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Baby mit traurigem Blick

Schon Babys unterscheiden Grammatik

Was Erwachsenen meist schwerfällt, gelingt Babys offenbar mühelos: das Erlernen einer oder sogar mehrerer Sprachen. Eine Studie zeigt nun, dass bereits sieben Monate alte zweisprachige Kinder zwischen zwei Sprachen mit völlig anderer grammatikalischer Struktur unterscheiden können.

Zweisprachigkeit 15.02.2013

Müheloser Lernprozess

Sprache, und zwar egal welche, ist ein hochkomplexes System aus in Struktur gegossener Bedeutung. Dennoch lernen die meisten Kinder scheinbar ohne Aufwand ihre Muttersprache, die sie im Alter von etwa sechs Jahren im Großen und Ganzen beherrschen. Dann besitzen sie einen Wortschatz von bis zu 14.000 Wörtern, können die meisten davon auch aussprechen und haben den grammatikalischen Aufbau weitgehend verinnerlicht. Manche erlernen in diesem Zeitraum sogar zwei, seltener drei oder mehr Sprachen.

Zur Studie in "Nature Communications"

"Prosody cues word order in 7-month-old bilingual infant" von Judit Gervain und Janet F. Werker, erschienen am 14. Februar 2013.

Warum dies so mühelos gelingt und welche Voraussetzung Menschenkinder dafür mitbringen, ist bis heute Gegenstand linguistischer und (neuro-)psychologischer Diskussionen. Aber egal, ob nun eine spezielles angeborenes Sprachmodul, wie es etwa Noam Chomsky mit seiner Theorie zur Universalgrammatik angenommen hat, dafür verantwortlich ist oder allgemeine kognitive Voraussetzungen, erstaunlich bleibt die Leistung allemal.

Unter anderem deshalb, weil immer klarer wird, wie früh der Prozess schon beginnt. Studien legen nahe, dass der Nachwuchs bereits vor der Geburt damit anfängt. Babys sollen sogar in ihrer Muttersprache schreien und die Grundlage für Zweisprachigkeit bereits im Uterus entstehen.

Versteckte Struktur

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch Wissen Aktuell um 15.2. um 13:55.

Selbst weniger offensichtliche Aspekte der Muttersprache erlernen Babys schon sehr bald. Laut einer Gehirnstudie erfassen bereits vier Monate alte Säuglinge grammatikalische Regeln. Scheinbar automatisch filtern sie demnach syntaktische Beziehungen aus einer Abfolge von Wörtern.

Das Zuordnen der Wortbedeutung ist nämlich beim Spracherwerb noch der einfachste Teil der Übung, da hier die Welt zumindest teilweise als Referenzsystem zur Verfügung steht. Um den strukturellen Aufbau und die Grammatik zu erlernen, müssen Babys lernen, sprachinterne Hinweise zu erfassen.

Wie schwer das ist, kann man sich leicht veranschaulichen: Man stelle sich vor, ein Erwachsener hört zum ersten Mal eine fremde Sprache - und muss durch bloßes Zuhören erfassen, wie sie aufgebaut ist.

Lernen durch Zählen

Einer der unzähligen, aber sehr grundlegenden grammatikalischen Aspekte ist die Wortstellung, die sich von Sprache zu Sprache unterscheidet. Weiß man wie die eigene aufgebaut ist, kann man einen Satz in Funktions- und Inhaltswörter zerlegen, Zusammenhänge erschließen oder unbekannte Begriffe leichter lernen.

Die Sprachen der Welt lassen sich grob in zwei Gruppen teilen, die Verb-Objekt-Sprachen (VO) und die Objekt-Verb-Sprachen (OV). In VO-Sprachen wie Englisch, Italienisch oder Spanisch, sind Artikel und Präpositionen typischerweise vor dem Hauptwort. Funktionswörter finden sich also immer zu Beginn einer Proposition. Das gilt auch für das Deutsche, das prinzipiell auch zu den VO-Sprachen zählt, aber bei der Wortstellung im Allgemeinen mehr Freiheiten besitzt und daher als Mischform bezeichnet werden kann. Bei OV-Sprachen wie Japanisch, Baskisch oder Türkisch ist die Stellung von Objekt und Verb umgekehrt und die Funktionswörter stehen am Ende.

Ein Engländer sagt also "eat an apple", wenn ein Japaner "ringo-wo taberu" (Apfel im Akkusativ, esse ich) sagt. Funktionswörter finden sich im Japanischen am Ende: z.B. "Tokyo ni" für "nach Tokio", im Italienischen am Anfang wie bei "a Roma".

In früheren Studien haben die Linguistinnen Judit Gervain und Janet F. Werker von der Université Paris Descartes bereits herausgefunden, wie Babys dieser typischen Wortordnung auf die Spur kommen, nämlich mit Hilfe der Worthäufigkeit der Funktionswörter, vereinfacht gesagt: Sie zählen. Funktionswörter wie Artikel, Präpositionen, Pronomen, etc. kommen nämlich viel häufiger vor als Inhaltswörter. Zudem sind sie meist kurz und daher leicht zu erkennen. So lernen Kinder innerhalb weniger Monate, welche Wortstellung in ihrer Sprache vorherrscht.

Lautliche Unterschiede

Was machen allerdings Kinder, die mit zwei Sprachen mit unterschiedlichen Wortstellungen aufwachsen, z.B. Englisch und Japanisch? In ihrer Welt tauchen Funktionswörter sowohl in Anfangs- als auch in Endstellung auf. Wie sie das Problem lösen, haben die beiden Forscherinnen in ihrer aktuellen Studie untersucht. Lerntests mit einer künstlichen Grammatik ergaben, dass sie die unterschiedlichen Ordnungen mit Hilfe zusätzlicher akustischer Merkmale erkennen.

Bei VO-Sprachen sind die bedeutsamen, zentralen Wörter nämlich im Vergleich zu den Funktionswörtern meist länger. OV-Sprachen verwenden Tonhöhe und Akzent zur Betonung der Bedeutung. Anhand dieser klanglichen Differenzen lernen die Babys den Forschern zufolge ihre beiden Sprachen und deren Grammatik zu unterscheiden.

Das lege nahe, dass derartige Merkmale beim Spracherwerb ganz allgemein eine wichtige Rolle spielen. Das schnelle Erfassen lautlicher Eigenheiten ist vermutlich mit ein Grund, warum Kinder ihre Sprache so früh und so mühelos erlernen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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