Standort: science.ORF.at / Meldung: "Die Angst des anderen spüren"

Frau mit änsgtlichem Gesichtssausdruck

Die Angst des anderen spüren

Angst steht den meisten buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Wie Forscher zeigen konnten, lässt sie sich durch einen kleinen illusionistischen Trick noch besser lesen. Denn er hilft dem Betrachter, sich körperlich mit dem Betroffenen zu identifizieren.

Illusion 22.03.2013

Körperliche Identifikation

Die Studie in "Emotion":

"I feel your fear: Shared touch between faces facilitates recognition of fearful facial expressions" von L. Maister et al., erschienen im Februar 2013.

Für unser Sozialleben ist es nicht unerheblich, schnell zu erfassen, wie es anderen geht. Der Gesichtsausdruck sagt dabei oft mehr als tausend Worte. An der Mimik lässt sich unmittelbar ablesen, ob unser Gegenüber traurig, ängstlich oder glücklich ist. Nötig ist dafür allerdings ein gewisses Maß an Empathie. D.h., wenn man sich in den Zustand des anderen reinversetzt, kann man besser nachvollziehen, was der andere empfindet.

Beim Betrachten des Gesichts werden dieselben Gehirnregionen aktiviert, die auch beim Ausdruck selbst aktiv sind. Diese körperliche Identifikation hilft uns laut Lara Maister von der Royal Holloway University of London, den anderen und seine Gefühle zu verstehen.

Ein weiterer Beleg für die "Spiegelaktivierung" sind Untersuchungen an Personen, die an einer seltenen Form der Synästhesie leiden. Sie spüren es selbst körperlich, wenn sie nur zusehen, wie andere berührt werden. Diese Synästhetiker sind auch besonders gut darin, die Gefühle anderer zu erkennen. Das spricht Maister zufolge dafür, dass eine körperliche Identifikation die Wahrnehmung der emotionalen Zustände des Gegenübers erleichtert bzw. verbessert.

"Gesichtsillusion"

Mit Hilfe einer speziellen Versuchsanordnung hat ihr Team nun versucht, diesen Zusammenhang zu bestätigen. Dabei erzeugten sie eine bereits aus der Literatur bekannte Illusion, die sogenannten "Enfacement"-Illusion. Derartige Tricks sind in der jüngeren psychologischen Forschung sehr beliebt, um die menschliche Wahrnehmung zu manipulieren. Bekannt geworden ist etwa die Gummihand-Illusion, die den Probanden suggeriert, eine künstliche Hand wäre ihre eigene.

Bei der Gesichtsillusion betrachtet die Testperson ein Video eines Gesichts, dem man mit einem Wattestäbchen über die Wange streicht, gleichzeitig wird auch ihre eigene Wange mit einem Wattestäbchen gestreichelt. Das führt dazu, dass die Betrachter das Gefühl haben, das betrachtete Gesicht sehe ihnen ähnlich. Außerdem empfinden sie psychischen Stress, wenn dem Gesicht in der Folge Schmerzen zugefügt werden.

Angst ist körperlich

In der aktuellen Studie mussten die Probanden nach der "Illusionsbehandlung" Bilder von Gesichtern betrachten und angeben, welche Gefühle diese ausdrücken. Der dargestellten Emotionen waren Glück, Ekel und Angst. Im Vergleich zur Kontrollgruppe waren sie deutlich besser darin, Angst zu erkennen.

Hatten die Versuchspersonen nur ein Video eines ängstlichen Gesichts gesehen oder waren bei der Gesichtsillusion die Bewegungen des Über-die-Wange-Streichens aus dem Takt, war der Effekt hingegen nicht messbar. Bei Glück und Ekel gab es ebenfalls keine verbesserte Wahrnehmung.

Dass das Gefühl der Angst besonders stark an Verkörperung gebunden ist, ist für die Forscher nicht überraschend. Denn offensichtlich ist es von Vorteil, sich beim Anblick eines von Angst erfüllten Verbündeten auch körperlich auf eine mögliche Bedrohung vorzubereiten.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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