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Ein Einkaufswagen mit verschiedenen Bio-Produkten

Warum "bio" oft egoistisch ist

Woher das Essen auf unserem Teller kommt, wissen wir zumeist nicht. Eine nachhaltig Herstellung von Lebensmitteln wird zwar oft gepredigt, aber selten praktiziert. Wer sie wirklich will, muss nicht nur die Konsumlogik überwinden, sondern auch politisch aktiv werden, sagt die Kulturwissenschaftlerin Gabriele Sorgo.

Nachhaltigkeit 17.04.2013

"Bio" wird von denen, die es sich leisten können, oft nur für die eigene Gesundheit und zur Gewissensberuhigung gekauft, meint die Gastprofessorin für Historische Anthropologie an der Universität Innsbruck im science.ORF.at-Interview.

Um die Grundlagen der Lebensmittelproduktion tatsächlich zu ändern bedürfe es anderer Ideen - etwa direkte Kooperativen zwischen Bauern und Konsumenten.

science.ORF.at: Sie haben einmal gesagt, dass Menschen zwar soziale Beziehungen suchen, diese aber zunehmend durch Konsum ersetzen. Wie kommen Sie zu dieser Annahme?

Zur Person:

Porträtfoto der Kulturwissenschaftlerin Gabriele Sorgo

Gabriele Sorgo

Gabriele Sorgo ist Privatdozentin für Kulturgeschichte am Institut für Geschichte der Universität Wien, derzeit Gastprofessorin für Historische Anthropologie und ästhetische Bildung am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck, zahlreiche Lehrtätigkeiten an den Universitäten Graz und Klagenfurt.
Zu Ihren Arbeitsschwerpunkten zählen: Konsumanthropologie, Körpergeschichte, Gabenökonomien, Geschichte und Praktiken der Warenpräsentation und Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Gabriele Sorgo: Ein sehr renommierter englischer Kulturanthropologe, Daniel Miller, hat bereits in den 90er Jahren sehr ausführliche Studien über die Konsumgewohnheiten des unteren Mittelstands und noch ärmeren Familien gemacht. Dabei hat er die täglichen Einkäufe beobachtet, und seine Erkenntnis war, dass diese Menschen mit dem Einkauf vor allem eines bezwecken: soziale Beziehungen zu pflegen. Ich kaufe Schokolade für meine Tochter; weil mein Mann so gerne Sauerkraut isst, kaufe ich das für ihn; dann habe ich noch einen Pulli gesehen, der meinem Sohn gut stehen würde. Es geht um konkrete Fälle der familiären Fürsorge.

Gleichzeitig sind die Waren, die gekauft werden, etwas Fremdes, sie sind entbettet. Denn: Wir kennen ja sehr oft ihren Ursprungsort nicht. Waren gehen durch verschiedene Länder und werden aus verschiedenen Bestandteilen zusammengesetzt. Diesen entwurzelten Gütern wird dann von der Werbung eine Story umgehängt, damit wir überhaupt etwas damit anfangen können.

Und beim Konsum ist das Wesentliche, dieses Fremde zu integrieren. Bei der Nahrung ist klar, dass ich sie in meinen Körper integrieren muss. Andere Güter muss ich in meine Lebenswelt oder in den Haushalt integrieren. Deswegen ist kaufen laut Miller eine Ent-Entfremdung: etwas Fremdes zu etwas Vertrautem machen. Und das ist schwere Arbeit. Gelingt es nicht, landen die Dinge im Abfall.

Warum entwickelt sich der gesellschaftliche Umgang dorthin?

Ich will hier keine Verschwörungstheorien entwickeln. Aber man kann schon sagen, dass es Mächte und Kräfte gibt, die großes Interesse daran haben, dass der Absatz und der Profit steigen. Und aus dieser Logik heraus ist der Weltmarkt entstanden. Was tut der Weltmarkt? Er schaut, dass aus billigsten Zutaten ein möglichst teures Produkt hergestellt wird. An Orten, wo für die Arbeit wenig bezahlt wird. Und was wir momentan erleben, ist, dass die Produktionsstätten ständig verlegt werden, dass die Arbeiter meistens unzufrieden sind, dass die Ressourcen weltweit geplündert werden, um sehr viele Dinge herzustellen, die die meisten Menschen in Wirklichkeit gar nicht brauchen - und die sie auch nicht glücklich machen. Nur das wissen sie nicht.

Was hat das mit unseren Ernährungsgewohnheiten zu tun?

Beim Essen ist es dasselbe. Wenn Sie sich eine Fertigpizza anschauen, dann stehen da lauter Dinge drauf, die sehr gut widerspiegeln, wie wir momentan essen. Bei einer gewöhnlichen Schinkenpizza kann man lediglich herausfinden, dass die Tomaten wahrscheinlich aus Italien kommen. Wir wissen aber nicht, ob das Mehl aus China kommt. Dann steht noch groß drauf, dass keine Geschmacksverstärker enthalten sind. Betont wird also, welche Giftstoffe nicht enthalten sind. Aber was konkret drin ist, ist unergründlich. Wir haben nur die Kalorien und die ernährungswissenschaftlichen Daten aus der analytischen Chemie. Und das nenne ich Fragmentierung. Im Übrigen sind ja auch die Wissenschaften so fragmentiert. Wir haben die Ernährungswissenschaft, die Chemie und die Wirtschaftswissenschaften, aber wir haben keine zusammenführende Wissenschaft mehr.

Sie sagen auch, dass der ungerechte Tausch, der sich aus dieser Produktion ergibt, Ressourcen bei den Benachteiligten zerstört und gleichzeitig die ethischen Fundamente der Konsumenten erschüttert. Können Sie das noch näher ausführen?

Ich gehe von Marcel Mauss, einem französischen Anthropologen, aus, wenn ich sage: Bis ins 20. Jahrhundert hatten die Menschen in den meisten Gegenden sehr wohl noch eine magische Beziehung zu den Lebensmitteln, verbunden mit der Frage: Wo kommt das her? Wir haben auch heute noch das Gefühl, dass wir von jemandem, der uns unsympathisch ist, nichts annehmen wollen. Wenn man etwa die Masttierhaltung mit eigenen Augen sieht, dann vergeht einem der Appetit. Also wird es versteckt.

Deshalb ist es für die Aufrechterhaltung dieser Art der Produktion so wichtig, dass man diese Vorgänge verdrängen und abspalten kann. Menschen, die das Fleisch von Schweinen essen, die mit eitrigen Zehen auf Beton oder Gittern stehen, verdrängen und wollen nicht wissen, woher ihr Essen kommt. Aber das funktioniert nur bis zu einem gewissen Punkt. Weil damit verdränge ich ja auch lebendige Bereiche in mir, und das macht die Menschen auf Dauer kaputt, weil diese Art des Konsums nicht einbetten kann.

Man könnte aber schon den Eindruck gewinnen, dass die Menschen - was das Essen betrifft - ein bisschen sensibler geworden sind. Das Wissen in der Gesellschaft ist nicht so gering, die Bereitschaft individuell etwas zu verändern, hingegen schon viel mehr.

Das ist tatsächlich so. Das zeigt sich etwa daran, dass sich die Bereitschaft Bioprodukte zu kaufen erhöht hat. Aber ich habe schon vor Jahren gesagt: Die Bioschiene hilft nur oberflächlich, das ist nur ein Marktsegment und dazu stehe ich nach wie vor. Natürlich ist es gut, Biowaren zu kaufen. Nur: Beim Fleisch macht Bio einen Anteil von 2,5 Prozent aus. Das ändert rein gar nichts an den Grundprinzipien der Fleischproduktion.

Bio wird von den meisten als Feigenblatt genützt. Damit lässt sich auch das eigene schlechte Gewissen gut "wegkaufen". Das ist aber eine sehr egoistische Sache: Ich tröste mein Gewissen und sorge für meine Gesundheit und die meiner Kinder. Zudem sind die Bedingungen der Biobauern auch nicht sonderlich glücklich. Die stehen unter demselben Zugzwang wie die anderen Bauern. Auch dort gibt es Massentierhaltung. Was ich sagen möchte: Kauft Bio, aber glaubt nicht, dass ihr damit die Welt verändert! Dafür müsst ihr auch politisch aktiv werden - aber das kann man nicht alleine. Denn die Grundprinzipien der Nahrungsmittelherstellung werden sich anders nicht ändern.

Was verstehen Sie in dem Zusammenhang unter "politisch aktiv werden"?

Ich würde sagen, Kooperativen gründen. Man sollte den direkten Kontakt zu den Bauern suchen. Das kann folgendermaßen aussehen: Ein Bauer schließt sich mit zehn Familien zusammen, die ihm monatlich jeweils 100 Euro zahlen. Dafür erhalten sie regionale Produkte und können sich mit dem Bauern auch darüber austauschen, wie die Lebensmittel produziert werden. Gibt es Vertragsabschlüsse, ist es auch möglich, dass der Bauer die Waren mit dem Lieferwagen vorbeibringt. Der Bauer kann dann davon leben und man selbst hat anständiges Gemüse. Ich kenne auch Leute, die Verträge mit Bauern haben, wonach die ihnen die Karotten und Paradeiser pflegen, die Leute sie dann aber selbst ernten. Diese Modelle gibt es bereits, die Menschen müssten sich halt darum kümmern.

Konsum ist doch auch ein identitätsstiftender Vorgang: Ist es da nicht umso schwieriger, das Verhalten zu verändern?

Genau das ist das Hindernis. Wir wurden seit Jahrhunderten zu einem Distinktionskonsum erzogen, hin auf Wettbewerb und Individualisierung. Das heißt, ich will mir etwas Besseres kaufen als die anderen, um meinen Status unter Beweis zu stellen. Unter Menschen ist es nicht zu verhindern, dass bestimmte Lebensstile dazu da sind, um der Anderen Neid zu erwecken. Das könnte man ja aber auch mit nachhaltigen Waren.

Es muss einen Wertewandel geben. In Wien ist das mit den Hundstrümmerln geglückt: Es ist jetzt kein Kavaliersdelikt mehr, den Mist liegen zu lassen. Es darf aber in Zeiten wie diesen aber auch kein Kavaliersdelikt mehr sein, sich einen SUV zu kaufen. Ich halte das für ziemlich rücksichtslos, wenn ich mir - obwohl ich ihn in der Stadt sicher nicht brauche - einen großen Wagen als Statussymbol kaufe, der das doppelte Benzin frisst. Das muss ins Bewusstsein kommen. Aber dieser Wertewandel wird nicht durch Absatz steigernde Werbung in Gang gebracht.

Ist das nicht auch eine Aufgabe der schulischen Bildung, so einen Wertewandel zu fördern?

Im Bildungsbereich könnte man noch sehr viel tun. Was bisher passiert, sind oft Top-Down-Maßnahmen. Es gibt viele Projekte, aber dabei kommt eher normative Pädagogik zum Einsatz. Nach dem Motto: Du sollst, du sollst nicht, das ist gut, das ist schlecht, etc. Ich würde dafür plädieren, nicht darauf zu setzen, was man nicht darf, sondern auf das, was einem Freude macht. D.h. man muss Dinge wie Selberanbauen und Kochen vermitteln - aber nicht weil das korrekt ist, sondern weil es Spaß macht. Das Hervorbringen ist spannender als das Kaufen.

Wie weit hat sich der Nachhaltigkeitsgedanke aber in der Politik etabliert? Dieses Thema ernsthaft zu verfolgen wäre doch eine Grundvoraussetzung, um es auch in der Bildung adäquat zu vermitteln.

Das kommt stark auf die einzelnen Politiker an. Oft arbeiten sie nur einen Punkt in ihrer Agenda ab, weil sie müssen. Auch in den Broschüren des Lebensministeriums findet sich häufig ein Top-Down-Schema. Es wird vermittelt, dass die Menschen im Interesse der eigenen Gesundheit Bioprodukte kaufen sollen, dann wäre die Welt in Ordnung. Aber das ist keine Erziehung zur Mündigkeit oder zum kritischen Denken. Und es ist genau das, was Labels und Marken vermitteln: "Du brauchst nicht nachdenken, kauf dieses Produkt." Das bewegt sich trotzdem alles innerhalb dieser Konsumlogik. Was wir aber brauchen, ist eine Kritik am Konsumismus und ein Ende davon.

Wie könnte dieser Konsumismus überwunden werden?

Das wird nur durch Reflexion möglich sein. Und dadurch, dass die Menschen erkennen, dass es quasi ein Suchtverhalten ist. Weil das, was sie kaufen, immer nur ein Ersatz für etwas ist und nicht das, was sie wirklich wollen. Gerade beim Essen ist das oft sehr deutlich: Man sucht etwa Trost und isst Schokolade. Dadurch nehmen Abhängigkeiten von verschiedenen Verhaltensweisen schon zu. Ich plädiere dafür, das mit Foucaults Modell vom Dispositiv zu begreifen: Das ist ein systemischer Zusammenhang, aus dem wir sehr wohl aussteigen können. Nur dieser Ausstieg, das Innehalten und Distanznehmen macht uns unabhängig. Weil wir dann entscheiden können.

Ist in der ganzen Debatte nicht auch ein Problem, dass "Nachhaltigkeit" fast schon zu einem Modewort geworden ist?

Es ist eines der berühmten Plastikwörter geworden. Weil sich irgendwelche Firmen permanent dieses Wort umhängen, dabei aber keine ernsthaften Absichten verfolgen, sondern sich in Wirklichkeit nur damit schmücken. Grundprinzip ist: Nachhaltigkeit ist nicht teilbar wie die Segmente des Marktes, Nachhaltigkeit ist keine Ware, kein Produkt und kein Label. Sondern es ist ein ganz umfassendes Prinzip. Nachhaltigkeit wird meistens nur auf der materiellen Ebene abgehandelt. Es ist aber auch etwas Soziales und auch ein ethisches Grundprinzip, das führt in die Sinnfrage. Und deshalb kann "Nachhaltigkeit" nicht in Einzelfällen irgendwo drauf geklebt werden. Wenn das passiert, dann wurde etwas völlig falsch verstanden.

Sie kritisieren als Kulturwissenschaftlerin, dass das Thema Nachhaltigkeit zumeist aus einer naturwissenschaftlichen Perspektive behandelt wird. Können Sie das näher ausführen?

Vor allem im deutschsprachigen Raum besteht das Problem, dass die Kultur- und Geisteswissenschaftler kaum zur Nachhaltigkeit arbeiten, obwohl sie in einigen Bereichen viel mehr wissen als die Leute aus den Naturwissenschaften. Es gibt auch zu wenige Brücken zwischen den Disziplinen. Es existieren unterschiedliche Nachhaltigkeitsmodelle - etwa das drei-Säulen-Modell mit und ohne Kultur.

Dabei haben Soziologen gemeinsam mit Natur- und Systemwissenschaftlern versucht zusammenzustellen, welche Aspekte einer Gesellschaft eine Rolle bei der Nachhaltigkeit spielen und wo man ansetzen müsste, um Veränderungen zu erzielen. Und wenn ich diese Modelle kulturwissenschaftlich betrachte, frage ich mich, warum diese Menschen niemals Pierre Bourdieu oder Michel Foucault gelesen haben. Warum haben sie die umfassende Forschung zur Ding-Kultur und zur materiellen Kultur aus der Anthropologie nicht einbezogen? Die beginnen praktisch bei null noch einmal in ihren eigenen Disziplinen.

Was steckt da dahinter? Die Eitelkeit der eigenen Disziplin?

Das ist eine Erziehungsfrage. Das wird nicht gelehrt. An der Universität für Bodenkultur etwa wird keine Psychologie gelehrt, auch Wissenschaftsgeschichte kommt kaum vor. Die Studierenden dort haben also nicht gelernt, in einem anderen Fach nachzuschauen, ob dort schon zu einem bestimmten Thema - in dem Fall zur Nachhaltigkeit - Erkenntnisse vorhanden sind. Das ist der eine Punkt. Der zweite betrifft natürlich die Forschungsgelder. Da will man die Kulturwissenschaftler nicht auch noch dabei haben.

Interview: Theresa Aigner, science.ORF.at

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