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Hai unter Wasser

Ohne Haie werden Nahrungsnetze löchrig

Haie stehen an der Spitze der Nahrungsnetze aller Ökosysteme im Meer. Ihre Ausrottung hätte deren Kollaps zur Folge und somit dramatischen Auswirkungen auch auf den Menschen - vom Wegfall von Fischbeständen bis zum Wandel des Klimas, wie Jürgen Kriwet bei seiner gestrigen Antrittsvorlesung an der Uni Wien erklärt hat.

Ökosysteme 22.03.2013

"Haie sind immer gut für irgendeine Schlagzeile. Sei es, weil man nun so lange Schafe ins Rote Meer kippt, bis dann doch irgendwann einmal ein Tourist von einem Hai getötet wird, oder weil man das Wasser solange verschmutzt, bis Haie in ihrem eigentlichen Lebensraum keinerlei Beute mehr finden und schließlich Menschen angreifen", so der Vizedekan der Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie der Universität Wien gleich zu Beginn. Denn die Ursachen der meisten Haiangriffe seien tatsächlich mit den Menschen verbunden - also hausgemacht.

Dabei vergesse man aber immer wieder, dass Haie in den Ökosystemen der Meere eine ganz wichtige Rolle spielen. Haie und deren nächste Verwandte, die Rochen, seien die Top-Prädatoren, also die obersten Jäger, und somit die Spitze der Nahrungsnetze in den Weltmeeren, meinte Kriwet. Das bedeute aber auch, dass Haie diese regulieren.

Wichtige Regulatoren

Ö1 Sendungshinweis:

Über Haie und die Antrittsvorlesung von Jürgen Kriwet berichten auch die Dimensionen am 22.3. um 19:05.

"Sorgt der Mensch dafür, dass Haie aussterben, nimmt man sie aus den Nahrungsnetzen heraus. Diese werden dadurch von oben nach unten komplett gestört und verändert, was deren kompletten Kollaps zur Folge hätte“, so Kriwet. Und dieser Kollaps hätte dramatische Auswirkungen auf den Menschen. Denn durch das Verschwinden der Haie verschwinden längerfristig auch die Fische:

Ohne die Haie als "Regulatoren" würden sich die anderen Fische zunächst zu stark vermehren und sich damit praktisch selbst die Lebensgrundlagen wegfressen. Das hätte neben dem Fischbestand auch negative Auswirkungen auf das Klima: Das den Tieren als Nahrung dienende Phytoplankton würde sich ohne sie ausbreiten, was Auswirkungen auf die Sauerstoffproduktion und den CO2-Gehalt der Atmosphäre hätte.

Millionen Jahre Regeneration

Was passiert, wenn man die heutigen Haie ausrottet? Und wie lange dauert es, bis die Diversität nach einem Aussterbeereignis wieder die gleiche ist wie davor? Diesen Fragestellungen geht die Forschergruppe um Kriwet an der Uni Wien auf den Grund. Die Regenerationsrate zerstörter Ökosysteme wurde anhand vorhandener Diversitätsdaten vor und nach dem letzten großen Aussterbeevent vor rund 65 Millionen Jahren, welches durch einen Meteoriteneinschlag ausgelöst wurde und durch das Aussterben der Dinosaurier bekannt ist, errechnet.

Die Ergebnisse zeigen, dass 85 Prozent aller Hai-Arten an der Kreide/Tertiär-Grenze verschwanden, jedoch nur 44 Prozent entstanden danach neu. "Das bedeutet, dass die Höhe der Diversität vor dem Aussterbeereignis hinterher nicht wieder erreicht wurde. Auch nicht in einem Zeitraum von mehreren Millionen Jahren", erklärte Kriwet. Etwa zwölf bis 15 Millionen Jahre soll es gedauert haben, bis sich die Ökosysteme nach dem Kreide/Tertiär Ereignis wieder stabilisiert haben. "Und wenn man sich dann noch vor Augen führt, wie alt der Mensch ist, dann werden wir die vollständige Erholung zusammengebrochener Ökosysteme nicht mehr erleben."

science.ORF.at/APA

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