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Grabstein auf dem Israelitischen Friedhof
in Graz

Ein vergessener Ort des Verbrechens

Bis in die letzten Kriegstage haben die Nationalsozialisten grausame Verbrechen verübt. Über eine nahezu unbekannte Episode berichtet nun eine Grazer Historikerin. Im April 1945 wurden im "Lager Liebenau" unweit des heutigen Fußballstadions mindestens 35 Menschen ermordet, die meisten von ihnen ungarische Juden.

Nationalsozialismus 16.01.2013

Sie waren zuvor als Zwangsarbeiter für Hitlers "Südostwall" eingesetzt worden und wurden in Todesmärschen quer durch die "Ostmark" in Richtung KZ Mauthausen getrieben, wie Barbara Stelzl-Marx recherchiert hat. Zwei der Täter wurden von einem britischen Militärgericht 1947 zum Tode verurteilt, danach wurde der österreichische Mantel des Schweigens über die Angelegenheit gesenkt.

science.ORF.at: Wie sind Sie auf das unbekannte Kapitel der NS-Verbrechensgeschichte gestoßen?

Porträtfoto der Historikerin Barbara Stelzl-Marx

LBI für Kriegsfolgenforschung

Barbara Stelzl-Marx ist stellvertretende Institutsleiterin des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung in Graz

Das Buch:

Barbara Stelzl-Marx: Das Lager Graz-Liebenau in der NS-Zeit. Zwangsarbeiter - Todesmärsche - Nachkriegsjustiz. Verlag Leykam 2012

Links:

Areal des ehemaligen Lagers Liebenau

Google Maps Grafik: Martin Florian

Das Areal des ehemaligen Lagers Liebenau in einer aktuellen Luftbildaufnahme (Quelle: Google Maps, Grafik: Martin Florian)

Ungarische Juden während des Todesmarsches in Hieflau am 8. oder 9. April 1945. Das Foto wurde im Geheimen von einer Dachluke aus aufgenommen.

Walter Dal-Asen

Ungarische Juden während des Todesmarsches in Hieflau am 8. oder 9. April 1945. Das Foto wurde im Geheimen von einer Dachluke aus aufgenommen. (Quelle: Walter Dal-Asen)

Ausschnitt des unter dem Einsatz Tausender Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener errichteten "Südostwalls"

StBTA, KB 23789

Ausschnitt des "Südostwalls", der unter dem Einsatz Tausender Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener errichtet wurde (Quelle:
StBTA, KB 23789)

Barbara Stelzl-Marx: Ich habe vor 15 Jahren zu Zwangsarbeitern gearbeitet und zwei wissenschaftliche Aufsätze über das Lager Liebenau geschrieben. Jetzt ist das Thema wegen des geplanten Murkraftwerks in Graz relevant geworden. Gegner des Kraftwerks haben argumentiert, dass nicht klar ist, ob auf dem Baugelände noch Leichen verscharrt sind. Das war der Auslöser für die Stadt Graz und Energie Steiermark, eine Studie am Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung in Auftrag zu geben, um zu eruieren, was im April 1945 genau passiert ist.

Die Politik hatte erst Interesse die Geschichte aufzuarbeiten, als es um ökonomische Interessen ging?

Dadurch hat sie auf einmal wieder eine öffentliche und gesellschaftliche Relevanz bekommen. Nachdem die Leichen 1947 exhumiert worden waren und der Prozess stattgefunden hatte, war das Thema fürs erste erledigt. Wie so vieles in der österreichischen Nachkriegsgeschichte ist auch dieser Ort des Grauens vergessen worden. Das hat sich erst im Zusammenhang mit den Diskussionen rund ums Kraftwerk geändert.

Gibt es noch Leichen an der Stelle des ehemaligen Lagers Liebenau?

Mit Sicherheit kann ich das nicht sagen. Es gibt einen Zeitungshinweis von 1947, wonach der Richter im damaligen Prozess erklärt hat, dass nicht alle Leichen exhumiert wurden. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, warum das so sein sollte, wenn schon exhumiert wurde. Hundertprozentige Sicherheit wird man erst bekommen, wenn mit den Grabungsarbeiten begonnen wird.

Wie wichtig war das Lager Liebenau für die Nazis?

Es war mit einem Platz für rund 5.000 Personen das größte Zwangsarbeiterlager in Graz, das von einem Netz an Lagern für ausländische zivile Gefangene und Kriegsgefangene überzogen war. Es wurde 1940 als "Lager V" aufgestellt, ursprünglich ein Umsiedelungslager für "Volksdeutsche", wurde aber bald für Zwangsarbeiter verwendet. In der Nachkriegszeit diente es als Flüchtlingslager.

Woher stammten die ermordeten ungarischen Juden?

Sie waren vorher beim Bau des "Südostwalls" eingesetzt, der Verteidigungswall, der diesen Teil der "Festung Europa" vor der Roten Armee schützen sollte - was bekanntlich in keiner Weise gelungen ist. Die ungarischen Juden wurden beim Heranrücken der Sowjetarmee in Richtung Mauthausen "evakuiert". Diese Todesmärsche im April 1945 führten u.a. durchs Burgenland und die Steiermark, die Verbrechen von Rechnitz oder Präbichl-Eisenerz sind besser bekannt. Einige Gruppen haben im Lager Liebenau kurze Zeit Rast gemacht, bevor sie weiter in Richtung Mauthausen gehen mussten.

Was genau ist im Lager geschehen?

Insgesamt waren es 5.000 bis 6.000 Menschen, die im April 45 hier in mehreren Etappen durchgeschleust wurden. Viele von ihnen waren durch den Arbeitseinsatz und den Todesmarsch stark geschwächt, ausgehungert und krank. Sie mussten im Freien übernachten, obwohl es sehr kalt war. Sie hätten Medikamente benötigt, die auch vorhanden waren, ihnen aber nicht gegeben wurden. Die Verpflegung war katastrophal, obwohl es genügend Lebensmittel gegeben hätte. Diese menschenverachtende Behandlung ist das eine. Das andere ist, dass mindestens 35 Personen erschossen worden sind, größtenteils jene, die nicht mehr marschfähig waren. Es gibt auch einen Bericht von einem Juden, der sich eine Decke nehmen wollte. Weil das verboten war, wurde er als abschreckendes Beispiel erschossen.

Kennt man die Identität der Ermordeten?

Nur zum Teil, bei einigen wenigen der insgesamt 53 Exhumierten waren Dokumente oder andere Hinweise auf ihre Identität vorhanden. Bei anderen hat man feststellen könne, dass es ungarische Juden waren, weil sie Gebetsbücher bei sich trugen. Die meisten Getöteten wurden nach 1947 am Israelitischen Friedhof von Graz beigesetzt. Deshalb kann man davon ausgehen, dass die Mehrheit der Leichen ungarische Juden waren, und höchstens ein paar Zwangsarbeiter, die schon vorher im Lager verstorben waren.

Im Gegensatz zu Rechnitz hat man die Täter des Lagers Liebenau gefasst …

1947 wurde ein britisches Militärgericht eingesetzt, das Anklagen gegen vier führende Personen des ehemaligen Lagerpersonals erhob. Der Prozess führte zu zwei Todesurteilen, einer Haftstrafe von drei Jahren und einem Freispruch. Vor der aktuellen Studie war nicht klar, ob die beiden Todesurteile tatsächlich vollzogen wurden. Die Daten des Meldeamts der Stadt Graz zeigen nun, dass beide das gleiche Todesdatum haben. Und das weist darauf hin, dass die Todesurteile auch vollstreckt wurden.

Wieso sind nur vier Personen angeklagt worden, es werden vermutlich mehrere an den Morden beteiligt gewesen sein?

Es ging um die Hauptverantwortlichen, die die Erschießungen beauftragt oder direkt durchgeführt haben: den Grazer Lagerleiter Nikolaus Pichler, den Lagerführer Alois Frühwirt und den Lagerpolizisten Josef Thorbauer. Warum die Anklage nicht ausgeweitet wurde, lässt sich schwer sagen. Aber alleine der Umstand, dass der Prozess mit zwei Todesurteilen geendet hat, zeigt, dass die britischen Behörden von der Schwere des Verbrechens im Lager Liebenau überzeugt waren. Man muss das auch vor dem Hintergrund der Entnazifizierung und des Versuchs der Briten sehen, ein demokratisches Umdenken der Bevölkerung durch die Gerichtsverhandlungen zu erreichen. Was nicht geglückt sein dürfte, da die Ereignisse ja schnell wieder aus dem Gedächtnis verschwanden.

Liebenauer Prozess vor dem Oberen Britischen Militärgericht in Graz im September 1947: Blick in den Gerichtssaal.

StBTA, KB 22696

Liebenauer Prozess vor dem Oberen Britischen Militärgericht in Graz im September 1947: Blick in den Gerichtssaal. (Quelle: StBTA, KB 22696)

Ö1-Sendungshinweis

Über diese Studie berichtet auch "Wissen aktuell", Mittwoch, 16.1., 13:55 Uhr.

Welche Kapitel der NS-Geschichte sind noch ungeschrieben in Graz und in der Steiermark?

Eine kleine Gruppe ungarischer Juden ist im April 45 vom Lager Liebenau in die SS-Kaserne Wetzelsdorf, die heutige Belgier-Kaserne, überstellt wurden, wo sie erschossen wurden. Diese Kaserne ist ein zweiter Ort in Graz, wo Verbrechen zum Ende des Kriegs stattgefunden haben, das wird gerade von einem Kollegen aufgearbeitet. Generell wäre es interessant, einen genauen Überblick über die NS-Lagereinrichtungen in der Steiermark zu bekommen. Es gibt zwar eine Reihe von Einzelstudien, aber noch keine Gesamtdarstellung der Lagereinrichtungen für Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge.

Wie wird an die Geschehnisse im Lager Liebenau erinnert?

Am ehemaligen Areal des Lagers soll ein Mahnmal errichtet werden. Wann genau, ist noch nicht bekannt, spätestens mit Beginn der Grabungsarbeiten sollten aber zumindest die vorbereitenden Arbeiten dazu gesetzt werden. Mein Anliegen als Historikerin - und als Grazerin - ist es, dieses Thema dem Vergessen zu entreißen und der Bevölkerung zu zeigen, was 1945 im Herzen von Graz geschehen ist.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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