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Menschen im digitalen Datenstrom.

Crowdsourcing: Zukunftsmodell der Forschung

Die Macht der Menge: Wissenschaftler haben im Internet einen Wettbewerb ausgeschrieben, um ein Programm zur Analyse von DNA-Sequenzen herzustellen. Die Lösungen der Gewinner waren bis zu 1.000 Mal schneller als bisherige Programme.

Open Innovation 08.02.2013

Das menschliche Immunsystem hat nur eine begrenzte Zahl an Genen, um Antikörper gegen eine nahezu unbegrenzte Zahl an Eindringlingen zusammenzubasteln. Diesen Prozess, bis zu den Ausgangsgenen zu analysieren, ist für bestehende Computerprogramme eine fordernde Aufgabe, die oft nur unbefriedigende Ergebnisse liefert.

Cash for code

Wissenschaftler der US-Universität Harvard haben daher auf der Programmierer-Plattform "TopCoder.com" einen Wettbewerb ausgeschrieben. Gerade einmal 6.000 US-Dollar war das Preisgeld für die Erstellung eines Programms, das besagte Analyse schneller und effizienter als bisher bewältigen kann.

Dieser Wettbewerb war als Experiment eines der ersten seiner Art, das Crowdsourcing - also die Mobilisierung einer Menge an Freiwilligen zur Lösung eines Problems - mit biologischen Fragestellungen kombiniert. Sowohl die Ergebnisse der Studie, als auch die des Wettbewerbs können sich sehen lassen.

Ö1 Jahresschwerpunkt 2013: Open Innovation

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Sekunden statt Stunden

Insgesamt 122 Programmierer arbeiteten über einen Zeitraum von zwei Wochen an ihren persönlichen Lösungen für die Entschlüsselung der Immunabwehr. Eine Großzahl der gefertigten Algorithmen verringerte die Verarbeitungszeit bisheriger Programme von Minuten oder Stunden auf bloße Sekunden. 16 davon lieferten noch dazu genauere Ergebnisse. Durchschnittlich arbeiteten die Bewerber 22 Stunden an der Lösung der Aufgabe, die nach üblicher Vorgangsweise mehr Zeit und vor allem Ressourcen verschlungen hätte.

"Die Studie wirft die Frage auf, wie wir größere Effizienz in der akademischen Forschung erreichen können", sagt Karim Lakhani, Professor an der Harvard Business School. "Unter herkömmlichen Umständen würde ein Wissenschaftler, der die Analyse großer Datenmengen benötigt, einen Postdoktoranden damit beauftragen eine Lösung zu finden. Das kann unter Umständen über ein Jahr dauern. Wir haben gezeigt, dass in manchen Fällen existierende Plattformen und Communities Probleme besser, billiger und schneller lösen können."

Open Innovation

Ganz nach den Prinzipien der Open Innovation wurden die fünf besten Algorithmen des Bewerbs kostenlos und lizenzfrei ins Internet gestellt. Für Eva Guinan, Onkologin an der Harvard Medical School und Mitveranstalterin des Wettbewerbs, ist eine Zusammenarbeit dieser Art ein Rezept für die Zukunft: "Indem wir die Anzahl der Personen erhöhen, die sich einem bestimmten Problem annehmen, bekommen wir schneller Lösungen. Schlussendlich erlaubt es Forschern, ihre Aufmerksamkeit wissenschaftlichen Grundfragen zu widmen und sich nicht in Details zu verlieren, für deren Behandlung sie weniger geeignet sind."

Ferdinand Ferroli, science.ORF.at

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