zehn Prozent. Vielleicht hat auch unsere Lachs-Studie einen Teil dazu beigetragen."

Akustischer Redefluss-Stopper

Marc Abrahams, Ig-Nobelpreis-Initiator und Herausgeber des Magazins "Improbable Research", führte auch gestern wieder durch das Abendprogramm. Potenziell "tausende nützliche Anwendungen" attestierte er einer Erfindung der japanischen Forscher Kazutaka Kurihara und Koji Tsukada.

"SpeechJammer" heißt das aus Richtmikrofon und Lautsprecher bestehende Gerät: Es wirft die aus dem Mund eines Sprechers kommenden Schallwellen an diesen zurück. Und zwar exakt mit jener Verzögerung, die als besonders nervtötend empfunden wird. Die intendierte Folge: Schweigen. Das Gerät könnte Kurihara und Tsukada zufolge bei besonders redefreudigen Zeitgenossen eingesetzt werden. Was wird die Diskursethik dazu sagen? Ein Fall für den Ignobelpreis 2013.

Grüne Haare und schrumpfende Türme

Die restlichen Preisträger im Schnelldurchlauf: Johann Petterson erhielt den Chemiepreis für die Beantwortung der Frage: Warum verfärben sich die Haare mancher Bewohner der südschwedischen Ortschaft Anderslöv grün? Die Kombination von Kupferrohren und heißen Duschbädern sorgt offenbar für die entsprechende chemische Reaktion.

Psychologie: Anita Eerland von der Fernuniversität der Niederlande wurde für einen Beitrag zur Größenwahrnehmung ausgezeichnet. Nach links geneigt schätzen Probanden Dinge in ihrem Blickfeld (wie etwa den Eiffelturm) kleiner ein, als wenn sie das gleiche Ding nach rechts geneigt betrachten. Das könnte Eerland zufolge daran liegen, dass wir eine mentale Zahlenreihe in die Welt projizieren: Beim Zählen stehen die kleineren Zahlen eben links.

Der Friedenspreis ging diesmal an eine russische Firma. Sie zeigte, wie man aus alter Munition Diamanten herstellen kann. Im Fach Medizin obsiegte Emmanuel Ben-Soussan für eine Studie zur sicheren Durchführung einer Darmspiegelung. "Sicher" heißt in diesem Fall: Vermeidung von Darmgas-Explosionen. Unter den Laureaten befindet sich in diesem Jahr auch der prominente Verhaltensforscher Frans de Waal. Er überraschte mit der Erkenntnis, dass Schimpansen einander auch am Hinterteil erkennen können.

In der Kategorie "Fluid dynamics" machte Rouslan Krechetnikov das Rennen. Er hatte die Jury mit einer Untersuchung voller Kaffeetassen überzeugt. Sein Modell erklärt, warum das Heißgetränk beim Gehen immer wieder über den Tassenrand schwappt. Verdienste im Fach "Literatur" hat sich das US government general accountability office erworben. Die Behörde veröffentlichte einen Bericht, der sich mit Berichten beschäftigt, die ihrerseits über Berichte berichten.

Robert Czepel, science.ORF.at

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