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Kinder einer spielenden Kindergruppe in Wien

Kinder plappern nicht nur nach

Kinder lernen Sprache kreativer als bisher vermutet: Beim Sprechen plappern Zweijährige nicht einfach nur nach, sondern kombinieren Wörter frei - und folgen damit einer grundlegenden grammatikalischen Regel.

Sprachwissenschaften 02.04.2013

Das ist zumindest der Schluss, den der Sprachforscher Charles Yang von der University of Pennsylvania aus mehreren Untersuchungen zieht. Er steht in der Tradition des Linguisten Noam Chomsky, demzufolge bestimmte Muster der Grammatik universal und Teil des angeborenen Sprachvermögens sind.

Sie sind "grammatikalischer"

Der Ausgangspunkt der aktuellen Studie: Heißt es "eine Katze" oder "die Katze" (im Englischen "a cat" und "the cat", Anm.)? Grammatikalisch ist beides korrekt - allerdings bevorzugen Menschen mitunter nur eine der zwei Kombinationen. Dieses Prinzip machte sich Yang zunutze: Er untersuchte, wie Kleinkinder Kombinationen von Artikel plus Substantiv verwenden.

Dazu analysierte er neun Datensammlungen von Zweijährigen, die gerade sprechen lernten. Dies verglich Yang mit einem Textkorpus von Sprachwissenschaftlern - dem "Brown Corpus". Bei dieser 500 Texte umfassenden Textsammlung wurde nur jedes vierte Substantiv einmal von einem bestimmten, das andere Mal von einem unbestimmten Artikel begleitet.

Die Studie:

"Ontogeny and phylogeny of language" von Charles Yang ist am 1.4. in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS) erschienen.

Die Zweijährigen entschieden sich hingegen häufiger frei für einen Artikel. "Es klingt absurd zu unterstellen, dass professionelle Schreiberlinge eine weniger systematische Grammatik nutzen als Zweijährige", schreibt der Linguist. Und dennoch passe die Sprache der Kinder eher zum Profil der grammatikalischen Regel, dass einzelne Wörter unabhängig voneinander kombiniert werden können.

Ein Vergleich von Äpfel und Birnen?

Für einen Vergleich von Äpfel und Birnen hält dies Katharina Korecky-Kröll von der Forschungsgruppe für vergleichende Psycholinguistik der Universität Wien gegenüber science.ORF.at. "Beim Brown-Corpus handelt es sich um schriftliche Sprache. Und in schriftlichen Texten werden generell seltener Artikel verwendet werden als in gesprochener Sprache, wie z.B. bei den Kindertexten der Studie."

Nicht nur die Anzahl der Artikel, sondern auch die Verteilung von bestimmten und unbestimmten Artikeln würde sich zwischen Textsammlungen gesprochener und schriftlicher Sprache unterscheiden. Der auf den ersten Blick seltsame Umstand, wonach sich Zweijährige eher an grammatikalische Regeln halten als Erwachsene, könnte sich dadurch erklären. "Es ist anzunehmen, dass der Unterschied verschwindet, wenn man bei beiden gesprochene Sprache verglichen hätte", so Korecky-Kröll.

Grammatik geht vor Gedächtnis

Charles Yang jedenfalls erstellte in einem zweiten Schritt auch ein Modell, wie die Kleinkinder Artikel und Substantive kombinieren würden, wenn sie nur die Wortpaare ihrer Bezugspersonen nachplapperten. Dazu verwendete er 1,1 Millionen Bemerkungen, die Erwachsene in der Öffentlichkeit zu Kindern sagten.

Das Modell ergab aber nicht so viele vielfältige Wortkombinationen, wie die Kinder tatsächlich verwendeten. Der Forscher folgert: "Zweifelsohne spielt das Gedächtnis eine Rolle, wenn Kinder eine Sprache lernen. Wörter und Redewendungen sind die offensichtlichsten Beispiele. Aber die Ergebnisse zeigen, dass das Gedächtnis nicht die kombinatorische Kraft der Grammatik ersetzen kann."

Im Gegensatz zu Schimpansen

Damit widerspricht der Forscher der gängigen Meinung, dass Kleinkinder Sprache durch Nachahmen lernen - so wie Primaten sich die Zeichensprache abschauen. Um dies zu untermauern, analysierte er Videos des Schimpansen Nim Chimpsky. Der - nach "Universalgrammatiker" Noam Chomsky benannte - Affe hatte in den 1970er Jahren rund 125 Zeichen der Gebärdensprache erlernt.

Chimpsky verwendete weniger Zwei-Zeichen-Kombinationen, als statistisch möglich war: "Seine Zeichen waren eher nur nachgeahmt, als dass sie einer echten Grammatik folgten", betont Yang.

Mit seiner Arbeit schreibt er das neueste Kapitel im alten "Schulenstreit" der Linguistik, bei der die eine Seite den kulturübergreifenden und angeborenen Charakter von Grammatik betont und die andere Seite die Wichtigkeit des Erlernens auch grundlegender Sprachstrukturen durch Bezugspersonen. Fortsetzung folgt.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at/dpa

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