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Nesselstoff aus der Bronzezeit

Könige trugen Brennnesseln

In der Bronzezeit waren Stoffe aus Wolle, Flachs und Hanf in Europa verbreitet. Die gehobene Kundschaft aus Skandinavien bevorzugte aber Gewänder aus Brennnesselfasern. Hergestellt wurden sie in Österreich.

Bronzezeit 28.09.2012

Vor 2.800 Jahren starb einer der reichsten und mächtigsten Männer Dänemarks. Wer er war, wissen Archäologen nicht. Doch sein Grab ist so gewaltig, dass manche vermuten, er müsse den Rang eines Königs gehabt haben. Seine Zeitgenossen errichteten ihm einen Grabhügel auf der dänischen Insel Funen.

Lusehøj heißt diese 36 Meter breite und sechs Meter hohe Erhebung, für deren Bau die Grasnarbe von sieben Hektar Land herangeschafft wurde. 3.200 Arbeitstage waren nötig, um das Grab fertigzustellen, wie Archäologen vorrechnen - unbedeutend kann der Unbekannte von Lusehøj jedenfalls nicht gewesen sein.

Stoffe aus Wildpflanzen

Die Studie

"Nettle as a distinct Bronze Age textile plant", Scientific Reports (doi: 10.1038/srep00664).

Karin Margarita Fei von der Universität Kopenhagen schickt sich nun an, die Geschichte dieses bedeutenden Fundes umzuschreiben. Das Grab wurde bereits im Jahr 1861 entdeckt, darin befand sich eine Bronzeurne samt Knochen eines rituell verbrannten Körpers. Letzterer war in einen Stoff eingewickelt, den man lange als Flachs identifizierte. Doch Fei korrigiert diese Ansicht in einer aktuellen Studie. Das Gewebe sei vielmehr aus Brennesselfasern hergestellt worden, schreibt sie im Fachblatt "Scientific Reports".

Stofffasern und Urne

Dänisches Nationalmuseum/Karin Margarita Frei

Nesselstoff (links) und Urne von Lusehøj

Was bemerkenswert ist: Denn bislang gingen Fachleute davon aus, dass Stoffe mit Aufkommen der Landwirtschaft aus kultivierbaren Pflanzen wie Flachs oder Hanf gefertigt wurden. Brennnesseln benötigen allerdings sehr stickstoffreiche Böden und waren daher nur als Wildpflanzen verfügbar. Wie Fei herausgefunden hat, stammt der bronzezeitliche Stoff auch nicht aus der Region des heutigen Dänemark, sondern aller Wahrscheinlichkeit aus Kärnten oder der Steiermark. Darauf weisen zumindest Strontium-Analysen hin.

Das Element kommt weltweit in der Erdkruste vor, allerdings in regional unterschiedlichen Isotopenverhältnissen. Da Pflanzen Strontium beim Wachsen aufnehmen, lässt sich auch nach tausenden Jahren deren Herkunft bestimmen. Im Fall der Brennnesseln liegt die Herkunftsregion offenbar mehr 1.000 Kilometer von Lusehøj entfernt - für die damalige Zeit eine erstaunliche Distanz.

Tod eines Handlungsreisenden

Solch lange Reisen wurden damals nur wegen extrem wichtiger Rohstoffe unternommen. Bronze war der Anlass für den mächtigen Mann aus Dänemark, sich so weit von seiner Heimat zu entfernen, vermutet Fei:

"Bronze wurde zu dieser Zeit aus Zentraleuropa nach Dänemark importiert. Den Handel kontrollierten reiche und einflussreiche Männer. Es ist gut vorstellbar, dass einer dieser Importeure während einer Dienstreise in Österreich gestorben ist. Dort hat man seine Knochen in Nesselstoff eingewickelt, in eine Bronzeurne gelegt und zurück nach Dänemark gebracht."

Für diese Interpretation spricht auch die Bedeutung von Kärnten und der Steiermark während dieser Periode. Die beiden Länder waren damals ein Zentrum des Flachsanbaus und daran angeschlossenen Handels. Dass die Reiseroute des Unbekannten aus dem Norden durch Österreich ging, hatte wohl wirtschaftliche Gründe. Neben der Bronze dürften auch Textilien zu seinen Handelsgütern gezählt haben. Vielleicht hat er mit Kelten Geschäfte gemacht, die damals in Mitteleuropa die Hallstattkultur bestimmten.

Stoffe aus Brennnesseln waren jedenfalls, wie Fei in ihrer Studie schreibt, keineswegs billige Substitute für die damals in Skandinavien verbreitete Wolle. Das Textil dürfte eher ein Luxusartikel gewesen sein, ein Kleid für Könige. Ob die Dänen vor 2.800 Jahren jemals selbst Brennnessel-Textilien gefertigt haben, ist mit Feis Studie nun fraglich. "Das ist der einzige bronzezeitliche Nesselstoff, den wir haben."

Robert Czepel, science.ORF.at

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