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Maus mit Laptop

Nicht umsonst: Open Source in der Forschung

Freie und Open-Source-Software führt längst kein Mauerblümchendasein mehr: Durch den Webbrowser Firefox und den Media Player VLC ist sie auf immer mehr Rechnern präsent. Aber auch in den Geowissenschaften findet quelloffene Software immer mehr Anhänger.

Geowissenschaften 15.04.2013

Heuer füllte das Thema bei der Konferenz der European Geosciences Union in Wien schon einen ganzen Vortragssaal. Geht es nach einer Gruppe von Geowissenschaftlern, lassen sich reproduzierbare Ergebnisse nur mit Open-Source-Software garantieren.

Offene Geoinformationssysteme

Immer, wenn unter Geowissenschaftlern die Worte Open Source fallen, ist ein Mann nicht weit: Peter Löwe vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam. Der Geograph ist schon seit den 1990er Jahren Anhänger von quelloffener Software - denn seine Dissertation über die Bodenerosion in Südafrika wäre ohne Open-Source-Programme nicht durchführbar gewesen: "Dafür werden so genannte Geoinformationssysteme eingesetzt, also Software-Pakete, mit denen man Rauminformationen in digitale Karten umwandelt", erklärt Löwe.

"Die Kollegen in Südafrika konnten so ein System aber nicht bezahlen, also haben wir uns im Open-Source-Bereich nach Alternativen umgeschaut." Nach anfänglicher Skepsis - nach dem Motto "Was nichts kostet, ist nichts wert" - konnte er das ganze Projekt schließlich mit einem Open-Source-Programm bewältigen.

Mehr als eine Kostenfrage

Generalversammlung:

Von 7. bis 12. April 2013 fand die Generalversammlung der European Geosciences Union (EGU) in Wien statt. Mit mehr als 10.000 Teilnehmern ist die Veranstaltung der zweitgrößte Geowissenschaftler-Kongress der Welt.

Ö1 Sendungshinweis:

Über Open Source in den Geowissenschaften berichtete auch "Digital Leben" am 15. April 2013 um 16.55 Uhr.

Links:

Ö1 Jahresschwerpunkt 2013: Open Innovation

"Öffentliches Wissen" und Bürgerbeteiligung spielen in enger Verbindung mit Qualitätsjournalismus eine immer größere Rolle. Mit dem Jahresschwerpunkt "Open Innovation" unterstreicht Ö1 die Bedeutung dieses Phänomens für eine zukunftsweisende Entwicklung der Zivilgesellschaft. Aktuelle Beiträge und Hintergrundberichte in verschiedenen Sendeformaten von Ö1 informieren, auch science.ORF.at widmet diesem Thema eine Reihe von Beiträgen.

Heute entwickelt Löwe Frühwarnsysteme für Tsunamis, und in den großen europäischen Forschungszentren wie in Potsdam sind teure Softwarelizenzen kein Hindernis mehr. Doch nicht nur Budgetgründe sprechen dafür, in der Forschung auf Open Source zu setzen: "Wir müssen wissen, ob die automatische Verarbeitung von wissenschaftlichen Daten auch korrekt ist. Open-Source-Programme haben den Vorteil, dass wir bei ihnen quasi unter die Haube schauen können", sagt Löwe, "wenn wir das nicht können, müssen wir vertrauen und hoffen - und das ist nicht wissenschaftliche Arbeit."

Will ein Forscher etwa den Weg eines Tsunamis durch die Weltmeere berechnen, verwendet er dafür ein mathematisches Modell, also einen Satz von Gleichungen. Ein Computerprogramm kann aber mit diesen Gleichungen selbst wenig anfangen - sie müssen erst in Handlungsanweisungen, also Algorithmen, übersetzt werden. Und hier steckt der Teufel oft im Detail, gibt Jens Klump, ein Kollege von Löwe am Deutschen Geoforschungszentrum, zu bedenken: "Die Art und Weise, wie diese Algorithmen übersetzt werden und welche Abkürzungen man da nimmt, um die Leistung zu verbessern - das unterscheidet sich von Programm zu Programm", sagt Klump, "für die Wissenschaft ist das aber ein Problem, denn als Forscher will ich die Ergebnisse nachvollziehen und reproduzieren können."

Geld mit eigenem Code

In den Geowissenschaften gehört Programmieren längst zum Arbeitsalltag: Am Deutschen Geoforschungszentrum schreiben achtzig Prozent der Forscher ihren eigenen Code - veröffentlicht wird davon aber nur ein Bruchteil. Für Jens Klump ist das so, als würden Mathematiker bei ihren Arbeiten einfach die Beweise weglassen: "Da sagt auch keiner: Der Beweis ist nicht schön, oder dass er damit noch Geld verdienen möchte - oder dass der Doktorand, der ihn erarbeitet hat, nicht mehr da ist", sagt Klump und lacht: "Die Liste an Vorbehalten ließe sich fortsetzen, und genau so wird heute mit wissenschaftlicher Software umgegangen."

Open Access ist in der Wissenschaft schon länger ein Thema - unter diesem Schlagwort wird immer mehr wissenschaftliche Literatur im Internet frei zugänglich gemacht. Doch Software ist davon noch selten betroffen, auch weil viele Forscher in Ermangelung anderweitiger Anerkennung damit spekulieren, mit ihrem Code Geld zu verdienen: "Ich habe kein Problem damit, wenn jemand Geld machen möchte. Aber die meiste Software schreiben Wissenschaftler in ihrer Arbeitszeit, das heißt, der Steuerzahler kommt dafür auf", sagt Jens Klump, "wenn man da jetzt noch einmal die Hand aufhält, finde ich das schwer zu verstehen." Doch ohnehin seien die wenigsten Wissenschaftler wegen der Bezahlung in der Forschung: "Die haben andere Motive. Darum ist es wichtig, dass dieser Teil ihrer Arbeit - also das Programmieren - auch gewürdigt wird."

Impact Factor für Software?

Obwohl immer mehr Forscher ihren eigenen Code schreiben, bekommen sie dafür im derzeitigen Wissenschaftsbetrieb keine Anerkennung - und haben deshalb auch keinen Anreiz, ihn auch zu veröffentlichen: "Die Anerkennung bekommen Wissenschaftler über den Impact Factor", sagt Peter Löwe, "je nachdem, wie oft meine Publikationen in den richtigen wissenschaftlichen Journalen aufgegriffen werden, steigt mein Marktwert, wenn man so will."

Doch die Publikation von Quellcodes wird davon nicht erfasst - genauso wenig wie das Publizieren von wissenschaftlichen Rohdaten. "Das Ziel muss sein, eine Anerkennung für alle drei Punkte zu schaffen", sagt Peter Löwe, "nicht nur der schriftliche Beitrag soll zählen, sondern auch die Veröffentlichung der Daten und des Quellcodes der Software, mit der man diese Daten verarbeitet hat."

Raffael Fritz, Ö1 Wissenschaft

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