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Ein Arbeiter eines Installationsbetriebes hält sein Werkzeug, Zangen, in der Hand

Sieben Klassen in Großbritannien - und bei uns?

Mit dem Tag der Arbeit am 1. Mai stellt sich die Frage: Gibt es überhaupt noch eine Arbeiterklasse? Zumindest die britische Soziologie hat kein Problem damit, sie zu untersuchen. Laut der bisher größten Studie zur Sozialstruktur Großbritanniens gibt es aber nicht mehr nur die traditionelle "upper, middle und working class", sondern gleich sieben Klassen.

1. Mai 30.04.2013

Mit den Begriffen von Arbeiterklasse und der ihr oft gegenübergestellten Mittelklasse würde man nur noch knapp 40 Prozent der britischen Gesellschaft treffend beschreiben, berichtet ein Soziologenteam um Mike Savage von der London School of Economics.

Die Studie

"A New Model of Social Class: Findings from the BBC's Great British Class Survey Experiment" von Mike Savage und Kollegen ist vor kurzem im Journal "Sociology" erschienen.

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Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmete sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 30. 4., 13.55 Uhr.

Der Grazer Soziologe Max Haller sieht diese Vervielfältigung des Klassenbegriffs kritisch: Er glaubt, dass es weiterhin sinnvoll ist, von drei Klassen oder Schichten auszugehen. "Die britischen Forscher haben Subgruppen der mittleren Klasse gebildet, die sich z. B. im Alter unterscheiden. Aber Altersstruktur ist etwas anderes als Klassenstruktur", meinte er gegenüber science.ORF.at.

Unterschiede diesseits und jenseits des Kanals

Im deutschen Sprachraum ist "Klasse" als Begriff in der Sozialforschung eher verpönt. Seit Jahrzehnten herrscht die Vorstellung vor, dass dank Wohlfahrtstaat und Wirtschaftswunder irgendwie alle dem Mittelstand angehören. Schichtmodelle und Lifestyle-Milieus dominieren, wenn es heißt, Gesellschaftsstrukturen zu erklären.

In Großbritannien ist das anders. Hier macht man sich nicht nur öffentlich über Klassenunterschiede lustig (hier ein klassisches Monty-Python-Video), auch die Wissenschaft verwendet den Klassenbegriff. "Wobei man das nicht mit den Klassen von Bourgeoisie und Proletariat im marxistischen Sinn verwechseln darf", erklärt Haller. "Der revolutionäre Impetus ist da nicht mehr enthalten, der ist historisch widerlegt", so der Soziologe von der Universität Graz.

Eine Umfrage mit Hilfe der BBC

Zur Beschreibung der gesellschaftlichen Realität taugt er aber, wie Savage und seine Kollegen betonen. Gerade im letzten Jahrzehnt, in dem soziale Ungleichheiten weiter angewachsen sind, habe das Interesse an den Ursachen dafür weiter zugenommen. Aus diesem Grund haben die Forscher gemeinsam mit der BBC die bisher größte Studie zu den Gesellschaftsstrukturen Großbritanniens durchgeführt. In einem ersten Schritt nahmen über 160.000 Menschen an einer Umfrage auf den Websites der BBC teil (eine abgespeckte Version davon - den Great British class calculator - kann man selbst nachspielen).

Da die Teilnehmer der Onlineumfrage überdurchschnittlich gebildet und wohlhabend waren, führte sie zu keinen repräsentativen Ergebnissen. In einem zweiten Schritt wandten die Forscher deshalb den gleichen Test im Rahmen einer landesweiten, statistisch relevanten Umfrage an, die von einem Meinungsforschungsinstitut durchgeführt wurde.

Ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital

Grundlage da wie dort war die Annahme, dass nicht nur Einkommen und Vermögen zentral sind für die Zugehörigkeit zu einer Klasse, sondern auch kulturelle Vorlieben und soziale Beziehungen. Eine Annahme, die auf den französischen Soziologen Pierre Bourdieu zurückgeht, der nicht nur von einem ökonomischen Kapital ausging, sondern auch von einem kulturellen und sozialen. "Bourdieu hat gezeigt, dass man einer sozialen Schicht auch aufgrund seiner kulturellen Ressourcen angehört", so Haller.

Der herausragende Versuch der aktuellen Studie besteht nun darin, diese drei Kapitalsorten, über die jeder Mensch verfügt, zu messen und zu kombinieren. Beim Geld, also dem ökonomischen Kapital, scheint das noch relativ einfach. (Wie die Diskussion um die jüngste EZB-Vermögensstudie zeigt, ist aber schon das umstritten, weil es darauf ankommt, welche Werte man überhaupt vergleicht.) Um das soziale Kapital zu messen, haben die Forscher die Teilnehmer gefragt, welche Menschen sie aus einer Liste von 37 Berufsgruppen persönlich kennen. Wer mehr Personen kennt und v. a. solche mit höherem beruflichen Sozialstatus, verfügt über mehr soziales Kapital.

Für die Messung von kulturellem Kapital unterschieden die Forscher verschiedene Vorlieben: von hochkulturellen (Oper, Jazz, Theater, Museen, aber auch "französische Restaurants") bis zu populärkulturellen (wie Rock- und Rapmusik, Sport, Videospiele, Internet). Je nachdem, welche dieser Beschäftigungen die Teilnehmer der Studie bevorzugten, verfügen sie über mehr oder weniger kulturelles Kapital.

Die sieben Klassen

In der Kombination all dieser Daten stießen die Forscher auf die sieben Klassen.

  • Elite (Anteil an Gesamtbevölkerung: sechs Prozent): durchschnittliches Jahreseinkommen von 100.000 Euro (nach Steuern), Hausbesitz im Wert von 380.000 Euro; viele Sozialkontakte mit hohem Status; höchster Grad an Hochkultur-Aktivitäten
  • Etablierte Mittelklasse (25 Prozent): mit einem Jahreseinkommen von 55.000 Euro am zweitreichsten; Spitzenreiter bei der Anzahl von Sozialkontakten, aber mit weniger Status als die Elite; top bei Populärkultur, Platz zwei bei Hochkultur
  • Technische Mittelklasse (sechs Prozent): 43.000 Euro Einkommen, aber höherer Sparbesitz als die "etablierte Mittelklasse"; bescheidenes kulturelles Kapital und auffallend beschränkt bei den Sozialkontakten: kennen im Schnitt nur vier andere Berufsgruppen, diese haben allerdings hohen Status
  • Neue wohlhabende Arbeiter (15 Prozent): 35.000 Euro Einkommen, wenig Sparguthaben; Sozialkontakte ebenso durchschnittlich wie Beziehung zur Hochkultur, dafür ausgeprägter Hang zur Populärkultur
  • Traditionelle Arbeiterklasse (14 Prozent): 15.000 Euro Jahreseinkommen, etwas mehr Erspartes als die "neuen Wohlhabenden"; wenig Sozialkontakte; wenig Hoch- und Populärkultur
  • Aufstrebende Dienstleister (19 Prozent): mit 24.500 Euro Einkommen mehr als die "traditionelle Arbeiterklasse", aber deutlich geringerer Spar- und Hausbesitz; relativ viel Sozialkontakte; viel Populär-, wenig Hochkultur
  • Prekariat (15 Prozent): Jahreseinkommen von 9.000 Euro, bei allen drei Kapitalsorten mit den niedrigsten Werten

Österreich ist nicht Großbritannien

"Natürlich würden wir alle gerne in einer Gesellschaft leben, die nicht in Klassen getrennt ist", kommentiert Savage in der britischen Tageszeitung "The Guardian". "Aber die Kennzeichen für Klassen können in Wirklichkeit nicht bezweifelt werden." Der Soziologe findet an der Studie am wichtigsten, dass sie die Existenz einer Elitenklasse gezeigt hat. Seine Zunft habe sich so oft mit dem unteren Rand der Gesellschaft beschäftigt, dass man ihre Spitze genauso oft übersehen hat. "Es gibt eine sehr reiche Klasse, die sich völlig von allen anderen Klassen der britischen Gesellschaft unterscheidet. Die Unterschiede sind enorm, und das ist sehr beunruhigend."

Ganz so dramatisch ist es in Österreich nicht, sagt Haller weiter. "Die britische Gesellschaft ist deutlich klassenspezifischer geprägt als die österreichische. In Großbritannien gibt es den alten Adel, es gibt mehr Arbeitslose, mehr Prekariat usw. Die Tendenz ist bei uns zwar die gleiche, d. h. reich sind jene, die bereits in ein Milieu hineingeboren werden, das wohlhabend ist, wo es viel Hochkultur gibt etc. Auf der unteren Ebene ist es in Österreich aber besser, was v. a. daran liegt, dass der Wohlfahrtsstaat besser ausgebaut ist. Deshalb haben wir etwa keine so starke Segregation unter Zuwanderern, wie es sie in London oder Paris gibt."

Studie fehlt hierzulande

Haller hält die Studie seiner Kollegen für sehr sinnvoll, "weil sie zur Diskussion beiträgt". Von der Unterteilung in sieben Klassen ist er allerdings weniger begeistert. "Man kann die Bevölkerung auch in neun oder 20 Klassen einteilen und Unterschiede zwischen ihnen feststellen. Das Problem ist: Je mehr ich differenziere, desto besser beschreibe ich zwar die Wirklichkeit, aber desto mehr verliere ich auch an analytischem Wert. Denn ich weiß dann nicht mehr, was entscheidet. Und genau darin liegt die Stärke eines Modells mit drei Klassen, das mit wenigen Grundprinzipien sehr viel erklären kann."

Die "Great British class survey" hat in der britischen Forschergemeinde und Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen hohe Wellen geschlagen. In Österreich ist derlei nicht zu erwarten - eine vergleichbare Studie wurde hierzulande laut Max Haller nämlich schon seit über 30 Jahren nicht mehr gemacht.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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