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Adolf Hitler am 15. März 1938 auf dem Wiener Heldenplatz

Ökonomie des Grauens

Die Wirtschaftsgeschichte Deutschlands wirft ein neues Licht auf den Holocaust, auf die Motive Hitlers und die Verbrechen der Nationalsozialisten. Der Historiker Adam Tooze versucht, die ökonomische und ideologische Strategie des Hitlerregimes zu analysieren und warum sie zu Krieg und Völkermord führte.

Zeitgeschichte 15.03.2013

Im Interview mit science.ORF.at spricht der Historiker Adam Tooze von der Yale University über den globalen Rüstungswettlauf der 1930er Jahre, die Verbindung von ökonomischer Strategie und Rassenpolitik in Hitlerdeutschland und neue Zugänge in der zeitgeschichtlichen Forschung.

Sie haben bereits in ihrem Buch "Ökonomie der Zerstörung" den Wirtschaftskomplex im nationalsozialistischen Deutschland analysiert. Was war Hitlers grundlegende strategische Überlegung?

Wenn man ins Innere des Nationalsozialismus hineinschaut, gibt es ein zentrales Bestreben und das ist - und verzeihen sie diese positive Formulierung - die Frage der Selbstbestimmung für das deutsche Volk. Es geht darum, in der modernen Welt die Möglichkeiten einer recht radikal verstandenen Freiheit, das heißt einer Selbstbestimmung auf nationaler und völkischer Ebene. Also wie kann sich ein Volk in der Weltgeschichte als Kraft behaupten.

Auf welchem historischen Hintergrund basiert diese Ideologie?

Ein zentrales Problem der Moderne ist, dass im Zuge der Arbeitsteilung, der beginnenden Globalisierung, der Entwicklung der Weltwirtschaft im 19. Jahrhundert nicht Unabhängigkeits-, sondern Abhängigkeitsverhältnisse erzeugt werden. Und aus dieser Spannung, die im ersten Weltkrieg für Deutschland, für Österreich, für alle Zentralmächte eine fatale Bedeutung hat, entsteht eine zentrale Dynamik der NS-Ideologie, die auf die Problematik Autarkie und "Lebensraum" abzielt. Das heißt Lebensraum ist die materielle Grundlage für eine wirtschaftliche und darauf aufbauende politische Unabhängigkeit und Selbstbestimmung.

Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI)

Foto: Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI)

Adam Tooze ist Professor für moderne deutsche Geschichte an der Yale University. Letzte Woche war er im Rahmen der Simon Wiesenthal Lectures mit einem Vortrag zum Thema "Der Krieg gegen die Juden: Ökonomie und Strategie als treibende Kräfte des Holocaust" zu Gast in Wien.

Das klingt so, als könnte man die Zeit des Nationalsozialismus allein aus wirtschaftlicher und nationalpolitischer Perspektive erklären.

Das darf man natürlich nicht verharmlosen. Diese Strategie wird immer im Zusammenhang mit der Idee eines Rassenkampfes gedacht. Das Problem der Abhängigkeit ist nicht nur das neutrale Problem des Imports und des Exports, sondern auch die Vorstellung, dass in der Außenwelt, in diesem Geflecht der Abhängigkeiten ein Feind lauert. Ein Feind, der darauf abzielt, das deutsche Volk zu zerstören und seine Entwicklungsmöglichkeiten zu untergraben und so die Geschichte des deutschen Volkes zu beenden.

Hitler ist ja davon ausgegangen, dass 600.000 Deutsche im ersten Weltkrieg an der Heimatfront aufgrund der Blockade gestorben sind. Das heißt, es ging für ihn wirklich um einen Volkstumskampf mit ökonomischen Mitteln. Und "Lebensraum" ist die Antwort auf diese Problematik.

Es wird oft von einem konjunkturellen Aufschwung Deutschland unter Hitler gesprochen. Entspricht das den Fakten?

Niemand bestreitet, dass sich Deutschland 1933 in einer schweren, existenziellen Krise befand. Nach der Weltwirtschaftskrise sind in Deutschland große Teile der Bevölkerung arbeitslos, sechs Millionen werden gezählt, sehr viel mehr sind in Kurzarbeit beschäftigt. Die Obdachlosigkeit ist enorm gestiegen, große Teile der Industrie und Landwirtschaft sind bankrott. Und noch schwerwiegender: Der Bankensektor ist nach 1931 in eine fatale Krise gerutscht und große Teile des Bankensystems sind - wie heute in Irland - in staatlichem Besitz. Es handelt sich um eine kurzfristige, akute Krise. Sie wird aber als Entwicklungsproblem wahrgenommen.

Das heißt, gerade unter den Nationalisten, wie Hitler, wird die Krise als Symptom der Ausweglosigkeit in der deutschen Wirtschaft wahrgenommen, die vor allem mit der außenwirtschaftlichen Abhängigkeit zusammenhängt.
Das ist der Grund, warum viele Unternehmensgruppen nach 1933 mit dem Regime kooperieren, weil es keine längerfristigen Perspektiven gibt, wie etwa noch zu Zeiten des Kaiserreichs, wo Deutschland noch ein durchaus erfolgreicher Teilnehmer am sich entwickelnden Weltmarkt war.

Soll der Krieg nun einen wirtschaftlichen Aufschwung bringen, im Sinn der Belebung eines militärisch-industriellen Komplexes?

Eher umgekehrt, in dem Sinn, dass die aus politischen Motiven angetriebenen Rüstungsanstrengungen dermaßen schnell eskalieren und solche Größenordnungen annehmen - wir sprechen 1938 bereits von 20 Prozent des Bruttosozialprodukts - dass dadurch eine Zwangslage entsteht. Man muss sich entscheiden, entweder den staatlichen Sektor komplett umzupolen, weg vom Rüstungssektor hin zu neuen Investitionen beispielsweise in der Bauwirtschaft oder man muss die Waffen, die man akkumuliert hat, wirklich einsetzen.

Hitler setzt einen internationalen Rüstungswettlauf in Gang. Er hätte sich mit dem "Anschluss" und der Zerstörung der Tschechoslowakei zufrieden geben können. Doch das wäre einer Niederlage gleichgekommen. Hitler aber springt durch das strategische Fenster, das sich bis 1939 durch die massiven Rüstungsinvestitionen eröffnet hat und beginnt damit den Krieg. Und das war eine sehr bewusste Entscheidung Hitlers.

Wo verschränken sich die ökonomische Strategie bzw. der ökonomische Druck und die Rassenpolitik im nationalsozialistischen Deutschland?

Hier darf man die Rolle der ideologischen Fantasie nicht unterschätzen. Es gibt bestimmte Fakten, die das Gleichgewicht der Mächte in der Welt beschreiben, wie die Größe des Heeres, der Industrie, das Bruttoinlandsprodukt. Das sind Parameter der Weltordnung, und das waren sie auch schon vor 70 Jahren. Was bei Hitler dazu kommt, ist eine bestimmte Interpretation dieser Fakten. Sein Weltbild ist meiner Meinung nach ein Versuch, mit der veränderten Weltordnung und globalen Machtkonstellation umzugehen. Und da greift er auf konspirative Erklärungsmodelle zurück, die schon in den 1890er Jahren weit verbreitet waren in Europa, auch in Russland.

Deutschland hat sich als Opfer dieser Verschwörung entdeckt, dieser freimaurerischen, jüdischen Weltverschwörung. Man kolportiert ein Bild einer asymmetrischen Globalisierung, aus deren Perspektive Deutschland keine Zukunft hat. Es ist eine mit Ressentiment aufgeladene, konspirative Umdeutung der aufkommenden Weltordnung des frühen 20. Jahrhunderts, die zum Völkermord führt.

Wenn es um strategische und ökonomische Fragen in Bezug auf das nationalsozialistische Regime geht, werden oft Vergleiche zu anderen totalitären Regimen gezogen. Darf man denn den Holocaust mit anderen Gewaltausbrüchen des 20. Jahrhunderts vergleichen?

Adam Tooze: Wir sind über den Punkt hinaus, an dem Historiker die Einmaligkeit des Holocausts verteidigen müssen. Dieses Argument der Einzigartigkeit bezog sich auf eine Geschichte der Verdrängung, manchmal auch der Verleugnung. Es bezog sich auf die Erfahrung der jüdischen Minderheit in Europa, die nicht ins Zentrum unserer gemeinsamen Geschichte gestellt wurde. Es bezog sich auf einen Moment, wo der Staat Israel und bestimmte Gruppen in Amerika diese Bürde auf sich nehmen mussten, um überhaupt Aufmerksamkeit auf diese enorme Gewalt lenken zu können.

Aus dieser "polemischen" Energie heraus wurde dann der Anspruch der Einmaligkeit erhoben. Aber da wir jetzt mehrere Jahrzehnte über den Punkt hinaus sind, wo irgendjemand die Bedeutung von Auschwitz für die Geschichte des Nationalsozialismus verteidigen muss, ist die Energie aus dieser Debatte draussen.

Aber bergen historische, strategische oder statistische Vergleiche nicht auch die Gefahr der Verharmlosung?

Die Tatsache, dass wir andere Tötungsprozesse im 20. Jahrhundert auch wahrnehmen, hat keine mindernde Wirkung für unser Verständnis des Holocaust. Es ist eher umgekehrt. Erkenntnisse aus der Holocaustforschung können auch für das Verstehen anderer Prozesse des Massen- oder Völkermordes mobilisiert werden. Ich denke, es ist wenig gewinnbringend, da eine defensive Verteidigungsposition einzunehmen. Das ist für die historische Forschung der letzten 20 Jahre keine sehr relevante Frage mehr.

Interview: Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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