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Mutter mit Kind vor Sonnenuntergang

Eigenheim sorgt für mehr Söhne

Wie im Rest der Welt werden auch in Österreich mehr Buben als Mädchen geboren. 2011 kamen auf 100 Mädchen 107 Buben. Als Ursache dafür gelten in der Biologie gute Umweltbedingungen. Eine neue Studie Wiener Forscher untermauert diese Annahme: Mütter, die in Eigenheimen leben, bekommen ihr zufolge eher Söhne.

Anthropologie 19.12.2012

Die Studie bezog sich allerdings nicht auf Österreich, sondern auf Uganda: Die Anthropologen Bernard Wallner, Martin Fieder und Horst Seidler analysierten die Geburtendaten von rund 440.000 Müttern des ostafrikanischen Landes. Dabei zeigten sich statistisch signifikante Unterschiede zwischen Eigenheimbesitzerinnen und den anderen: Erstere bekamen vier Prozent mehr Söhne, letztere vier Prozent mehr Töchter.

Neben dem Wohnungsstatus war auch der Lebensstatus für das Geschlecht entscheidend: Monogam lebende Frauen bekamen mehr Söhne als polygame.

Die Studie:

"Ownership of Dwelling Affects the Sex Ratio at Birth in Uganda" von Bernard Wallner und Kollegen ist am 17.12. in "PLoS One" erschienen.

Schlechte Zeiten sind gut für Töchter

Dass Umweltbedingungen das Verhältnis der Geschlechter beeinflussen, wurde bereits in zahlreichen Studien nachgewiesen, sowohl im Tierreich als auch bei Menschen. Klima, Jahreszeiten und Naturkatastrophen können die Körperreaktion bei und nach der Befruchtung verändern. Nur ein Beispiel von menschengemachter Umweltbedingung: Neun Monate nach dem "Zehn-Tages-Krieg" in Slowenien 1991 wurden laut einer Studie weit weniger Söhne geboren als Töchter. Schlechte Zeiten sind also gute Zeiten für Töchter. Warum das so ist?

Ganz geklärt ist die Frage nicht. In der Biologie gibt es dazu die Trivers-Willard-Hypothese. Die Kurzfassung: Dominante Männchen vermehren sich im Tierreich erfolgreicher als andere. Dominanz drückt sich durch bestimmte Merkmale aus, etwa durch die Körpergröße oder die Gestalt von Kiefer und Zähnen. Damit sich diese Merkmale ausbilden können, muss die Mutter viel eigene Energie in ihre Söhne investieren.

Ihr Lohn, wenn die biologische Rechnung aufgeht: Sie haben - indirekt - einen besseren reproduktiven Erfolg, weil sie mehr Enkel bekommen. Sind die Umweltbedingungen gut, "lohnt" sich der energetisch aufwändige Einsatz für dominante Söhne. Sind sie aber - wie bei Naturkatastrophen, Kriegen oder ähnlichem - schlecht, wird eher auf die "sichere Bank" der Reproduktion gesetzt, auf Mädchen.

Testosteron als Schlüssel?

1983 wurde dieses Prinzip erstmals bei Rotwild empirisch nachgewiesen, sagt Bernard Wallner gegenüber science.ORF.at. Dominante Hirschkühe zeigten in einer Studie einen besseren Ernährungsstatus und bekamen auch mehr Söhne.

Der körperliche Mechanismus dahinter scheint mit Testosteron zusammenzuhängen: Wenn Weibchen mehr von dem Sexualhormon bei der Befruchtung in ihrem Blut haben, wirkt sich das u.a. auf den Glukosegehalt aus - und mehr Glukose begünstigt die Entwicklung von Söhnen.

"Außerdem ändert mehr Testosteron auch das weibliche Libidoverhalten", ergänzt Bernard Wallner. "Je mehr im weiblichen Zyklus kopuliert wird, desto größer ist statistisch die Wahrscheinlichkeit von Söhnen."

Wechselspiel von Natur und Kultur

Von Rotwild- und anderen Tierstudien auf menschliches Verhalten zu schließen, sei durchaus heikel, unterstreicht der Anthropologe. "Zwischen der natürlichen Selektion, die Darwin beschrieben hat, und der Kultur gibt es enorme Wechselspiele. Wenn so wie bei der Ein-Kind-Politik in China aktiv eingegriffen wird, kommt es natürlich zu großen Verzerrungen. Heute haben wir in China einen riesigen Männerüberschuss, weil Mädchen abgetrieben werden."

Die Daten aus Uganda seien aber nahezu einzigartig gewesen, um bestimmte Faktoren zu vergleichen und zu kombinieren. "Wir kannten Alter und Ausbildungsrad der Mutter, Beziehung zum Partner, Heiratsstatus, Anzahl und Geschlecht der Kinder, dazu die Eigenheimverhältnisse."

Nach statistischer Berechnung zeigte sich: Der Faktor Eigenheim erklärte unterschiedliche Geschlechterverhältnisse bei der Geburt am besten. Auf Rang zwei lag die Monogamie: Mütter in polygamen Beziehungen bekamen nicht unbedingt mehr Söhne, in monogamen hingegen schon.

"In polygynen Gesellschaften, in denen Männer mit drei oder vier Frauen verheiratet sind, stehen die Frauen in einem hierarchischen Verhältnis zueinander", erklärt Wallner. "Erstfrauen bekommen mehr Söhne. Bei allen anderen nimmt der Trend immer mehr ab, immer mehr Töchter werden von ihnen geboren."

Gilt das auch für Österreich?

Mit Uganda haben die Forscher ein Land untersucht, das größtenteils nicht industrialisiert ist und daher näher an "natürlichen Bedingungen" als etwa Österreich. Ob die Resultate der Studie auch hierzulande, wo auch von polygamen Lebensweisen wenig bekannt ist, zutreffen?

"Im Prinzip ja", meint Bernard Wallner. "Aus soziologischer Literatur ist bekannt, dass Frauen Eigenheime wichtiger sind als Männern." In weiterer Folge würde das nahelegen, dass auch in Österreich Eigenheimbesitzerinnen eher Söhne als Töchter bekommen - eine empirische Überprüfung dieser Annahme steht indes noch aus.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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