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Pupille und Iris eine menschlichen Auges

Geschichte der Personenidentifizierung

Die Suche nach Techniken, mit denen sich die Identität einer Person ermitteln lässt, hat in den letzten 200 Jahren unterschiedliche Ergebnisse hervorgebracht. Eine zentrale Erkenntnis der Wissenschaftsforschung trifft auch auf die Personenidentifizierung zu: Versprechungen und Zukunftsentwürfe treiben Innovationen maßgeblich voran.

ÖAW Young Science 17.12.2012

Die beiden Historiker Stephan Gruber und Daniel Meßner sowie der Wissenschaftsforscher Christoph Musik untersuchen in einem interdisziplinärken Forschungsprojekt die Geschichte von Identifizierungstechniken in Österreich seit dem 18. Jahrhundert. In ihrem Gastbeitrag beschreiben sie Vorstellungen, wie und zu welchem Zweck Personen identifiziert werden und die daran anknüpfenden Möglichkeiten, diese Visionen praktisch umzusetzen.

Vom Suchen und Finden der Menschen

Von Stephan Gruber, Daniel Meßner und Christoph Musik

Zu den Autoren:

Porträt Stephan Gruber

Stephan Gruber

Stephan Gruber, geb. 1982, studierte Geschichte, Anglistik und Amerikanistik sowie Kulturwissenschaften/Cultural Studies. Er ist seit Juli 2010 Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (DOC-team) am Institut für Geschichte der Universität Wien und befasst sich in seiner Dissertation mit frühmoderner Identifizierung im 18. und 19. Jahrhundert.

Portät Daniel Meßner

Daniel Meßer

Daniel Meßner, geb. 1979, studierte Geschichte, Philosophie und Kulturwissenschaften an den Universitäten Regensburg und Wien. Er schreibt eine Dissertation über die Entwicklung und Einführung biometrischer Identifizierungstechniken an der Wende zum 20. Jahrhundert. Seit Juli 2010 Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (DOC-team) am Institut für Geschichte, Universität Wien.

Porträt Christoph Musik

Christoph Musik

Christoph Musik, geb. 1983, studierte Soziologie und promoviert zum Thema "Algorithmische Identifizierung" im Fachgebiet Wissenschaftsforschung. Seit Oktober 2010 ist er Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (DOC-team) am Institut für Wissenschaftsforschung der Universität Wien.

Forschungsprojekt:

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt "Verdaten. Klassifizieren. Archivieren. Identifizierungstechniken zwischen Praxis und Vision" wird durch ein Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (DOC-team) gefördert. Die Aktivitäten der drei beteiligten Jungwissenschaftler werden durch Website und Blog dokumentiert.

Nahaufnahme dreier verschiedener Augen

Stephan Gruber

Link: Projektwebsite "Verdaten. Klassifizieren. Archivieren. Identifizierungstechniken zwischen Praxis und Vision"

Literatur:
GRUBER, Stephan (2010): Steckbrieflich gesucht. Behördliche Fahndung in der Habsburgermonarchie im 18. Jahrhundert. In: Andrea Griesebner und Georg Tschannett (Hg.): Ermitteln, Fahnden und Strafen. Kriminalitätshistorische Studien vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Wien: Löcker, S. 251-278.

MESSNER, Daniel (2010): Volksdaktyloskopie — Das Fingerabdruckverfahren als Überwachungsphantasie zwischen Ausweitung und Widerstand. In: JIPSS 1/2010, S. 7-19.

MUSIK, Christoph (2011): The thinking eye is only half the story: High-level semantic video surveillance. In: Information Polity 16/4, S. 339-353.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde mit der Einrichtung von Polizeidirektionen in den Hauptstädten der Habsburgermonarchie der Grundstein für ein modernes öffentliches Sicherheitswesen gelegt. Diese Polizeibehörden konnten auf ein wachsendes Repertoire von Dokumenten zurückgreifen, mit denen sich individuelle Identitäten überwachen ließen, darunter Meldeformulare, Reisepässe und andere Ausweisdokumente, aber auch Steckbriefe, Personenbeschreibungen und Polizeizeitungen, mit denen nach flüchtigen Personen gefahndet wurde.

Die Idee einer "ununterbrochenen Evidenz"

Ein Ausdruck aus dem frühen 19. Jahrhundert bringt auf den Punkt, was damit erreicht werden sollte: "Ununterbrochene Evidenz", also die dauerhafte und eindeutige Registrierung, Speicherung und Lokalisierbarkeit von Personen, war die ultimative Vision, die die Behörden durch den Einsatz solcher Dokumente realisieren wollten.

Dass diese Vision jedoch letztlich unerreichbar bleiben musste, zeigen zahlreiche Eingeständnisse einer "Unordnung der Evidenzhaltung", zum Beispiel im Bereich des Meldewesens - oder Appelle wie jener in einem Polizeidekret aus dem Jahr 1857, "die Ausforschung der unevidenten Leute mit allem Nachdrucke zu betreiben".

Foto eines Evidenzblattes

Stephan Gruber

Die Wiener Polizeidirektion gründete 1851 das "Evidenz-Blatt", das gleichsam eine Datenbank von entlassenen Sträflingen und abgeschobenen Personen bereitstellen sollte.

Von jedem die Fingerabdrücke nehmen

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts veränderten sich die behördlichen Techniken zur Identifizierung von Straftätern grundlegend mit der Einführung von Anthropometrie und Fingerabdruckverfahren. Das führte zur Etablierung eigener Abteilungen zur Sammlung von personenbezogenen Informationen: den Erkennungsdiensten. Damit eröffneten sich neue Möglichkeiten der Speicherung und es entstanden erste große Registraturen mit Hunderttausenden Fingerabdrücken.

Gleichzeitig äußerten Kriminalisten die Idee, die Identifizierungstechniken als ultimatives Mittel im Kampf gegen Kriminalität einzusetzen. Dahinter stand die Vorstellung, dass eine überschaubare Menge an Wiederholungstätern für den Großteil der Kriminalität verantwortlich sei, die aber nicht adäquat zur Rechenschaft gezogen werden könnten, weil sie bei jeder Verhaftung andere Namen verwenden und daher nicht wiedererkannt würden. Ein Problem, das sich spätestens dann erledigen würde, wenn die komplette Bevölkerung gespeichert wäre.

Die "Volksdaktyloskopie", die auch als "schöner Zukunftstraum" bezeichnet wurde, sollte aber nicht nur der Überwachung von Straftätern dienen, sondern den nicht Straffälligen Schutz vor Betrug und falschen Beschuldigungen bieten. Umgesetzt wurde die Volksdaktyloskopie aber nie - nicht zuletzt, weil die Speicherung großer Datenmengen die Behörden vor ein neues Problem stellte: den effektiven Zugriff auf Informationen.

Historische Aufnahme zweier Männer mit Anzügen bei der Fingerabdrucknahme

gemeinfrei

Beim Fingerabdruckverfahren wurden alle zehn Fingerkuppen mit Druckerschwärze auf einem Formular abgerollt.

Vorläufer eines Erkennungsdienstes existierten bei der Wiener Polizei bereits seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Aus dem "Sicherheitsbureau" entstand schließlich mit Einführung der Anthropometrie im Jahr 1898 offiziell der Erkennungsdienst. Ziel des Erkennungsdienstes ist es - bis heute -, durch Anwendung technischer Verfahren die Identität einer Person zweifelsfrei festzustellen und personenbezogene Daten in Evidenz zu halten.

Kann Videoüberwachung "intelligent" sein?

Gegenwärtig gibt es eine Vielzahl biometrischer Techniken wie die DNA-Analyse, Fingerabdruckverfahren, Iris- oder Gesichtserkennung, welche sowohl zur Identifizierung (etwa an Tatorten) als auch zur Authentifizierung (zum Beispiel bei Einlasskontrollen) von Personen verwendet werden.

Für die Zukunft gibt es heute Vorstellungen darüber, Sicherheit und Ordnung präventiv durch algorithmische Verhaltensmustererkennung zu bewahren: Es soll nicht mehr nur die individuelle Persönlichkeit festgestellt, sondern darüber hinaus konkretes Gefahrenpotential automatisiert erkannt werden, bevor etwas passiert.

In der öffentlichen Diskussion sind die Ausdrücke "Smart CCTV" oder "intelligente Videoüberwachung" geläufig; eine Tageszeitung berichtete etwa 2009 über die baldige Installation von "Super-Kameras" am Flughafen Wien-Schwechat, welche jede Situation überwachen und analysieren würden. Dabei zeigen erste Forschungsergebnisse, dass die Analysefähigkeit der als "intelligent" dargestellten Videokameras dem Menschen weit unterlegen ist, da die Bewertung von Situationen (etwa "Ist dieses Verhalten verdächtig?") in hohem Maße von praktischem, situativem und lokalem Erfahrungswissen abhängig ist.

Mythos der Unfehlbarkeit

ÖAW Young Science:

Der Text ist Teil des Projektes Young Science, im Zuge dessen Gastbeiträge von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erscheinen. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen Ö1/science.ORF.at und der Akademie der Wisseschaften.

Die Geschichte der Personenidentifizierung zeigt, dass der Traum von absoluter Sicherheit und Ordnung ein uneinlösbares Versprechen darstellt. Mit der Entwicklung und Einführung von neuen Identifizierungstechniken, die diese Sicherheit und Ordnung herstellen und bewahren sollen, entstehen immer auch neue, quasi selbsterzeugte Unsicherheiten, nicht zuletzt durch technische und operative Unzulänglichkeiten.

Dennoch werden überzogene Vorstellungen darüber, was Identifizierungstechniken leisten können, in der Öffentlichkeit verbreitet, tragen damit zum Mythos ihrer Eindeutigkeit und Unfehlbarkeit bei und verändern die Gesellschaft. Mit der zunehmenden Ausbreitung der Sicherheitsindustrie und von TV-Serien wie "CSI: Den Tätern auf der Spur" scheint sich dieser Mythos weiter zu verstärken. Dabei ist längst klar, dass es nicht mehr nur um die Imagination eines Zuwachses an Sicherheit geht, sondern wirtschaftliche und innovationspolitische Interessen verstärkt in den Vordergrund treten.

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