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Eine Frau und ein Mann sitzen am Schreibtisch vor Lapton und Tablet.

Das richtige Leben in digitalen Zeiten

In ihrem letzten Buch "Next" entwirft die deutsche Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel ein düsteres Science-Fiction-Szenario. Aus zwei Perspektiven, jener eines menschlichen Algorithmus und der des letzten Menschen, erzählt sie von einer Zukunft, in der das menschliche Ermessen und der Zufall keine Rolle mehr spielen.

Internet 24.10.2012

Durch komplexe Computeralgorithmen wird alles analysier- und berechenbar. Montagabend war Meckel im Rahmen der "Hedy Lamarr Lectures" in Wien, um über das richtige Leben in digitalen Zeiten nachzudenken.

Miriam Meckel:

Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel von der Universität St. Gallen

APA - Georg Hochmuth

Miriam Meckel ist Professorin am Institut für Medienmanagement der Universität St. Gallen, Schweiz. Nach Tätigkeit als Journalistin, v.a. beim WDR, wurde sie 1999 Professorin für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster. Ihr sehr persönliches Buch über Erfahrungen mit dem "Burnout"-Syndrom wurde 2010 ebenso ein Bestseller wie ihr jüngstes wissenschaftliches Gedankenspiel "Next. Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns."

Links:

Veranstaltung:

Die Hedy Lamarr Lectures werden von der Kommission für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der Telekom Austria Group und vom Medienhaus Wien veranstaltet. Am 22.10. war Miriam Meckel zu Gast.

Ö1 Sendungshinweise:

Dem Thema widmet sich auch Beiträge in Wissen aktuell (24.10., 13:55 Uhr) und in Digital Leben.

science.ORF.at: 20 Datenpunkte reichen heute aus, um einen Menschen berechnen zu können. Wo wir leben, was wir kaufen, wohin wir reisen, was wir mögen - all das ist in den Computernetzwerken bereits über uns gespeichert. Das schreiben Sie in der Einleitung zu Ihrem Buch "Next". Welche Erfahrungen und Beobachtungen haben dazu geführt, dieses Buch zu schreiben?

Miriam Meckel: Ursprünglich wollte ich ein Sachbuch über das Verschwinden von Privatheit schreiben und die zunehmende Überwachung, die durch die Daten im Netz möglich wird. Während der Recherche bin ich auf Themen gestoßen, die mich selber überrascht haben. Jede der Technologien, die ich im Buch beschreibe, ist ja nicht reine Science Fiction oder ausgedacht. Sie wird derzeit bereits erforscht oder getestet. Für mich waren während der Recherche einige Aha-Erlebnisse dabei. Nicht nur einmal habe ich mir gedacht: Wir sind ein riesiges Stück weiter, als ich als professionelle Beobachterin mir gedacht habe. Ich habe dann alles nur ein Stück weitergedacht, als kleines Gedankenexperiment.

Welche Aha-Erlebnisse hatten Sie zum Beispiel?

Etwa die ersten Schritte hin zur Verlagerung der materiellen Technologie, des Computers, des Chips in den menschlichen Körper. Ob das nun RFID-Chips sind oder Implantate oder Sensortechnologien, das fand ich interessant. Da geschieht etwas, was wir bisher noch nicht in der Form kennen, nämlich das Unsichtbarwerden der Übergänge, der Schnittstellen. Wenn Sie heute ein Smartphone oder ein Tablet zur Hand nehmen, dann haben Sie materiell etwas, das sie anfassen können, um damit in die virtuelle Welt einzutreten. Das fällt dann weg. Ich glaube da entstehen Entwicklungen, durch die wir in unserer Selbstwahrnehmung, aber auch in der Wahrnehmung anderer, ziemlich starke Veränderungen erleben werden.

Und der scheinbare Umstand, dass uns komplexe Algorithmen so durchschauen können?

Erstaunt hat mich, wie wenige Daten eigentlich genügen. Wenn Sie zum Beispiel die Website hunch.com anschauen, da funktioniert das ziemlich exakt. Es reicht, 20 Fragen zu beantworten, um danach alle möglichen Vorschläge zu bekommen: von Büchern über Filme bis hin zu Freizeitaktivitäten. Ich war überrascht, wie sehr sie mit ihren Vorschlägen ins Schwarze getroffen haben. Die 20 Datenpunkte werden mit den großen Datenbanken und Datenmengen im Internet korreliert. Herauskommen Verhaltensmuster, die sehr häufig auf den einzelnen Menschen zutreffen. Damit sind wir nicht nur beschreibbar. Wir sind auch zu über 95 Prozent damit prognostizierbar.

Dadurch, dass Soziale Netzwerke und Suchmaschinen immer mehr von uns wissen, können sie neben Werbung auch Suchanfragen auf jeden User individuell zuschneiden. Muss uns das beunruhigen?

Beunruhigen muss uns vor allem, dass viele Menschen das gar nicht wissen. Wenn ich eine Anfrage mit meinem Profil auf Google starte, bekomme ich andere Treffer als Sie. Da die Suchmaschine auf die Präferenzen der Nutzer eingeht. Die Algorithmen von Google oder Facebook sind heute die Gatekeeper, die entscheiden, auf welche Informationen ich Zugriff erhalte.

Selbst wenn ich meine Studentinnen und Studenten frage, ob sie wissen, was das personalisierte Internet ist, dann können das von dreißig Menschen vielleicht zwei erklären. Das finde ich schon ein wenig erschreckend. Ich bin nicht der Meinung, dass man den Nutzer vor sich selber schützen muss, aber man muss ihm die Information und das Wissen geben, damit er eine Entscheidung treffen kann. Wo will ich dabei sein, wo will ich mitmachen und wo nicht. Diesen Zustand haben wir derzeit nicht im Internet.

Gibt es denn dieser Prognostizierbarkeit und der More-of-the-Same-Falle kein Entrinnen?

Wenn ich defätistisch antworte, muss ich sagen: Wir entkommen gar nicht. Denn natürlich liefern uns solche Dienste auch sehr viele Vorteile. Convenience wie man es im Marketing formulieren würde. Wir bekommen sehr nützliche Informationen und Angebote. Das ist aus meiner Sicht auch nicht problematisch. Schwieriger wird es, wenn es um politische oder um intime Informationen geht, um Krankheiten beispielsweise. Solche Infos gehören natürlich gar nicht in die große Datenanalyse.

In solchen Zusammenhängen fällt immer wieder das Schlagwort Medienkompetenz. Speziell im englischsprachigen Raum wird derzeit diskutiert, ob Medienkompetenz im 21. Jahrhundert auch bedeutet, dass man grundlegende Programmierkenntnisse haben sollte. Auch um zu verstehen, wozu Algorithmen heute in der Lage sind.

Ich glaube nicht, dass der einzelne zum Informatikexperten werden muss. Um zu erklären, was es bedeutet, dass Google allein auf der Basis meiner Daten, die ich bei jeder Suche und jeder Aktivität im Netz hinterlasse, genau ausrechen kann, welches Produkt und welches Angebot für mich richtig ist, brauche ich keine technischen Details. Tatsächlich ist Medienkompetenz so ein schwammiger Begriff. Aber ich erinnere mich an meine Schulzeit, da hatten wir Fächer wie Mathematik oder Religion. Warum sollen wir nicht ein Fach wie Information oder Kommunikation einführen. Das ist so etwas Grundlegendes.

Wir alle befinden uns permanent in Kommunikationsprozessen, und die verändern sich so grundlegend durch das Internet. Es tun sich viele tolle Möglichkeiten auf. Andererseits haben wir heute als Nutzer eine viel größere Verantwortung im Umgang mit unseren Daten als es früher der Fall war, weil der Zugriff viel umfangreicher ist. Ob es die Privatsphäre-Einstellungen bei Facebook sind, oder das Dashboard bei Google, überall muss ich selbst Sorge tragen, ob es restriktiv eingestellt ist, wenn ich verhindern möchte, dass die ganze Welt meine Daten sieht.

Was können denn Unternehmen wie Google oder Facebook tun, was könnte die Politik von ihnen verlangen?

Ich glaube, dass wir im Internet immer stärker dafür sorgen müssen, dass wir vielfältig informiert werden. Eine einfache Forderung oder Lösungsmöglichkeit wäre, dass Google den User auf der Einstiegsseite zwischen zwei Buttons wählen lässt: Mit dem einen startet er eine generalisierte, mit dem anderen eine personalisierte Suche, in der die Daten des Users mitberücksichtigt werden. Diese Wahlfreiheit wäre schon ein erster Schritt.

Wie stehen denn die Chancen, dass solche Forderungen Gehör finden?

Im Moment schlecht. Facebook kommuniziert nahezu nicht, was ich für ein Kommunikationsunternehmen bemerkenswert finde. Irgendwann werden sie aber anfangen müssen, spätestens dann wenn sich eine ernsthafte Gegenbewegung bildet, wenn sie Nutzer verlieren.

Bei Google erleben wir den Anfang diese Gegenbewegung bereits. Die US-Handelsbehörde Federal Trade Commission ermittelt wegen möglicher Verstöße gegen Wettbewerbsgesetze, auch die EU-Kommission hat diesbezüglich seit zwei Jahren ein Verfahren laufen. Die französische Regierung bezeichnet das Unternehmen derzeit im Streit um eine Suchmaschinensteuer als undemokratisch, da es eine demokratisch gewählte Regierung erpresst. Jedes Unternehmen der analogen Welt würde sich sofort die Frage stellen, ob das nicht eine dramatische Gefährdung ihrer Reputation darstellt. Und ich denke dieser Frage muss sich Google nun bald stellen.

Anna Masoner, Ö1 Wissenschaft

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