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Eingang in die KZ-Gedenkstätte Mauthausen

KZ-Gedenkstätte Mauthausen neu gestaltet

In Österreichs größter Gedenkstätte, dem ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen, werden am Sonntag zwei neue Dauerausstellungen und ein neuer Gedenkraum eröffnet. Es sind dies erste sichtbare Ergebnisse der Neugestaltung der Gedenkstätte, deren Umsetzung bis 2018 in mehreren Phasen erfolgen soll.

NS-Zeit 03.05.2013

Man habe eine "große Verantwortung und Verpflichtung" als die Generation, die die Aufgabe von den Überlebenden übernehmen müsse, an die Gräueltaten zu erinnern, betonte Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) bei einem Hintergrundgespräch. Die Neueröffnung habe man bewusst auf den 5. Mai, den Jahrestag der Befreiung des KZ, gelegt.

Man setze einen "Meilenstein" zur Aufarbeitung unserer Geschichte. Mauthausen sei heute ein Ort der Erinnerung, Mahnmal, Friedhof und Museum. Weiterentwicklung sei notwendig, "um dem Anspruch der Zeit gerecht zu werden", erklärte Mikl-Leitner. Seit 2008 sind Experten mit den Neuerungen beschäftigt.

Das KZ Mauthausen:

  • Mauthausen war das größte Konzentrationslager auf dem Gebiet des heutigen Österreich. Rund 200.000 Menschen wurden dort gefangen gehalten. Etwa die Hälfte davon überlebte die Vernichtungsmaschinerie nicht.
  • Bereits am 8. August 1938 trafen die ersten Gefangenen aus dem KZ Dachau in Mauthausen ein. Die Anlage dehnte sich rasch aus, bei ihrer Befreiung durch amerikanische Soldaten am 5. Mai 1945 umfasste sie mehr als 40 Außenlager, die über das gesamte Gebiet des heutigen Österreich verteilt waren.
  • Bis 1943 war Mauthausen ein reines Vernichtungslager. Es wurde als KZ der Stufe III - mit den härtesten Haftbedingungen - klassifiziert. Seit 1941 war eine Gaskammer Teil der Tötungsmaschinerie.
  • Je länger der Krieg dauerte, umso mehr Häftlinge wurden in den Außenlagern als Arbeitssklaven, etwa für die Rüstungsindustrie, eingesetzt. Die "Zentrale" in Mauthausen entwickelte sich immer mehr zu einem Sterbelager für Gefangene, die zu schwach für die schweren Tätigkeiten waren.
  • Als klar war, dass der Krieg verloren ist, ergriffen die SS-Angehörigen in der Nacht auf den 3. Mai 1945 die Flucht. Am 5. Mai trafen erstmals Einheiten der US-Armee in Mauthausen ein. Große Teile wurden von den Alliierten u.a. wegen der Seuchengefahr niedergebrannt. Seit 1949 ist der Kernbereich des ehemaligen KZ eine Gedenkstätte.
  • Viele Verantwortungsträger entzogen sich durch Flucht oder Selbstmord der Gerichtsbarkeit. Der ehemalige Lagerkommandant Franz Ziereis wurde im Mai 1945 von amerikanischen Soldaten aufgestöbert und erschossen, dem als "Doktor Tod" bekannten KZ-Arzt Aribert Heim gelang es sich abzusetzen. 61 Personen mussten sich 1946 in einem US-Militärprozess in Dachau verantworten. Der Großteil, unter ihnen der ehemalige Gauleiter von Oberdonau August Eigruber, wurde zum Tod verurteilt und hingerichtet, die übrigen bekamen lebenslange Haftstrafen.

Das ehemalige Krankenrevier und heutige Museumsgebäude ist komplett saniert worden - und zwar so, dass die Originalstruktur wieder sichtbar sei, wie Barbara Glück, Gesamtleiterin der Neugestaltung, erläuterte. Mehr als 100 Originalobjekte sollen die Geschichte des Lagers näherbringen, außerdem kommen in circa 30 Video- und Audiointerviews Zeitzeugen zu Wort. Es gehe um Weitergabe, meinte die Ministerin. Diese Interviews werde es auch dann noch geben, wenn keine Überlebenden mehr am Leben sind.

Überblick und Einzelschicksale

KZ-Gedenkstätte Mauthausen, neu gestaltete Ausstellung

APA; RUBRA

Neu gestaltete Ausstellung in der Gedenkstätte Mauthausen.

Im ehemaligen Krankenrevier wird eine Überblicksausstellung gezeigt. Auf der linken Seite eines Ganges wird die Geschichte des KZ Mauthausen dargestellt. Sie reicht von der Auswahl des Platzes und Errichtung mit anfangs 300 Häftlingen über die Entwicklung bis zur Befreiung 1945 mit rund 80.000 Häftlingen und 10.000 Bewachern der Waffen-SS. Auch das Gesamtsystem der Konzentrationslager, mit dem die Nazis ganz Europa überzogen, wird aufgezeigt. Unter anderem ist dazu ein originales Totenbuch zu sehen, das von den United States National Archives and Records Administrations zur Verfügung gestellt wurde. Ein als Schreiber eingesetzter Häftling hat es 1945 vor der Vernichtung durch die Nazis bewahrt. Die Ausstellung widmet sich auch der Täterforschung.

Rechts vom Gang ist die "Erfahrungsseite", in der persönliche Schicksale dargestellt werden. Die Räumlichkeiten sind deshalb auch intimer gestaltet. Geschildert wird der Transport der Gefangenen ins Lager, wo sie alle persönlichen Dinge, Schmuck, Uhren und Fotos abgeben mussten. Anschließend wurden sie vom Mensch zu einem Häftling mit einer Nummer entwürdigt. Durchgehend gibt es dazu Zeichnungen der Häftlinge und mit 30 von ihnen Video- und Audio-Interviews. Auch das Schicksal von Piri Löwenbein und ihrer Tochter Hana wird vorgestellt. Die Mutter war als Jüdin aus der Slowakei in Auschwitz eingesperrt, als sie ihre Tochter gebar. Sie wurde anschließend nach Mauthausen überstellt. Hana war 33 Tage alt, als das Lager befreit wurde. Sie lebt heute in den USA und wird zur Eröffnung am Sonntag kommen.

Raum der Namen

Im Keller ist die Ausstellung "Der Tatort Mauthausen. Eine Spurensuche". Mauthausen war das letzte KZ, das befreit wurde. Deshalb hatten die Nazis Zeit, Beweise für die Tötungsmaschinerie zu vernichten. Dennoch ist es möglich, auf der Rückseite von Fotos von Orten, die die Besucher beim Rundgang durch die Gedenkstätte gesehen haben, zu informieren, was dort geschah. Unter anderem der Steinbruch, in dem die Häftlinge durch unmenschliche Arbeit umgebracht wurden. Eine original Lore, die im Teich gefunden wurde, Fotos und andere Dokumente sind zu sehen.

Im Pietätsbereich, wo die Gefangenen gezielt getötet und in Krematorien verbrannt wurden, ist im ehemaligen Leichenkeller ein "Raum der Namen" eingerichtet worden. 81.000 Personen sind auf Glasplatten sowie in einem 25 Zentimeter dicken Buch namentlich in der Schrift ihres Herkunftslandes angeführt. Die Namen stammen aus Archiven in der ganzen Welt. Unter anderem 40 Botschaften haben an dem mehrjährigen Forschungsprojekt mitgeholfen. Fest steht, dass nicht alle Ermordeten namentlich bekannt sind und jemals werden. Für sie gibt es auf den Glasplatten ein schwarzes Loch. Neu ist, dass die Besucher zur Gaskammer hin-, aber nicht durchgehen können.

Neugestaltung geht weiter

Ö1 Sendungshinweis:

Der KZ-Gedenkstätte Mauthausen widmen sich auch die Gedanken für den Tag vom 29.4. bis zum 4.5. jeweils um 6:56.

Laut Bertrand Perz, dem wissenschaftlichen Leiter der nun präsentierten Neugestaltung wurde die letzte Überblicksausstellung 1970 eröffnet, nun sei man wieder am letzten Forschungsstand. Es sei wichtig zu zeigen, dass Mauthausen nicht isoliert, sondern Teil einer "Großmaschinerie" gewesen sei. Auch müsse man Mauthausen als Lagerkomplex vermitteln, bisher sei etwa Gusen zu kurz gekommen, obwohl dort mehr Menschen ums Leben kamen als im "Stammlager". Ein Fokus liegt laut Perz auch auf der Frage, was das Lager für den Alltag der Häftlinge bedeutete, weshalb man stark auf Interviews und persönliche Gegenstände setze.

Glück hob auch die internationale Bedeutung der Gedenkstätte hervor: Die Häftlinge stammten aus rund 50 Nationen, und heute komme etwa die Hälfte der knapp 200.000 jährlichen Besucher aus dem Ausland. Bei der Eröffnungsfeier am Sonntag werden rund 30 Überlebende aus verschiedenen Ländern und hochrangige Staatsgäste erwartet.

Die Gesamtleiterin der Neugestaltung arbeitet bereits am nächsten Projekt: Auf dem 30 Hektar umfassenden Gelände gibt es heute große Leerflächen, auf denen sich früher unter anderem das Sanitätslager des KZ befand. Dort sollen "Sehhilfen" und Informationsplattformen geschaffen werden sowie ein Angebot von Rundgängen zu diesen Orten.

science.ORF.at/APA

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