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Nerz im Käfig

Langeweile macht Tiere zu Couchpotatoes

Kanadische Forscher weisen an Nerzen nach: Auch Tieren ist manchmal fad. Regiert die Langeweile, gönnen sie sich zu viele Zwischenmahlzeiten - und können dann nicht einschlafen.

Verhalten 15.11.2012

"Aufmerksame Tierbeobachter haben es immer schon gewusst", sagt der österreichische Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal. "Die Frage ist nur: Wie weist man wissenschaftlich nach, dass Tiere sich langweilen?"

Rebecca Meagher und Georgia Mason liefern nun das statistische Unterfutter für diese Annahme. Die beiden Zoologinnen von der University of Guelph in Ontario haben nun die Reaktionen von Nerzen in Gefangenschaft dokumentiert.

Die Studie

"Environmental Enrichment Reduces Signs of Boredom in Caged Mink", PLoS ONE (7(11): e49180. doi:10.1371/journal.pone.0049180).

Das Resultat: Mit den entsprechenden Erkundungsmöglichkeiten verhalten sie sich wie ausgewechselt. Beziehungsweise umgekehrt formuliert: Fehlt die "adäquate Reizumgebung", fallen sie in Apathie.

Die Tiere aus der Familie der Marder schlafen schlecht und suchen sich Ersatzbefriedigung in Form von Snacks zwischen den Hauptmahlzeiten. Ein Couch-Potatoe-Syndrom, so wie beim Menschen? "Natürlich", sagt Kotrschal, "Das Gehirn der Nerze ist dem unseren ähnlich, daher wirken auch ähnliche Mechanismen."

Tierhaltung und Tierschutz

Käfighaltung von Nerzen ist in Österreich verboten. In Russland oder Kanada ist sie nach wie vor erlaubt. Der Hintergrund ist wohl ein ökonomischer: In diesen Ländern werden Nerze in industriellem Maßstab gezüchtet - wegen ihres Pelzes.
Gleichwohl hat auch Östereich in Sachen Tierschutz noch einiges aufzuholen: In der Landwirtschaft müssen Nutztiere bisweilen unter erbärmlichen Bedingungen vegetieren, auch die Lebensbedingungen von Versuchstieren sind von einer artgerechten Haltung oft weit entfernt. Den rechtlichen Rahmen regelt das neue Tierschutzgesetz. Es hat soeben den Ministerrat passiert

Tiere mit "Ticks"

Ähnliches kann man in Zoos beobachten. Viele Tiere entwickeln mitunter "Ticks", sofern ihnen der entsprechende Auslauf fehlt. Elefanten neigen etwa zu monotonen Kopfbewegungen, Giraffen und Bären wiederum zeigen eintönige Schrittfolgen auf engstem Raum. "Diese Bewegungen bleiben meist auch dann erhalten, wenn die Tiere in größere Gehege kommen. Sie sind nur schwer therapierbar", so Kotrschal.

Gleichwohl könne man daraus nicht schließen, dass es den Tieren schlecht gehe. "Ich behaupte nicht, dass stereotypes Verhalten gut ist. Aber ob die Tiere unglücklich sind, können wir nicht beurteilen. Möglicherweise baut ein Elefant sogar Stress ab, wenn er den Kopf hin- und herwiegt."

"Ratten verblöden"

Dass die Haltung unter "standardisierten" (sprich: reizarmen) Bedingungen auch Tierversuche verzerren kann, hat etwa der Schweizer Biologe Hanno Würbel kürzlich in einer "Nature"-Studie nachgewiesen. Artgerechte Haltung käme demnach nicht nur den Versuchstieren zugute, sondern auch der Wissenschaft selbst. "Von Versuchen an Ratten weiß man beispielsweise, dass sie sich an verarmte Bedingungen anpassen", sagt Kotrschal im Gespräch mit science.ORF.at. "Ihre Hirnrinde ist um 30 Prozent dünner als normalerweise. Man könnte auch sagen: Sie verblöden unter diesen Bedingungen."

"Wenn sich Affen langweilen würden, wären sie Menschen", sagte der französische Philosoph Voltaire einmal. Die Pointe zieht aus Kotrschals Sicht heute nicht mehr: "In der Aufklärung war der Graben zwischen Tier und Mensch am tiefsten. Heute gibt es keinen Grund mehr zu der Annahme, dass Tiere inferior wären. Wir haben vielleicht ein größeres Vorderhirn und eine besser entwickelte Reflexionsfähigkeit. Das ist aber auch schon alles."

Robert Czepel, science.ORF.at

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