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Kerzen auf dem Friedhof

Prominenten-Suizid: Medien fördern Nachahmer

Schon zu Goethes Zeiten wusste man, dass öffentlich thematisierte Selbsttötungen von Prominenten zur Nachahmung verleiten. Diesen "Werther-Effekt" haben Mediziner nun quantifiziert - 20 Suizide mehr pro Monat gibt es ihnen zufolge in Österreich, wenn sich ein Prominenter selbst getötet hat und die Medien unpassend darüber berichteten.

Medizin 14.01.2013

Die Studie:

"Changes in suicide rates following media reports on celebrity suicide: a meta-analysis" von Thomas Niederkrotenthaler und Kollegen ist in der Dezember-Ausgabe des "Journal of Epidemiology & Community Health" erschienen.

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"Und das obwohl Krisen, auch solche in denen Suizidgedanken eine Rolle spielen, erfolgreich bewältigt werden können, und entsprechende Hilfsangebote zur Unterstützung wirksam und verfügbar sind", sagt Studienautor Thomas Niederkrotenthaler von der Abteilung für Public Health der MedUni. Mit Kollegen hat er die vorhandene wissenschaftliche Literatur zu dem Thema analysiert und eine aktuelle Metastudie geschrieben.

Sozial erlernte "Lösung" von Krisen

Kann schon ein inadäquate Berichterstattung über Selbsttötungen bei sonst Unbekannten zu dem berüchtigten "Werther"-Effekt (Nachahmesuizid, benannt nach Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werthers im Jahr" von 1774, nachdem sich eine Reihe junger Männer getötet hat) führen, so ist das noch viel eher der Fall, wenn Prominente sich das Leben nehmen. "Dabei gibt es auch bei Prominenten so viele Beispiele von bewältigten Krisen und erfolgreich angenommener Hilfe", sagte der Wiener Experte.

"Man erklärt das am häufigsten mit sozialem Lernen. Anfällige Personen - zum Beispiel Menschen, die sich in einer akuten psychosozialen Krise befinden - können sozusagen von Medien 'lernen', dass Krisen bewältigbar sind, wenn berichtet wird, wie man das tun kann - oder es kann auch der falsche Eindruck vermittelt werden, dass Suizid eine akzeptable Lösung persönlicher Probleme ist, wenn solche Fälle sensationsträchtig dargestellt werden", erklärte Niederkrotenthaler.

Positives Beispiel Wiener U-Bahn

Schon in den 1980er-Jahren konnten Wiener Experten nachweisen, dass die damals von den österreichischen Medien auf Bitte von den Wiener Linien erfolgte Reduktion der Berichterstattung über Suizide in der U-Bahn zu einem deutlichen Rückgang der Fälle führte.

Abnehmende Suizidzahl

In Österreich werden pro Jahr rund 1.200 Suizide registriert, diese Zahl nimmt bereits seit Mitte der 1980er Jahre ständig und deutlich ab.

Ein Fall mehr pro 400.000 Einwohner

Die Wissenschaftler analysierten insgesamt zehn wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Thema. "Es waren alle themenbezogenen publizierten wissenschaftlichen Untersuchungen seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Insgesamt wurde darin die Auswirkung der Berichterstattung nach 98 Selbsttötungen von Prominenten auf die Suizidraten untersucht", erklärte der Forscher. In der nunmehrigen Meta-Analyse wurde versucht, eine generelle Aussage zu treffen.

Das Ergebnis, so Niederkrotenthaler: "Insgesamt kann man davon ausgehen, dass nach dem Suizid eines Prominenten die Häufigkeit von Selbsttötungen (in der Bevölkerung, die das Geschehen verfolgt hat, Anm.) im Monat danach um 0,26 Fälle pro 100.000 Einwohner steigt. In Österreich wären das im Fall des Falles bei ca. acht Millionen Einwohnern ca. 20 zusätzliche Tote."

Besonders gefährlich: Entertainment-Fälle

Wobei dieser "Werther"-Effekt - je nach Art der betroffenen Prominenz offenbar - unterschiedlich ist. "Der spezifische Effekt der Berichterstattung über eine bekannte Person aus der Entertainment-Branche lag bei 0,68 (mehr Fälle pro 100.000 Einwohner im ersten Monat nach der Berichterstattung) in Europa und war ähnlich in Nordamerika und Asien", berichtete Niederkrotenthaler.

Warum dieser Entertainer-Effekt so groß ist, erklärte Niederkrotenthaler so: "Stars aus der Unterhaltungsbranche geben sich oft in Rollen, mit denen man sich leicht identifizieren kann und die man sympathisch findet."

Da kann Berichterstattung einerseits eine positive Vorbildwirkung haben, etwa wenn ein Bericht erscheint, in dem ein Prominenter erzählt, wie er eine persönliche Krisensituation oder eine psychische Erkrankung bewältigt hat. Aber wenn der Suizid eines Prominenten sensationsträchtig berichtet wird, dann hat dies eine negative Wirkung und führt im schlimmsten Fall zu weiteren Suiziden."

Konkrete Tipps für die Medien

Laut dem Experten sollten die Medien deshalb gerade in der Berichterstattung über Suizide im Prominentenmilieu besonders vorsichtig sein. Zu verhindern ist sie nicht, wenn jemand sehr bekannt ist. Das erwarten die Fachleute auch gar nicht.

Aber, so Niederkrotenthaler: "Man sollte die Berichte - zum Beispiel in Zeitungen - nicht auf der ersten Seite, sondern im Blattinneren bringen und möglichst wenig die Sensation oder den Suizidakt, z.B. die Suizidmethode in den Vordergrund stellen. Am ehesten sollte versucht werden, anhand des Todesfalles auch professionelle Hilfsangebote und Lösungsmöglichkeiten für psychische und familiäre Krisensituationen zu präsentieren."

science.ORF.at/APA

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