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Studenten sitzen im Hörsaal

"Eliteunis bringen Qualitätsverlust"

Eliteuniversitäten, Spitzenforschung, exklusive Studiengänge: Die "Exzellenzinitiative" sollte den Wissenschaftsstandort Deutschland stärken. Nach Meinung des Soziologen Michael Hartmann ist das nicht geglückt. Die Qualität des deutschen Hochschulsystems habe sich im Gegenteil verschlechtert.

Forschungspolitik 30.11.2012

Mit 3,8 Milliarden Euro fördert der deutsche Staat bis zum Jahr 2017 die Universitäten. Die deutschen Hochschulen konnten sich in drei Kategorien um diese Gelder bewerben: für Spitzenforschungszentren - sogenannte "Exzellenzcluster", für "Graduiertenschulen" zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und für "Zukunftskonzepte" zur Entwicklung der Gesamtuniversität. Letztere werden in der Öffentlichkeit mittlerweile als "Eliteuniversitäten" gehandelt.

Porträtfoto des Soziologen Michael Hartmann

Verlag Campus/TU Darmstadt

Michael Hartmann, Soziologe an der Technischen Universität Darmstadt, war im Rahmen des Symposiums "Hat wissenschaftliche Leistung ein Geschlecht? Ergebnisse und Perspektiven der Exzellenzdebatte" am 29. November zu Gast an der Medizinischen Universität Wien.

Der deutsche Soziologe Michael Hartmann kritisiert diese Vergabe staatlicher Fördermittel vehement. Die "Exzellenzinitiative" habe zu einer Spaltung der Hochschullandschaft geführt. Zu den Verlierern zählt der Elitenforscher nicht nur die zahlreichen Universitäten, die bei der Vergabe der Fördergelder leer ausgegangen sind, sondern auch große Teile der Studierenden, Frauen und die Geistes- und Sozialwissenschaften. Die allgemein hohe Qualität des deutschen Hochschulsystems wird seiner Meinung nach zu Gunsten einiger weniger "Eliteuniversitäten" geopfert.

science.ORF.at: Sie sagen, die Exzellenzinitiative hat die deutsche Hochschullandschaft gespalten. Was genau ist passiert?

Michael Hartmann: Die Potenziale haben sich extrem konzentriert. Das gilt in erster Linie für das Geld. Bei der Exzellenzinitiative ist die Mittelvergabe doppelt so stark konzentriert wie bei anderen Fördermitteln aus öffentlicher Hand. Da diese Gelder als Drittmittel gelten und das Einwerben von solchen Drittmitteln ein wichtiger Faktor bei der Budgetierung durch die Bundesländer ist, werden die "Sieger-Universitäten" auch hier bevorzugt. Die anderen Hochschulen werden weiter geschwächt.

Hat das auch personelle Konsequenzen?

Die begünstigten Universitäten sind natürlich attraktiver für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Sie können höhere Löhne zahlen, großzügiger ausgestattete Forschungseinrichtungen und, was noch wichtiger ist, diese Hochschulen können dem wissenschaftlichen Personal eine drastische Reduzierung der Lehrverpflichtung bieten. Die Professoren in den Exzellenzclustern konnten ihre Lehrverpflichtungen im Durchschnitt halbieren.

Die Exzellenzinitiative hat ihrer Meinung nach auch zu einer sozialen Schieflage bei der Zusammensetzung der Studierenden geführt. Was ist passiert?

Es gibt eine Untersuchung, die zeigt, dass von den besonders guten Studierenden aus Akademikerfamilien, mit besonders guten Abiturnoten - 1,2 und besser - inzwischen 50 Prozent an den Eliteuniversitäten studieren.

Welche Konsequenzen hat das?

Es gab früher in Deutschland so etwas wie eine Grundregel: Es ist egal, an welcher Hochschule du studierst. Sie sind alle gut, und dein Abschluss ist vergleichbar mit dem Abschluss an einer anderen Universität. Und wenn man sich die deutsche Führungselite anschaut - ich habe gerade eine Studie dazu gemacht - dann findet sich da ein buntes Sammelsurium von Absolventen aller Universitäten. Es gibt keine Hochschule, die besonders stark frequentiert worden ist. Auch die neueren Hochschulen, die in den 1960er und 1970er Jahren gegründet wurden, sind dabei immer entsprechend der Größe der jeweiligen Fachdisziplinen vertreten.

Und das wird sich ändern, weil jetzt symbolisch klar ist, wo die "Leuchttürme" stehen. Diejenigen Universitäten, die keine Fördergelder bekommen haben, werden zu Ausbildungszentren degradiert. Die Medien haben ausführlich darüber berichtet und den Begriff der "Eliteuniversitäten" geprägt. Und inzwischen weiß man bundesweit in den nur halbwegs informierten Kreisen, wo Eliteuniversitäten stehen, wo die Exzellenzcluster liegen und welche Universitäten nichts bekommen haben. Der Elitestatus einiger weniger Institutionen bringt in der Breite einen Qualitätsverlust für die deutsche Hochschullandschaft.

Ö1-Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin (30.11., 19:05 Uhr).

Heißt das, dass in Zukunft die wichtigen Führungspositionen nur mehr mit Absolventen dieser "Eliteuniversitäten" besetzt sein werden?

Es gibt so etwas wie eine Eigendynamik in all den Ländern, die Eliteuniversitäten haben. Diejenigen, die einen besonders hohen Bildungsstand haben und wo die Eltern in der Regel auch höhere Einkommen haben, die zieht es an Universitäten, die Sonderstatus haben. Egal ob "Ivy League" in den USA, Oxford und Cambridge in Großbritannien oder die Grandes Écoles in Frankreich. Da ist das seit Jahrzehnten so, statistisch auch nachweisbar, unabhängig von Stipendien und Studiengebühren. Dort konzentrieren sich die "Eliten", weil das schlicht und einfach die besten Aussichten für eine spätere Topposition bringt.

In Deutschland hatten wir traditionell keine starke Polarisierung der Qualifikationen, sondern ein hohes Niveau in großer Breite. Und das lässt Spielraum, damit zum Beispiel mittelständische Unternehmen auch an vernünftige Hochschulabsolventen kommen. Versuchen sie in den USA einmal als Mittelständler jemanden von Harvard zu kriegen, da haben sie überhaupt keine Chance.

Gibt es wissenschaftliche Disziplinen, die von der Exzellenzinitiative stärker profitiert haben als andere?

Bei den Exzellenzclustern ist das am deutlichsten, weil die fachgebunden sind: Es gab in der ersten Vergaberunde 37 geförderte Cluster mit Summen zwischen sechs und neun Millionen Euro pro Cluster. Von den 37 Clustern waren sechs in den Geistes- und Sozialwissenschaften inklusive Wirtschaftswissenschaften verankert. 22 gingen an Medizin und Naturwissenschaften und der Rest an die Ingenieurwissenschaften.

Die Medizin und Naturwissenschaften haben also am meisten profitiert. Unter anderem weil sie zwei der "Zauberbegriffe" verwendet haben, die auch für die Öffentlichkeit besonders attraktiv sind: Das war "brain" - das ist die ganze Hirnforschung, wo man heute in Scannern alles Mögliche zu erkennen glaubt und nach wie vor viel Unsinn produziert - und das zweite war "Gen" - alles was mit Stammzellenforschung und Molekularmedizin zu tun hat.

Das hat sich in der dritten Vergaberunde nochmal verschärft. Jetzt haben wir 43 Cluster. 29, das heißt fast 70 Prozent, entfallen auf die Medizin und die Naturwissenschaften. Die Sozial- und Geisteswissenschaften sind bei sechs Prozent geblieben. Das heißt, sie sind die größten Verlierer. Aber auch die Ingenieurwissenschaften haben verglichen mit ihren Erwartungen deutlich schlechter abgeschnitten.

Hat das auch für die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung insgesamt Konsequenzen?

Die Wissenschaftslandschaft wird einfach weiter ausgedünnt. Die Geistes- und Sozialwissenschaften haben es so schon schwer, und denen wird jetzt noch einmal Geld weggenommen. Das gilt auch für die siegreichen Universitäten, da gibt es dann interne Umverteilungen. Das wird vor allem dann eine Rolle spielen, wenn die Bundesgelder nicht mehr so fließen wie bisher. Die Projekte laufen weiter. Die vielen Professuren, die man geschaffen hat, müssen weiter finanziert werden. Und was macht man dann klassischerweise? Man sammelt die Gelder woanders ein, in der Regel bei den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Und es gibt eine weitere Konsequenz: Das Ganze hat einen geschlechtsspezifischen Aspekt. Denn die Fächer, die am meisten darunter leiden, sind die Fächer mit dem größten Frauenanteil, sowohl bei den Studierenden als auch beim Personal. Also muss man sagen, auch die Frauen werden zu den Verlierern dieser Initiative gehören.

Die Exzellenzinitiative endet mit 2017. Was kommt danach?

Das ist unklar. Viele hoffen auf weitere staatliche Förderungen unter anderem Namen, andere wollen sogenannte "Bundesuniversitäten", wo sich dieses elitäre Prinzip weiter konzentrieren würde.

Worum es jetzt in Deutschland geht, ist die Folgeschäden so weit wie möglich zu reduzieren. Das heißt, zu schauen, dass die Mittelvergabe auf Länderebene und inneruniversitär nicht mehr so stark an Leistungsparameter - wie die Einwerbung von Drittmitteln - gebunden ist.

Man muss jetzt die, die sowieso schon mehr Geld haben, nicht weiter zusätzlich prämieren und die Kluft immer weiter auseinander reißen lassen. Aber das ist nur noch eine Reduzierung von Folgeschäden. Eine Umkehr der Entwicklung ist das nicht. Die Eigendynamik ist mittlerweile so stark, dass es eines massiven politischen Drucks bedürfte, vergleichbar mit 1968, um diese Entwicklung noch einmal umzudrehen. Das ist nicht absehbar.

Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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