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Kerzen auf dem Friedhof

Rituale helfen gegen Trauer

Gläubig oder nicht, Rituale scheinen Menschen einen Verlust leichter verwinden zu lassen. Einer neuen Studie zufolge verstärken sie bei Trauernden das Gefühl von Kontrolle. Dadurch können sie besser mit ihrem Schmerz umgehen, gleichgültig ob sie einen geliebten Menschen oder nur Geld verloren haben.

Psychologie 29.03.2013

Rituale bewegen die Menschen nicht nur zu Osterzeit, wenn das Eierverstecken, Osterfeuer anzünden bzw. die christlichen Feiertage vor der Tür stehen. Ritualisierte Handlungen scheinen für Menschen besonders wichtig, wenn sie mit traurigen Ereignissen zurechtkommen müssen.

In vielen Kulturen trauern die Menschen laut und öffentlich um ihre Toten, veranstalten aufwendige Zeremonien und pflegen traditionelle Riten. Auch wenn sich diese Rituale je nach Region und Religion unterscheiden, so erfüllen sie doch immer einen bestimmten Zweck: Den Menschen soll es leichter fallen, einen Verlust zu verarbeiten.

Ob diese These aus psychologischer Sicht haltbar ist, wurde nun an der Harvard Business School von den beiden Psychologen Michael Norton und Francesca Gino untersucht. Das Untersuchungsergebnis scheint dem recht zu geben: Wenn Trauernde Rituale pflegen, egal ob öffentlich oder privat, religiös oder weltlich, dann bewältigen sie ihren Kummer schneller.

Drei Experimente

Für das erste Experiment wurden rund 240 Menschen gebeten, über eine schmerzliche Erfahrung - den Tod eines geliebten Menschen oder das Ende einer wichtigen Beziehung - zu schreiben. Die Hälfte der Teilnehmer wurde zudem gebeten, über ein Ritual zu schreiben, dass ihnen damals geholfen hat. In der Studie nennen die Wissenschaftler auch einige Beispiele für solche Verlustrituale der Versuchsteilnehmer:

Die Studie:

"Rituals Alleviate Grieving for Loved Ones, Lovers, and Lotteries" von Michael Norton und Francesca Gino ist am 12.2. im "Journal of Experimental Psychology: General " erschienen.

Ich kehrte jedes Monat am Tag unserer Trennung an den Ort des Beziehungsendes zurück, um den Verlust zu verarbeiten und alles zu überdenken.

Ich habe alle Fotos gesammelt, die wir in der Zeit unserer Beziehung aufgenommen haben. Ich habe sie dann in kleine Stücke gerissen (auch die, die ich wirklich mochte) und dann habe ich sie in dem Park verbrannt, in dem wir uns zum ersten Mal geküsst haben.

Ich wasche jede Woche sein Auto, so wie er es bis zu seinem Tod gemacht hat.

Ich habe ihr Wohnhaus in den letzten 15 Jahren nicht mehr besucht. Und in diesen 15 Jahren bin ich jeden ersten Samstag des Monats zum Friseur gegangen, so wie wir es immer zusammen gemacht haben.

Diejenigen, die von solchen Verarbeitungsriten berichten konnte, erklärten rückblickend, weniger Kontrollverlust und weniger Leid erfahren zu haben, als Menschen ohne solches Ritual.

Rituale helfen auch Verlierern

Bei den folgenden beiden Experimenten wollten sich die Psychologen nicht auf die Erinnerungen der Versuchsteilnehmer verlassen. Rund 100 Studenten wurden eingeladen, an einer Lotterie teilzunehmen. In Gruppen zwischen neun und 15 Leuten wurde ihnen gesagt, dass einer von ihnen 200 US-Dollar gewinnen werde. Um die Situation emotional aufzuladen, sollten die Studenten schriftlich festhalten, warum sie das Geld gewinnen sollten und wofür sie es ausgeben würden.

Der "Sieger" verließ die Runde. Von den Verlierern sollte die eine Hälfte ein Ritual vollziehen: Sie sollten ihre Gefühl auf ein Blatt Papier malen, Salz darauf streuen, das Papier zerreißen und dann fünfmal bis zehn zählen. Auch hier entsprach das Ergebnis den Erwartungen der Wissenschaftler: Die Teilnehmer mit Ritual empfanden mehr Gefühle der Kontrolle und weniger Trauer und Wut als die Teilnehmer ohne Ritual - unabhängig davon, ob sie an die Wirkung von Ritualen glaubten oder nicht, oder ob Rituale in ihrem Privatleben bereits eine wichtige Rolle spielten.

Weniger Kontrollverlust durch Rituale

Das dritte und letzte Experiment verlief ähnlich: Nach der Lotterie wurden die Teilnehmer nun aber in vier Gruppen geteilt. Eine Gruppe vollzog das Ritual, eine zweite wurde gebeten, einige Minuten still dazu sitzen, einer Gruppe wurde nur gesagt, dass Rituale nach einem Verlust hilfreich sein können und der letzten Gruppe wurde gesagt, dass still dazusitzen nach einem Verlust hilfreich sein kann. Auch hier hatte die "Ritual-Gruppe" die besten Ergebnisse: weniger Kontrollverlust, weniger Wut und Trauer als die anderen drei Gruppen.

Michael Norton und Francesca Gino wollten mit ihren Experimenten nicht den Verlust von geliebten Menschen und Geld als gleichermaßen schmerzlich bewerten, erklären sie in einer Presseaussendung. Aber sie gehen davon aus, dass in beiden Situationen Rituale dem Kontrollverlust durch Wut und Trauer entgegenwirken können. In Zukunft soll genauer untersucht werden, ob es Ritual-Typen gibt, also Menschen, die von bestimmten Ritualen mehr profitieren als von anderen.

Marlene Nowotny, science.ORF.at

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