Standort: science.ORF.at / Meldung: ""Ich verwende das Wort 'wahr' sehr gerne" "

Sokrates-Plastik

"Ich verwende das Wort 'wahr' sehr gerne"

"Geben Sie drei Philosophen in einen Raum, dann bekommen Sie vier Theorien", sagt David Bloor. Der britische Wissenschaftsphilosoph ist einer der wenigen bekennenden Relativisten seiner Zunft. Tolerant ist er deswegen noch lange nicht. Ein Interview über die Abkehr vom Absoluten.

Philosophie 05.11.2012

science.ORF.at: Ist "Relativismus" ein philosophisches Schimpfwort?

David Bloor: Ja, das ist es. Ich habe sehr, sehr wenige Philosophen getroffen, die Relativisten sind. Die meisten bezeichnen Relativismus als Fehler, manche halten ihn sogar für gefährlich.

Sind sie ein Relativist?

Ja.

Was tut ein Relativist, woran glaubt er?

Vielleicht ist es besser zu sagen, woran er nicht glaubt. Ein Relativist glaubt nicht, dass es so perfekte und sichere Dinge gibt, sodass man sie mit dem Wörtchen "absolut" ausstatten könnte. Der Relativist sagt: Es gibt kein absolutes Wissen, keine absoluten Werte, kein absolutes Irgendetwas. Manchen Leuten mag diese Haltung nicht angenehm sein.

Vermutlich deswegen, weil wir ein intuitives Verständnis über den Gebrauch des Wortes "absolut" besitzen. Und dieses Verständnis stammt von der Religion.

David Bloor

David Bloor

David Bloor war Direktor des Science Studies Unit der University of Edinburgh. Als Professor emeritus forscht er nun zur Soziologie, Geschichte und Philosophie der Wissenschaft.

Am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften hält Bloor einen Vortrag zum Thema: "Relativism – Viennese Style. Karl Popper versus Philipp Frank."

5. November 2012, 18 Uhr c. t. am IFK (freier Eintritt; Vortrag in englischer Sprache)

Ist der Glaube an das Absolute die Rache der Religion an der Philosophie?

Das kann man so sagen. Das religiöse Denken hat in der Philosophie überlebt - etwa in Form von höchsten Werten, eventuell auch in Form der Logik oder der Wissenschaft. Auch wenn die Religion formal längst abgedankt hat: Ihr Ethos ist nach wie vor vorhanden.

Wenn man zum nächsten Kardinal oder Bischof sagt, es gibt keinen Gott, erwartet man sich keine freundliche Reaktion. In der Philosophie ist das letztlich auch so. Speziell bei Wissenschaftsphilosophen.

Im Alltag dürfte eher die Ethik Probleme bereiten. Wenn man etwa die Ablehnung von Mord als kulturell willkürliche Übereinkunft bezeichnet, könnte das verunsichern.

Zweifelsohne, dennoch glaube ich, dass der Relativismus in moralischen Fragen die richtige Haltung ist. Ich möchte von den Leuten wissen: Woher kommen eure absoluten Werte? Niemand kann das beantworten. Letztlich macht es auch keinen Unterschied. Es kommt nicht auf die Herkunft an.

Hauptsache, wir bleiben bei der roten Ampel stehen. Wer die Verkehrsordnung beschlossen hat, ist egal?

Ich glaube, dass unsere Werte und Regeln soziale Konventionen sind. Mehr haben wir nicht. Wenn wir jemanden treffen, der sich eigenartig benimmt, können wir ihn als beängstigend oder abstoßend oder was auch immer empfinden. Aber wir können unseren Standpunkt nicht endgültig begründen.

Hat Sie der Relativismus toleranter gemacht?

Ich bin nicht tolerant. Ich kann immer, zumindest meistens angeben, was ich als moralisch akzeptabel empfinde und was nicht. Weil ich weiß, dass ich keine endgültige Begründung liefern kann, bedeutet das noch lange nicht, dass ich alles akzeptieren muss. Relativismus hat nichts mit Toleranz zu tun.

Was passiert, wenn Relativisten miteinander diskutieren?

Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass jemand sagt: Ich stimme mit Ihnen überhaupt nicht überein. Nehmen wir folgendes Beispiel: Ich lehne Folter ab und bin der Ansicht, dass die halbe britische Regierung hinter Gitter kommen müsste, weil sie der Folter Vorschub geleistet hat. Etwa bei Verdächtigten in Zusammenhang mit Terror.

Sie sprechen über Guantanamo?

Ja, aber nicht nur. Der britische Geheimdienst hat auch Leute an Gaddafi ausgeliefert, da gab es einige Vorfälle. Wie dem auch sei, angenommen, ich treffe jemanden, der die Folter akzeptiert. Dann kann ich nur sagen: Ich empfinde Ihre Position als böse und ich werde versuchen Sie zu stoppen, wenn Sie das in die Tat umsetzen wollen. Endgültig begründen kann ich das nicht. Muss ich es? Nein. Und selbst wenn ich es könnte, es würde nichts ändern.

Inwiefern?

Von Wittgenstein gibt es folgendes Beispiel: Zwei Schachspieler spielen eine Partie, der eine setzt einer seiner Figuren eine kleine Papierkrone auf. Der andere fragt: Was ist das? Es ist sehr wichtig, sagt der eine. Darauf der andere: Aber ändert es etwas an den Spielzügen der Figur? Antwort: Nein, aber es ist sehr wichtig.

Man könnte sagen: Egal ob man Relativist ist oder Absolutist, die Spielzüge im "moralischen Spiel" bleiben ohnehin die gleichen.

Sie halten am 5. November in Wien einen Vortrag über den Relativismus bei den Wissenschaftsphilosophen Karl Popper und Philipp Frank. Zitat aus der Ankündigung: "Frank sah sich selbst als Relativisten an, aber nach Popper war er keiner. Popper betrachtete sich als Anti-Relativist, aber Frank zufolge war er Relativist." Klingt wie ein Philosophen-Witz.

Lassen Sie mich das erklären (beginnt auf einen Zettel zu zeichnen): Der Grund dafür ist, dass beide verschiedene Definitionen des Relativismus verwenden. Für Frank gibt es nur Relativismus oder Absolutismus, aber nichts dazwischen.

Notizen und Grafiken auf einem Blatt Papier

David Bloor

Bloor erläutert grafisch: Popper vs. Frank (links) und die undogmatische Wissenschaft.

Popper hingegen sieht beide lediglich als Extrempositionen an, glaubt aber, dass man weder das eine noch das andere sein kann. Popper war Frank zufolge Relativist, weil er auf der Aussage bestand: "Jede wissenschaftliche Aussage ist eine Hypothese".

Interessanterweise hat Popper die Widerlegung von Hypothesen gepredigt, nur bei seinen eigenen war er ziemlich apodiktisch.

Das stimmt, aber er hat auch gesagt: Wissenschaft ist selbstkritisch. Wissenschaftler können ruhig dogmatisch sein. Alles, was sie tun müssen, ist, sich gegenseitig zu kritisieren. Dann entsteht von selbst eine undogmatische Institution, nämlich die Wissenschaft.

Wobei die Wissenschaftstheorie ja eine Art Meta-Disziplin ist. Es braucht also viele Wissenschaftstheoretiker, die einander kritisieren.

Das war in der Philosophie noch nie das Problem. Es gibt den alten Witz: Geben Sie drei Philosophen in einen Raum, dann bekommen Sie vier Theorien.

Zum Schluss noch eine Checkliste der Wahrheit?

Ok, starten Sie.

Draußen regnet es nicht. Wahr oder falsch?

Das muss ich kontrollieren (dreht sich zum Fenster): Wahr.

Meine Schuhe sind schön. Wahr oder falsch?

Nun, ich möchte nicht unfreundlich sein … obwohl, ich kann ihren Reiz erkennen. Aber sie sind nicht mein Stil.

Ist der Relativismus wahr?

Ja.

Also könnte er auch falsch sein.

Ah, Sie nehmen an, ein Relativist könnte Wörter wie "gut", schlecht", "wahr" oder "falsch" nicht verwenden? Das ist eine absolutistische Annahme, weil sie davon ausgeht, es gäbe nur eine, nämlich die absolute Wahrheit. Ich verwende das Wort "wahr" sehr gerne.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: