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Rücken alter, ledergebundener Bücher

Was (noch immer) für Papierbücher spricht

Die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) will in Zukunft Neuerscheinungen nicht mehr unbedingt physisch sammeln. Wenn es eine E-Book-Version gibt, soll nur noch diese archiviert werden. Das Vorhaben der ÖNB wird u. a. von der IG Autoren heftig kritisiert, der Historiker Anton Tantner hält es hingegen für nachvollziehbar.

Medien 17.10.2012

Dennoch plädiert er in einem Gastbeitrag zumindest auf absehbare Zeit weiter für die Praxis, Papierbücher zu sammeln: Denn die die Zitierbarkeit von Textstellen mittels Seitenzahlen ist bei E-Books bis heute nicht zufriedenstellend gelöst.

Zum Nutzen der Seitenzahl

Von Anton Tantner

Über den Autor:

Porträtfoto des Historikers Anton Tantner

Anton Tantner/IFK

Anton Tantner ist Research Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) und Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Wien.

Disclaimer: Der Autor ist privat mit einer der ÖNB-VisionärInnen nicht nur verbandelt, sondern sogar verheiratet, beharrt aber trotzdem auf eigenständigen Positionen.

Veranstaltungshinweis:

Am 19.11.2012 hält Lothar Müller um 18 Uhr am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK), Reichsratsstraße 17, 1010 Wien den Vortrag "Das Blatt und das Netz. Überlegungen zu einer Medientheorie des Papiers".

Anmerkungen:

Die wichtigsten Argumente zur Debatte um E-Books hat wie immer Kathrin Passig schon vor zwei Jahren beigesteuert in: "Das Buch als Geldbäumchen", erschienen 2010 in der Zeitschrift "Merkur".

Zur Geschichte der Paginierung siehe: Lehmann, Paul: Blätter, Seiten, Spalten, Zeilen, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen, 53.1936, S. 333–361, 411–442; Smith, Margaret M.: Printed foliation: forerunner to printed page-numbers?, in: Gutenberg-Jahrbuch, 63.1988, S. 54–70;

Weidner, Daniel: »Wende sie um und um, denn alles ist in ihr.« Über das Suchen in heiligen Texten, in: Brandstetter, Thomas/Hübel, Thomas/Tantner, Anton (Hg.): Vor Google. Eine Mediengeschichte der Suchmaschine im analogen Zeitalter. Bielefeld: Transcript, erscheint November 2012, S. 41–72, hier 46–48.

Als die Österreichische Nationalbibliothek vorletzte Woche ihre Vision 2025 präsentierte und die Absicht kundtat, in Zukunft bevorzugt E-Books zu sammeln sowie auf das Pflichtexemplarrecht für Bücher in ihrer Papierversion zu verzichten, war der Aufschrei der üblichen Verdächtigen so groß wie erwartbar.

Die meisten der von den LiebhaberInnen des Papiers vorgebrachten Argumente (Bücherverbrennung! Haptik! Digitale Demenz!) bewiesen allerdings einmal mehr, wie weit verbreitet die "analoge Ignoranz" (siehe Tweet vom 28.9.2012 von Mareike König vom Deutschen Historischen Institut, Paris) - zwanzig Jahre nach dem Aufstieg des Internets zum Massenmedium noch immer ist und waren obendrein kaum stichhaltig.

Noch dazu, wo seitens der ÖNB von vornherein klar gestellt wurde, dass jene Papierbücher, deren Ausstattung sich (noch) nicht ohne weiteres digital nachbauen lässt, ohnehin erworben würden.

Lob des E-Books

Dass E-Books gerade für wissenschaftliche Zwecke ihren Papiervarianten an Funktionalität nicht nur ebenbürtig, sondern zumeist überlegen sind, müsste auch digitalen AnalphabetInnen einleuchten, wenn sie sich nur die Muße nehmen würden, sich damit auseinanderzusetzen: E-Books sind schneller durchsuchbar, ihre Schriftgröße ist variierbar, E-Book-Reader und Tablets erlauben eine Lektürehaltung, die genauso bequem ist wie im Falle des Papierbuchs und vielleicht wird auch ein Papiermonstrum wie Arno Schmidts ZETTEL’S TRAUM in einer nicht zu fernen Zukunft digital im Lesefauteuil oder liegend auf der Couch genießbar sein.

Die in den üblichen Readern verwendete E-Ink spiegelt nicht und vermittelt ein Lesegefühl, das sich von Papier praktisch nicht unterscheidet; markierte Textpassagen und schriftliche wie grafische Anmerkungen können im Gegensatz zu Papierbüchern in Dateien exportiert werden und müssen nicht mehr mühsam abgetippt werden. Nicht zuletzt werden Bibliophile das neue Wohngefühl schätzen lernen, wenn ihre Wände nicht mehr von Regalen voller bedrucktem Papier verstellt werden und sie ihre Zimelien und Lesefrüchte stattdessen online präsentieren.

Vom Weiterleben des Papiers

Gewiss, Papiermedien werden auch in Zukunft ihre Rolle spielen und in Einzelfällen sogar Vorzüge gegenüber elektronischen Versionen aufweisen, FluglotsInnen mit ihren Kontrollstreifen wissen darum; es gilt zumindest in Maßen das KommunikationshistorikerInnen vertraute Rieplsche Gesetz, das besagt, dass einmal eingeführte Medien nie vollständig durch neue verdrängt werden.

Manchmal überleben alte Medien an unerwarteten Orten, wie Vinylplatten in der Klubkultur oder Papyrusrollen in den Registrierkassen der Supermärkte, und auch im Falle des Papierbuchs sind wohl noch einige Überraschungen zu erwarten, an seinem unaufhaltsamen Bedeutungsverlust für die alltägliche Praxis des Lesens ändert dies nur wenig.

Trotzdem für ein Pflichtexemplarrecht

Allerdings gibt es meines Erachtens nach zwei Argumente, die eine Beibehaltung eines Pflichtexemplarrechts für Papierbücher auf absehbare Zeit rechtfertigen:

1.) Die analoge Langzeitarchivierung: Die Bestrebung, digitale Medien über unterschiedliche Datenträger und Datenformate auf Jahrzehnte hinaus lesbar zu erhalten, sind im Gange, und deren Schwierigkeiten sind vielen BibliothekarInnen wie ArchivarInnen bewusst. Aus Sicherheitsüberlegungen erscheint es jedoch ratsam, Papierversionen aufzubewahren, und sollte dies zu Platzproblemen führen, sind die entsprechenden öffentlichen Mittel zu deren Lösung zur Verfügung zu stellen.

2.) Die Adressierbarkeit und Zitierbarkeit mittels Seitenzahlen: Dies halte ich für ein noch weit gewichtigeres Argument als das erstgenannte, denn im Falle von E-Books in Formaten jenseits von PDF ist die Referenzierbarkeit von Textstellen noch nicht zufriedenstellend gelöst. Selbstverständlich lassen sich direkte Zitate mittels Volltextsuche schnell auffinden, doch der kurze Verweis auf Textinhalte mittels der Verwendung von Seitenzahlen - die sich im Übrigen erst im 16. Jahrhundert durchsetzten - bleibt bei den derzeit gebräuchlichen E-Book-Formaten ein Problem.

Kindle-BenützerInnen können sich der von ihrem Gerät angezeigten Prozentangaben bedienen, doch ist dies noch nicht Usus für andere E-Book-Reader; löbliche Verlage wie der österreichische E-Book-Pionier Picus fügen die Seitenzahlen der Papierversion in den Fließtext ihrer E-Books ein, dem Medium angemessener erscheint allerdings die Nummerierung der Absätze, wie sie die geschichtswissenschaftliche Online-Zeitschrift Zeitenblicke.de verwendet.

Ein historisches Vorbild für derlei Standardisierungsversuche gäbe es: Es war der Verleger Robert Estienne, der zumindest der Legende nach auf dem Pferde reitend Mitte des 16. Jahrhunderts die Bibel in Abschnitte teilte und damit die heute noch übliche Versnummerierung in diesen Basistext abendländischer Belletristik einführte.

Gegen eine Selektion

Solange sich eine vergleichbare Adressierung noch nicht durchgesetzt hat, ist die Sammlung von Papierbüchern nicht nur berechtigt, sondern notwendig, und zwar unabhängig von den in den Büchern transportierten Inhalten.

Denn gerade in den Augen von HistorikerInnen sind alle Bücher gleich bewahrenswert, egal ob es sich um die kühnsten Hervorbringungen der Literatur und Philosophie, rassistische Pamphlete von skurillen Bankern, Telefonbücher oder die bislang nur selten aufbewahrten Versandhauskataloge handelt. Keine Textsorte ist zu minder, als dass sie nicht Gegenstand einer wissenschaftlichen Fragestellung werden und zum Erkenntnisgewinn beitragen könnte.

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