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Ein Bub sitzt vor einer Tafel im Schulunterricht und hat Probleme mit der Lösung einer mathematischen Aufgabe.

"Denken fand außerhalb der Schule statt"

Henning Schluss war ein unbequemer Schüler. Die Matura wurde ihm in der ehemaligen DDR verwehrt. Fragen stellen war nicht gern gesehen. Seit 2010 unterrichtet er Bildungswissenschaften an der Universität Wien. Ihn darf man alles fragen. Bildung funktioniert für ihn nur dann, wenn sie zu weniger Angst und mehr Freiheit führt.

Bildungswissenschaften 27.12.2012

Im Interview erklärt der Pädagoge und Theologe, warum uns
Ethikunterricht nicht zu besseren Menschen machen wird, sich Österreich von seiner "Standesgesellschaft" verabschieden und ein Pädagoge durchaus eine Autorität sein sollte.

Portrait Henning Schluss

Henning Schluss

Bildunterschrift:

Henning Schluss, geb. 1968 in Dessau/ehem. DDR, ist Erziehungswissenschaftler und Theologe. Er ist seit 2010 Universitätsprofessor für empirische Bildungsforschung und Bildungstheorie der Universität Wien. Schluss ist verheiratet und Vater von zwei Kindern, er pendelt wöchtenlich zwischen Wien und seinem Wohnort Oranienburg.

Links:

Henning Schluss – Homepage
homepage.univie.ac.at

Bertold Brecht – Gedicht in google books: “General, Dein Tank ist ein starker Wagen” books.google.at

Wolf Biermann auf Wikipedia
de.wikipedia.org

Peter Singer auf Wikipedia
de.wikipedia.org

DFG-Projekt ETiK, Humboldt Universität, Berlin
www.ethik.hu-berlin.de

science.ORF.at: Als Erziehungswissenschaftler befassen Sie sich speziell mit dem Thema Ethikunterricht. Was bringt er?

Es stört mich, dass Ethikunterricht immer als "Ersatz" für jene diskutiert wird, die keinen Religionsunterricht besuchen möchte. Ich glaube nicht, dass das pädagogische Argument überhaupt gehört wird - nämlich, dass Ethik zu Wissenschaft dazu gehört, und es daher völlig legitim ist, es als Unterrichtsfach einzuführen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Ethik zum Mensch sein und zur Bildung gehört. Ich zweifle aber, ob der Ethikunterricht die Erwartungen, die man an ihn stellt, erfüllen kann. Wir können nicht erwarten dass er die Schüler zu tugendhaften Menschen macht.

Ethikunterricht muss sich, wenn er eingeführt wird, auf die praktische Philosophie beziehen. Er ist keine Werte-Erziehung. Lehrer müssen damit der Vollständigkeit halber auch Modelle wie jenes von Peter Singer vorstellen, und es mit anderen Modellen - wie z.B. dem kategorischen Imperativ oder der platonischen Ethik - verglichen. Schüler lernen so zwar mehrere Ethik-Modelle kennen, werden sich deswegen auf dem Pausenhof aber nicht besser verhalten. Das ist auch nicht die Aufgabe von Unterricht, sondern eher von Schule als Institution.

Wie gehe ich mit jemandem um, der abschreibt? Das ist eine ethische Frage für die Institution als Ganzes, und viel entscheidender, als ob ich im Unterricht über Plato oder Sokrates rede. Ich kann den Wert von Solidarität gepredigt bekommen, aber in der Schule erleben, dass Konkurrenz das Gebot der Stunde ist.

science.ORF.at: Wie lässt sich testen, ob jemand im Ethikunterricht besteht?

Genau zu dieser Frage läuft an der Humboldt Universität gerade das ETiK-Projekt. Ich habe vor einiger Zeit versucht zu messen, welche Kompetenzen der Religionsunterricht erzeugt. Die Herausforderung war, dies zu tun ohne Glaubensüberzeugungen mit abzufragen. Ich kann die zwar testen, darf sie aber nicht bewerten.

Dasselbe Problem stellt sich für Ethik: Wir können überprüfen, was Schüler über die diversen Modelle wissen, und wir können auch testen, wie sie sie in verschiedenen Situationen anwenden. Was ich nicht testen und bewerten darf, ist, ob die Schüler diese Überzeugung auch wirklich teilen. Das geht im Unterricht nicht, denn dann würde er ja in einer nahezu unterdrückenden Weise auf die Persönlichkeit einwirken.

science.ORF.at: Ein indoktrinärer Zug in die scheinbar richtige Richtung?

Genau. Das heißt, man sagt, wir haben jetzt erkannt, was der Sinn des menschlichen Lebens ist und sagen es euch. Z.B.: Der Kommunismus ist die höchste Gesellschaftsform, drum erziehen wir euch zu Kommunisten. Die Hoffnung, durch Unterricht das Gelingen des Menschseins zu erlangen, ist hochgradig problematisch. Unterricht hat die Aufgabe, in die Möglichkeiten des Menschseins einzuführen und das Individuum zu befähigen, seinen Weg zu finden.

science.ORF.at: Können Religions- und Ethikunterricht nun nebeneinander existieren, oder nicht?

Sie können viel mehr als das. Jedes Fach in der Oberstufe definiert sich durch seinen Wissenschaftsbezug. Auch der Religionsunterricht darf nach meiner festen Überzeugung nicht in einen Glauben einführen, das ist nicht seine Aufgabe. Er muss das vermitteln, was Gegenstand von Theologie als wissenschaftlichem Fach ist.

science.ORF.at: Es gibt in den USA und in Europa extrem demokratische Schulmodelle. Das Schülerparlament bestimmt einen Großteil der Vorgänge an der Schule. Wäre das nicht ein besserer Weg, um Werte zu vermitteln?

Das ist etwas riskant, denn dann haben die Schüler immer die Mehrheit (lacht). Die Summerhill Schule in England versuchte das als erstes. Das gleichnamige Buch verkaufte sich im Deutschland der 60er Jahre ganz ausgezeichnet, und hatte auf die antiautoritäre Schule in Österreich großen Einfluss.

Pädagogik ist aber nicht Demokratie. Das sind zwei verschiedene Dinge. Pädagogen sollen Jugendliche dazu befähigen, sich in einer ungewissen Zukunft zurecht zu finden. Wir müssen sie aber auch in eine Welt einführen, die schon ist. Dieser Doppelaspekt, dass wir, Hannah Arendt sagt das so schön, "die Welt auch verantworten", ist unvermeidbar. Bücher wie "Hört auf mit dem Erziehen" stellen das Gefälle in der Pädagogik als den Feind an sich dar. Das stimmt so nicht, denn was passiert wenn ich das Gefälle aufgebe? Dann liefere ich das Kind nur dem Druck der Gesellschaft aus. Arendt bezeichnet das als "Tyrannei der Gleichaltrigen". Pädagogik hat also auch eine Schutzfunktion, und zwar für beide Seiten. Die Heranwachsenden sollen vor der Welt geschützt werden, aber auch die Welt vor den Heranwachsenden.

Es gibt außerhalb der Schule ja auch noch das Leben, mit all seinen Zufälligkeiten und schlimmen Erfahrungen. Ich finde daher, wir sollten Pädagogik als Instrument sehen, das zur Freiheit befähigt. Letztlich hat alles, was wir in der Schule vermitteln, nur begrenzt Einfluss auf den Einzelnen.

science.ORF.at: Also Autorität ja, aber richtig?

Ja, wobei aber eine Autorität, die sich aus der Liebe zu einer Sache speist, ganz anders ist als eine, die sich aus Zwang und Hierarchie speist. Das eine ist freiwillig, das andere ist eine Autorität “qua Amt”. Entscheidend ist, Menschen als Gegenüber anzunehmen. Auch in der Unterrichtssituation. Ich habe Theologie immer als Fach verstanden, in dem man Fragen stellen konnte, und unterschiedliche Antworten bekommt. Welche die richtige ist, muss man möglicherweise selbst entscheiden, und sie ändert sich im Lauf des Lebens. Fragen sind immer interessanter als Antworten.

science.ORF.at: Wie stehen Sie zu dem in der heimischen Politik so gerne verwendeten Begriff der "Bildungsgesellschaft"?

Die Pluralisierung und Demokratisierung von Bildung ist definitiv ein wichtiges Signum unserer Zeit. PISA hat aber gezeigt, dass wir uns Illusionen darüber gemacht haben, wie weit dieser Prozess bereits fortgeschritten ist. Wir dachten, der freie Hochschulzugang wäre bereits die Lösung. Formal ist das so, aber in der Praxis haben wir uns, gerade im deutschsprachigen Raum, nicht weit von der Standesgesellschaft weg entwickelt. Die Bildungsnähe der Elternhäuser bestimmt geradezu schicksalhaft vorher, was aus Kindern wird. Und das kann ja eigentlich nicht sein. Das passt nicht zu unserem Selbstbild von der Bildungsgesellschaft.

Wenn wir uns die Länder ansehen, die bei PISA erfolgreich sind, heißt das aber nicht, dass wir deren Systeme übernehmen sollen. Sollen wir etwa japanisches Schulwesen kopieren, das zwar demokratisch funktioniert, sich aber durch ein rigides Nachhilfesystem definiert? Ich sehe bei PISA ja nicht, woher die Leistungen kommen. Oder finde ich vielleicht das finnische System interessant. Dort gehen Kinder, anders als in Österreich, ohne Angst zur Schule. Unser Schulsystem ist stark hierarchisch organisiert. In skandinavischen Ländern sind Tests Diagnose-Instrumente. In deutschsprachigen Ländern entscheiden sie über den Wert des Menschen.

science.ORF.at: Stichwort Begabtenförderung: Ist die Gesamtschule tatsächlich das Allheilmittel, als das viele sie sehen?

Ich denke ja, denn wenn wir nicht mehr "vorsortieren" in Gymnasium oder Hauptschule, dann stehen wieder alle Türen offen. Wir haben oft die seltsame Ansicht, dass Kinder, die in Mathematik schlecht sind, gut in handwerklichen Berufen sind. Das stimmt nicht. Ebenso gibt es an der Spitze von Hauptschule wie Gymnasium Kinder mit hohen Intelligenzquotienten. Durch die Teilung nehmen wir solche Unterschiede nicht mehr wahr. Das führt dazu, dass ich mich an einem Durchschnitt orientiere, der die darüber wie die darunter vernachlässigt. Es gibt z.B. Studien, dass auch Hochbegabten-Förderung in sehr integrierten Schulmodellen funktioniert.

science.ORF.at: Sie sind in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Wie erinnern Sie sich an ihre eigene Schulzeit?

Das ist eine interessante Frage, da komme ich ins Grübeln (lacht). Eine Kindheit in der DDR ist natürlich eine Herausforderung. Da erlebt man Bedingungen, die man später aufarbeiten darf. Die Schule war aber nur ein Aspekt. Ich bin in einem liebevollen Elternhaus aufgewachsen, hatte viele Freiheiten. Religion gab es an der Schule natürlich nicht, sie galt als "unwissenschaftlich" und daher als falsch. Ich war zwar in der Gemeinde aktiv, habe mich aber erst für Religion interessiert, als wir einen spannenden Pfarrer hatten, der seine Glaubenszweifel immer in der Predigt ausgedrückt hat.

Für mich war die Kirche der Ort, an dem ich frei war, und Fragen stellen durfte, ohne dass die Antworten bereits vorgegeben waren. Man durfte kritisch sein, das war in der Schule nur beschränkt erlaubt. Das Bild von Religion als etwas, wo Abhängigkeiten und Einschränkungen passieren, kann ich zwar gut verstehen, aber es ist nicht meine Erfahrung. Die Religion hat das Denken bei uns zu Hause angeregt, und es nicht verhindert. Denken war für mich ein Prozess, der außerhalb der Schule stattfand. Auch die Literatur war in der Schule ziemlich ausgewählt, der heimische Bücherschrank oder die Stadtbücherei boten da erstaunlich mehr.

science.ORF.at: Sie haben sich nach der Schule zum Elektriker ausbilden lassen, bevor Sie Theologe und Pädagoge wurden. Hatte das was mit dem Weltbild zu tun, dass Sie in der Schule vermittelt bekamen?

Das war eine pragmatische Entscheidung. Das Abitur war in der DDR jenen vorbehalten, die sich konform verhielten. Daher fand man die interessantesten Leute immer unter denen, die nicht studierten. Bis heute habe ich mir eine grundlegende Skepsis dem Glauben gegenüber bewahrt, dass die interessantesten Persönlichkeiten die mit dem höchsten Bildungsabschluss sind. Es gibt Lebensgeschichten die nichts mit formal erreichten Graden zu tun haben.

Ich hätte gerne Abitur gemacht, aber mein Antrag wurde abgelehnt. Das war der Preis, wenn man seine Meinung öffentlich sagte.

science.ORF.at: Und Sie haben zu denen gehört, die ihre Meinung gesagt haben.

Genau. Zwar verbindlich in der Form, ich war nie aufmüpfig, aber bei bestimmten Punkten habe ich Fragen gestellt.

Ein Beispiel: Im Literaturunterricht sollten wir Gedichte vorstellen. Da konnte man es sich natürlich einfach machen und Gedichte aus dem Lehrbuch vorstellen. Man hätte auch ein Biermann Gedicht vorstellen können, damit hätte man aber einen Schulverweis riskiert (Anm. Der Liedermacher Wolf Biermann wurde 1976 aus der DDR ausgebürgert). Ich habe das Gedicht “General, Dein Tank ist ein starker Wagen” von Bertolt Brecht gewählt. Da konnten die Lehrer nichts dagegen sagen, Brecht hatte schließlich 1951 den Nationalpreis erhalten. Der Inhalt passt freilich gar nicht zum Bild des vor Nationalstolz strotzenden Vaterlandes. Damit war klar - kein Abitur.

science.ORF.at: Was ist für Sie ein guter Schüler?

Einer, der Fragen stellt, natürlich!

Interview: Denise Riedlinger

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