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Ein Mann trägt einen Plastikglobus unter dem Arm

Die Vorläufer von Google

Im Internet ist es heute v. a. Google, das in einer unübersichtlichen Welt Überblick liefert und zugleich Eigeninteressen verfolgt. Doch derartige Einrichtungen sind nicht neu, sagt der Historiker Anton Tantner. Er untersucht in einem Gastbeitrag eine "Suchmaschine" im Paris des 17. Jahrhunderts - die freilich aus Stein bestand und nicht aus Algorithmen.

Geschichte 07.01.2013

Eine Suchmaschine im 17. Jahrhundert

Von Anton Tantner

Über den Autor:

Porträtfoto des Historikers Anton Tantner

Anton Tantner/IFK

Anton Tantner ist Research Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) und Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Wien.

Veranstaltungshinweis:

Am 7.1.2013 hält Anton Tantner um 18 Uhr am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK), Reichsratsstraße 17, 1010 Wien den Vortrag "Suchen und Finden im analogen Zeitalter. Adressbüros im Europa der Frühen Neuzeit".

Links:

Anmerkungen:

Umfassend zu Renaudots Bureau d’adresse und weiteren Adressbüros: Tantner, Anton: Adressbüros im Europa der Frühen Neuzeit. Habilitationsschrift. Wien: Historisch-kulturwisenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, 2011 (Online zugänglich seit 2012)

Verzeichnis der bei Google Books digitalisierten Conférences du Bureau d’adresse

Fielding, Henry: The Covent-Garden Journal and A Plan of the Universal Register-Office. (Hg. von Goldgar, Bertrand A.). Oxford: Clarendon Press, 1988, S. 6.

Zum 1707 gegründeten Wiener "Frag- und Kundschaftsamt": Tantner, Anton: Suchmaschine aus barocker Ära, in: Wiener Zeitung, 13.1.2012, Beilage Zeitreisen. Geschichtsfeuilleton der "Wiener Zeitung", Nr. 307, S. VII,

Zur weiteren Vorgeschichte von Internet-Suchmaschinen: Brandstetter, Thomas/Hübel, Thomas/Tantner, Anton (Hg.): Vor Google. Eine Mediengeschichte der Suchmaschine im analogen Zeitalter. Bielefeld: Transcript, 2012.

Porträt des Gründers des Bureau d’adresse, des Arztes Théophraste Renaudot

IFK

Porträt des Gründers des Bureau d’adresse, des Arztes Théophraste Renaudot

Im Jahr 1630 eröffnete in Paris eine gar seltsame Einrichtung ihre Pforten: Ein Adressbüro war es, Bureau d’adresse genannt, eine umfassende Vermittlungseinrichtung, deren Tätigkeiten am besten als die einer frühneuzeitlichen Suchmaschine beschrieben werden können.

Dieses Bureau d’adresse, gelegen nahe Notre Dame auf der Île de la Cité, in der heute nicht mehr existierenden Rue de la Calandre diente dazu, Menschen, die Informationen suchten, diese zu beschaffen: Wer Wegadressen oder eine Reisebegleitung suchte, wer Namen und Wohnsitze wichtiger Personen wie Theologen, Ärzte und Advokaten in Erfahrung bringen wollte, konnte sich an das Büro wenden und auf eine Antwort hoffen.

Verkaufsagentur und Arbeitsamt

Zugleich war das Büro eine Verkaufsagentur: Wer etwas zu verkaufen hatte, konnte seine Ware gegen eine Vermittlungsgebühr von drei Sous in ein Register eintragen lassen; wer eine Ware suchte, konnte ebenfalls gegen Gebühr einen Auszug aus diesen Registern erhalten.

Zum Verkauf standen nicht nur bewegliche Güter wie Antiken, Bücher oder Maschinen, sondern auch Tiere - einmal wurde sogar ein Dromedar angeboten - weiters Immobilien wie Landgüter oder ganze Häuser. Auch zur Arbeitsvermittlung wurde das Büro eingesetzt: Offene Stellen wurden in ein eigenes Register eingetragen, genauso wie Lehrer, Dienstboten und Gesellen auf Arbeitssuche ihre Anfragen an das Büro richten konnten.

Poliklinik, Pfandhaus, Kunstgalerie, Akademie

Darüber hinaus bot die neue Einrichtung medizinische Betreuung an, was insbesondere für Arme gedacht war: Nach einer ersten Konsultation wurden die Kranken an Ärzte, Chirurgen und Apotheker weitergewiesen, die sie gratis behandelten. Weiters fungierte das Büro als Pfandhaus - wer kurzfristig Geld brauchte, konnte eines seiner Besitztümer im Büro abgeben und belehnen lassen - sowie als Kunstgalerie, die zum Verkauf angebotene Tafelbilder ausstellte.

Schließlich übernahm das Büro noch die Aufgaben einer gelehrten Akademie: Von 1633 an wurden dort jeden Montagnachmittag Vorträge abgehalten, die eine Reihe von unterschiedlichen Themen behandelten, zum Beispiel Medizin, physikalische Phänomene oder die Ökonomie, es fehlten auch nicht die Frage nach dem Sitz des Wahnsinns und ob die Wahrheit im Wein läge.

Der Gründer: Théophraste Renaudot (1586-1653)

Gründer des Bureau d’adresse war der Arzt Théophraste Renaudot: 1586 als Hugenotte in Loudun geboren, erlangte er bald die Protektion des Kardinals Richelieu und konvertierte 1628 zum Katholizismus. Sein Hauptargument, mit dem er die Gründung seines Büros erwirkte, war, dass damit den aus der Provinz nach Paris strömenden Armen Arbeit vermittelt werden könnte und diese dadurch vom Betteln abgehalten würden.

Das Büro sollte somit als Instrument der frühneuzeitlichen Armenpolitik dienen, geriet aber auf Grund seiner umfangreichen Tätigkeit immer wieder in Konflikt mit jenen Personen, deren Aufgabenbereiche dadurch tangiert waren: mit den Gesellenvereinigungen etwa, vor allem aber mit der Pariser medizinischen Fakultät, die massiv Einspruch erhob, als Renaudot seine Tätigkeit auf dem Gebiet der medizinischen Beratung noch ausdehnen wollte.

Erfolgreich waren Renaudots Widersacher erst nach dem Tod seines Protektors, Kardinal Richelieu: 1643 musste das Bureau d’adresse einen großen Teil seiner Tätigkeit einstellen, Renaudot selbst starb zehn Jahre später. Von längerer Dauer war die von ihm 1631 gegründete Gazette (de France), eine Zeitung, die wesentlicher Bestandteil der Informationspolitik Richelieus wurde und bis zum Ersten Weltkrieg bestand. Nicht zuletzt durch die Gazette kam Renaudot zu seinem Ruf als (Mit-)Begründer des Journalismus in Frankreich; seit 1926 erinnert an ihn der Prix Renaudot.

Eine frühneuzeitliche Suchmaschine

Der Ruf des Bureau d’adresse überschritt recht schnell die Grenzen Frankreichs; auch andere europäische Metropolen, darunter London und Wien erlebten im 17. und 18. Jahrhundert die Gründung derlei Einrichtungen. Zumeist handelte es sich um Stätten, die dem Informationsaustausch gewidmet waren und zu deren Aufgaben die Vermittlung von Waren, Arbeit, Immobilien sowie Kapital zählte.

Heutigen Suchmaschinen gleich hatten sie den Anspruch, Informationen zu sammeln und Suchanfragen zu beantworten; so sollte das 1750 in London vom Schriftsteller Henry Fielding und seinem Halbbruder John Fielding eröffnete Universal Register Office gemäß seiner Selbstdarstellung "die Welt (...) zusammen an einen Platz (...) bringen", ein Mission Statement, das von Google stammen könnte: Das Ziel von Google ist es, die Informationen der Welt zu organisieren und für alle zu jeder Zeit zugänglich und nützlich zu machen, so verheißt es die Homepage von Google.

Vorgeschichte von Google

Aus einer medienhistorischen Perspektive kann die Geschichte der Adressbüros somit heute, zu Beginn des digitalen Zeitalters, als Teil einer Vorgeschichte der alltäglich verwendeten Internet-Suchmaschinen beschrieben werden, zu der auch so unterschiedliche Institutionen, Subjekte und Einrichtungen zählen wie Staatsadressbücher, Zettelkästen, Bibliothekskataloge, Fragebögen und selbst Kammerdiener.

Wie einst die Adressbüros bewegen sich heutige Suchmaschinen zwischen Kommerzium und Gelehrsamkeit, zwischen Diskretion und obrigkeitlicher Inanspruchnahme; der Rückgriff auf die Frühe Neuzeit kann dabei helfen, aktuelle Problemlagen besser in den Blick zu bekommen.

Immerhin generieren Suchmaschinen ähnliche Utopien wie seinerzeit die Adressbüros, die den Zugang zum Wissen der Welt ermöglichen wollten und doch zugleich kommerzielle Unternehmungen waren, die in vielfältigen Konflikten mit ihrer Umgebung standen.

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