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Überreste der Maya-Kultur

"Raubgrabungen bedrohen Kulturerbe"

Das archäologische Kulturerbe der Welt sei in gefährlichem Ausmaß von Raubgrabungen bedroht. Das sagte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, vor der Auslandspresse in Berlin.

Archäologie 05.12.2012

"Wenn man sieht, was Woche für Woche verloren geht und aus dem Kontext gerissen wird, da sage ich: Mensch, Leute, da sind die Probleme von heute."

Damit begegnete er Fragen nach einer eventuellen Rückgabe der Nofretete-Skulptur, die vor genau 100 Jahren, am 6. Dezember 1912, von einem deutschen Archäologen in Ägypten gefunden wurde und sich seit fast genauso langer Zeit in Deutschland befindet. Auf den Tag genau ein Jahrhundert später eröffnet deshalb im Neuen Museum in Berlin die Ausstellung "Im Licht von Amarna. 100 Jahre Fund der Nofretete", wo neben dem berühmten Pharaoninnen-Kopf weitere 5.500 bisher nie gezeigte Stücke aus dem Fund bei der heutigen Ortschaft Amarna stammen.

"Für uns ist wichtig, dass die Dinge nach den damaligen Gesetzen rechtmäßig hierher kamen", sagte Parzinger. Heute habe sich die Situation geändert: "Wir erwerben keine Antiken, weil sie alle aus Raubgrabungen stammen", so Parzinger. Dem Argument, man solle die Objekte erwerben, um sie zu retten, stellt er entgegen, dass man sich dann am illegalen Antikenhandel beteiligen würde. Alle anderen Museen würden sich ähnlich verhalten, bis auf eines "auf der anderen Seite des Ozeans", das aber inzwischen auch zur Erkenntnis gelange, dass dies nicht der richtige Weg sei.

"Kulturgüter lastwagenweise abtransportiert"

Lastwagenweise würden Kulturgüter aus dem Irak geschafft, Peru habe ein großes Problem mit Raubgrabungen, auch Afghanistan. Selbst die vor wenigen Jahren aufgetauchte Sonnenscheibe von Nebra in Deutschland sei durch Raubgrabung ans Tageslicht befördert worden. "Vor allem Länder, die keine zentrale Kontrolle haben", benennt Parzinger als gefährdet, aber auch die Staaten rund ums Schwarze Meer, namentlich Russland, Bulgarien oder Rumänien.

Selbst Schenkungen würden seine Museen nicht annehmen, wenn der Betreffende die Herkunft nicht belegen könne, sagte Parzinger, der zwischen 1995 und 2003 Direktor und später Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts gewesen war. Ihm gehe es in der Archäologie um die partnerschaftliche Erforschung im Gastland, die Nationalität des Ausgräbers dürfe keine Rolle spielen. Die Funde würden heute auch jeweils im betreffenden Land bleiben.

Türkei schränkt Grabungen ein

Lediglich mit der Türkei gestalte sich die traditionell sehr enge Zusammenarbeit mit Deutschland im Moment schwierig, was Parzinger als "innenpolitisch motiviert" bezeichnet: "Man will, dass weniger gegraben, aber wegen des Tourismus mehr rekonstruiert wird", sagte er. Aus wissenschaftlicher Sicht sei das aber skeptisch zu beurteilen, denn Grabungen dienten der Forschung.

Zudem sei unter deutscher Flagge in der Vergangenheit etwa in Pergamon viel rekonstruiert worden. "Es macht uns traurig, wenn man das nicht sieht", sagte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der als solcher auch Chef der Berliner Museumsinsel ist.

Für diese ist die Zusammenführung von Gemäldesammlung im Kunstforum und Skulpturen des Bodemuseums geplant. Da dies im Bodemuseum allein nicht möglich sei, plane man einen 150 Millionen Euro teuren Zubau in unmittelbarer Nähe. "Wenn das nicht möglich ist, bleibt es wie es ist, das fänden wir schade", sagte Parzinger. Denn damit wäre die Kunstentwicklung von der Antike bis ins 19. Jahrhundert komplett und abgeschlossen an einem Ort. Zudem wäre mit der Zusammenführung Raum frei für eine Galerie des 20. Jahrhunderts, wo Werke "von Brücke bis Beuys" gezeigt werden sollten.

Derzeit laufe eine Variantenuntersuchung zu den beiden Optionen. Noch vor der nächsten Sommerpause werde der Stiftungsrat beraten und entscheiden, dann gehe das Projekt in den Haushaltsausschuss des Parlaments.

science.ORF.at/APA

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