Standort: science.ORF.at / Meldung: "Wer sich vom Kratzen anstecken lässt"

Eine Frau kratzt sich am Hals.

Wer sich vom Kratzen anstecken lässt

Ähnlich wie Lachen oder Gähnen ist auch Kratzen ansteckend. Forscher haben nun herausgefunden, wer sich besonders leicht beeinflussen lässt: Offenbar sind es vor allem emotional labile Menschen, die selbst einen Juckreiz verspüren, wenn sich jemand anderer kratzt.

Psychologie 13.11.2012

Allein das Beobachten des Kratzens aktiviere Regionen des Gehirns, die auch bei der Tätigkeit selbst eingeschaltet sind, berichten Forscher um Henning Holle von der britischen Universität Hull.

Möglicherweise sei eine übermäßige Aktivierung dieses Netzwerks im Gehirn - einer Art "Kratz-Matrix" - verantwortlich für den dauernden Juckreiz, den einige Menschen verspüren, obwohl Ärzte keine organische Ursache dafür finden können.

Die Studie:

"The neural basis of contagious itch and why some people are more prone to it" ist in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen (DOI:10.1073/pnas.121610109).

Kratz-Video steckt an

Dass Kratzen ähnlich wie Lachen oder Gähnen ansteckend ist, wissen Forscher seit langem. Allerdings sind nicht alle Menschen gleich anfällig dafür. Holle und seine Kollegen untersuchten das Phänomen nun genauer. Sie zeigten zunächst einer Reihe von Probanden Videos, in denen sich Menschen entweder kratzten oder nur auf bestimmte Körperteile klopften. Dabei filmten die Forscher die Testpersonen heimlich. Nach jedem Video fragten sie die Teilnehmer zudem, wie stark es sie jucke.

Es zeigte sich, dass die Probanden nach den Kratz-Filmen grundsätzlich einen stärkeren Juckreiz verspürten als beim Anschauen der Klopf-Videos. Die Mehrheit ließ sich zudem anstecken: Mehr als 60 Prozent der Versuchspersonen kratzten sich mindestens einmal während sie die Kratz-Videos sahen. Jene, die einen besonders starken Juckreiz verspürten, kratzten sich am häufigsten. Vor allem das Kratzen am linken Oberarm schien einen starken Juckreiz beim Beobachten auszulösen, berichten die Forscher.

Neurotische Menschen anfälliger

Die Auswertung eines psychologischen Fragebogens zur Persönlichkeit ergab weiter, dass vor allem Menschen mit einem Hang zum Neurotizismus anfällig für ansteckendes Jucken waren. Wissenschaftler definieren dieses Persönlichkeitsmerkmal als Tendenz, negative Emotionen stark wahrzunehmen. Besonders empathische, also mitfühlende Menschen waren hingegen nicht übermäßig anfällig für das ansteckende Jucken.

Schließlich zeigten die Forscher einigen Probanden die Videos, während sie dabei im Computertomografen die Hirnaktivität scannten. Es zeigte sich, dass das Beobachten des Kratzens viele Bereiche der "Kratz-Matrix" aktivierte. Bei den "neurotischen" Probanden leuchtete eine Region besonders stark auf, die auch bei der Simulation von Handlungen aktiv ist, schreiben die Forscher. Ob das den betroffenen Menschen auch Vorteile bringt, müsse aber noch geklärt werden.

science.ORF.at/APA/dpa

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