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Lächelndes Mädchen aufgestützt auf Pferdeschultasche

Warum Mädchen bessere Noten bekommen

Mädchen bekommen in der Volksschule in einer Reihe von Fächern bessere Noten, obwohl ihre Leistungen objektiv nicht besser sind. Die Ursache laut einer aktuellen Studie, die US-Schüler und -Schülerinnen verglichen hat: Mädchen werden wegen ihres Sozialverhaltens bevorzugt.

Bildung 03.01.2013

Ausgangspunkt der Studie waren Daten aus der amerikanischen Langzeituntersuchung ECLS-K, die schulische Leistungen ab dem Kindergarten verfolgt. Von 1998 bis 2004 wurden 5.800 Mädchen und Buben jährlich in den Fächern Mathematik, Lesen und Allgemeines Wissen (bzw. Wissenschaft) geprüft.

Zugleich schätzten die Lehrerinnen und Lehrer die Leistungen ihrer Schüler ein und machten auch vielfältige Angaben über ihr allgemeines Verhalten in der Schule.

Die Studie:

"Non-cognitive Skills and the Gender Disparities in Test Scores and Teacher Assessments: Evidence from Primary School" von Christopher Cornwell und Kollegen soll im "Journal of Human Resources" erscheinen (hier eine Online-Vorabversion auf der Homepage von Cornwell).

In allen Fächern im Vorteil

Letzteres ist besonders wichtig, denn daraus hat das Amerikanische Zentrum für Erziehungsstatistiken eine Art soziales Bewertungssystem entwickelt. Als aussagefähigster Faktor dieser "Sozialnoten" erwies sich für die aktuelle Studie die "Haltung zum Lernen" (approaches to learning). Gemeint ist damit ein Mix aus Aufmerksamkeit, Lerneifer und Lernunabhängigkeit, Hartnäckigkeit bei Aufgaben sowie Flexibilität und Organisation.

Die Ergebnisse seien eindeutig, betonen die Forscher um den Wirtschaftswissenschaftler Christopher Cornwell von der University of Georgia. In allen untersuchten Fächern werden Mädchen besser benotet als Buben. Beim Lesen sind Mädchen objektiv besser, bekommen aber noch bessere Noten. Bei Mathematik sind ihre Leistungen annähernd gleich gut wie jene der Buben, beim Allgemeinen Wissen bzw. Wissenschaft sind sie schlechter - dennoch bekommen sie auch in diesen Fächern bessere Noten.

Sozialverhalten übertrumpft Wissen

Der Grund dafür liegt im "nicht-kognitiven" Bereich, sprich im unterschiedlichen Verhalten der beiden Geschlechter. Die Lernhaltung von Mädchen wird von den Lehrerinnen und Lehrern im Schnitt um 15 Prozent höher eingeschätzt als die der Buben - und das erklärt laut den Forschern ihre schlechteren Noten. Die Unterschiede zwischen objektiver Leistung und der Benotung verschwinden nämlich bei jenen Burschen, die ein ähnliches Verhalten an den Tag legen wie die Mädchen - eine Art sozialer "Bonus", wie Cornwell und Kollegen in ihrer Studie schreiben.

Über diese Benachteiligung von Buben gebe es bisher wenige empirische Studien, betonen sie. Ihre sei die erste Untersuchung, die objektive und subjektive Bewertungen von Leistungen im Volkschulalter verglichen hat. Die gefundene Diskrepanz sei bedenklich, da in diesen jungen Jahren der Grundstein für die weitere Bildung und Ausbildung gelegt wird.

Woran sie genau liegt, wollen die Forscher nicht sagen. Das am nächsten liegende Argument wäre, dass das Geschlecht des Lehrpersonals - in erster Linie sind es Lehrerinnen - eine Rolle spielt. Dafür gebe es aber noch zu wenig empirische Daten.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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