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Schimpanse im Nadelstreif

Affen: So fair wie wir

Könnten Schimpansen sprechen, gehörte der Satz "Das ist unfair!" wohl zu ihrem Repertoire. Laut einer Studie besitzen sie einen Sinn für Gerechtigkeit: Ihr Verhalten ähnelt dem von Menschenkindern.

monkey business 15.01.2013

Ist der Mensch egoistisch? Um diese Frage im Experiment zu testen, setzen Ökonomen seit den 80er Jahren auf ein Spiel. Es hießt "Ultimatumspiel" und funktioniert wie folgt: Spieler eins erhält einen bestimmten Geldbetrag und muss Spieler zwei ein Angebot machen, den Betrag zu teilen. Akzeptiert Spieler zwei die Offerte, wird das Geld ausbezahlt. Akzeptiert er nicht, gehen beide leer aus.

Ein Angebot von 50:50 ist üblicherweise kein Problem. Schwierig wird es, wenn Spieler eins 70 oder mehr Prozent des Gewinns einstreifen möchte. In dieser Situation bevorzugen viele den Verlust des in Aussicht stehenden Betrags, um dem Eigennutz einen Riegel vorzuschieben.

Was dem ökonomischen Imperativ eigentlich widerspricht. Die Strafe für Egoisten kostet etwas, ein lupenreiner Homo oeconomicus müsste auch geringe Gewinne vorziehen. Falls es nicht schon vorher klar war, so wurde damit experimentell bewiesen: Der Mensch hat einen Sinn für Fairness. Gerechtigkeit ist ein Wert an sich.

"Haben die gleichen Präferenzen wie wir"

Die Studie:

"Chimpanzees play the ultimatum game", 15. Jänner 2013, PNAS (doi: 10.1073/pnas.1220806110).

Das galt lange als Exklusivmerkmal, Tieren wollte man diesen Sinn nicht so recht zugestehen. In letzter Zeit häufen sich allerdings Berichte, die Moral auch im Tierreich verorten. Der jüngste Beitrag stammt vom niederländisch-amerikanischen Primatenforscher Frans de Waal.

Er hat nun das Ultimatumspiel mit Schimpansen durchexerziert, freilich mit ein paar nicht unwesentlichen Änderungen. Da Affen durch Geld naturgemäß wenig zu motivieren sind, bot de Waal anstatt dessen zwei Gegenstände an, die die Affen gegen sechs Bananen eintauschen konnten.

Die Farbe bestimmte den Verteilungsschlüssel. Die eine (etwa Blau) stand für das gerechte Verhältnis 3:3, der andere (etwa Rot) für die Egovariante 5:1. Da die Affen zuvor trainiert wurden, ihre Zustimmung durch Austausch des Gegenstandes kundzutun, waren auch Ablehnungen möglich.

Das Ergebnis: Blau wurde fast immer angenommen, Rot in knapp drei Viertel aller Fälle abgelehnt. Ähnliches zeigen Versuche mit zwei- bis siebenjährigen Kindern, wie de Waal in seiner Arbeit schreibt. Das Setting war in diesem Fall das Gleiche, nur gab es diesmal Sticker statt Bananen. "Schimpansen verhalten sich nicht nur so ähnlich wie Menschen in Bezug auf Fairness", resümiert de Waal. "Sie haben exakt die gleichen Präferenzen wie wir."

Die Moral ist kulturabhängig

Ö1 Sendungshinweis:

Logos, 19. 1., 19:05 Uhr: "Was ist gerecht in einer endlichen Welt?" - Ethische Fragen im Spannungsfeld von Ökologie und Wirtschaft.

Das gilt im Übrigen auch in negativer Hinsicht. Waren die Affen im Experiment nicht auf die Zustimmung des Mitspielers angewiesen, nahm die Sache schnell einen egoistischen Drall an. Ähnliches kennt man auch an Versuchen mit Menschen. Diese Spielvariante wird bezeichnenderweise "Diktatorspiel" genannt - sie zeigt: Sofern die Angelegenheit völlig risikofrei ist, können viele der Versuchung nicht widerstehen, den anderen zu übervorteilen. Homo sapiens mag ein moralisches Wesen sein, heilig indes ist er nicht.

Nicht verschwiegen werden soll in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die Ergebnisse des Ultimatumspiels laut früheren Studien durchaus kulturabhängig sind. Die Lamelara aus Indonesien agieren großzügig und bieten ihren Mitspielern im Schnitt 58 Prozent des Gewinns an. Vermutlich deswegen, weil sie durch die Waljagd stärker als andere Völker auf Kooperation geeicht sind.

Die Hadza in Tansania wiederum geben weniger als 30 Prozent an ihre Mitspieler ab, was diese laut Versuchen auch meist ablehnen. Die Schwankungsbreite ist offenbar enorm: ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen? Beim Werkzeuggebrauch haben Forscher bereits die Existenz regionaler Schimpansenkulturen nachgewiesen. In Bezug auf die Moral jedoch noch nicht.

Robert Czepel, science.ORF.at

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