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Mund eines Mannes mit Bart, aggressiv verzogen, Zähne fletschend

Wer oft "ich" sagt, hat Probleme

Die Verwendung der Personalpronomina sagt laut einer Studie etwas über die Psyche von Menschen aus. Wer das Wort "ich" häufig verwendet, hat auch häufig Probleme mit dem sozialen Umfeld.

Psychologie 06.05.2013

Johannes Zimmermann von der Universität Kassel hat als klinischer Psychologe Zugang zu Gesprächsprotokollen therapeutischer Sitzungen. Dieses Material verwendete er nun für eine Sprachanalyse der besonderen Art. Seine Hypothese: Persönliche Fürwörter wie "ich", "mir", "wir" und "uns" sind in gewisser Hinsicht ein Spiegel der Seele. Sie könnten Auskunft über den psychischen Zustand eines Menschen geben.

Zu diesem Zweck wertete Zimmermann die Transskripte von Psychotherapien aus, an denen sowohl Patienten als auch Gesunde teilnahmen. Dann folgte ein Test via Fragebogen, in dem die Teilnehmer Auskunft über ihr Leben und ihre Probleme geben mussten. Resultat: "Menschen, die häufiger vom 'Ich' als vom 'Wir' sprachen, litten auch häufiger unter Beziehungsproblemen", sagt Zimmermann im Gespräch mit science.ORF.at. Wobei mit "Beziehungsproblemen" nicht nur die Partnerin oder der Partner gemeint ist, sondern das gesamte soziale Umfeld.

"Dominanz und Zuneigung"

Laut Studie hängt diese Tendenz weniger mit einem übersteigerten Fokus auf das Ich zusammen. Das Ganze sei eher eine Mischung aus Dominanz und Zuneigung, so Zimmermann. Er nennt das einen "intrusiven Stil": eine verstärkte Suche nach Aufmerksamkeit anderer. Als pathologisch möchte Zimmermann diese Tendenz nicht bezeichnen, gleichwohl gebe es gewisse Ähnlichkeiten zur sogenannten histrionischen Persönlichkeitsstörung, in der Bestätigung, Anerkennung und Lob eine übergroße Rolle spielen.

Erst letzten Sommer hatten Forscher der FU Berlin herausgefunden, dass sich in der Popmusik der vergangenen 50 Jahre eine bemerkenswerte Verschiebung ereignet hat. In den Texten der Songs ist der Anteil des "wir" stetig zurückgegangen, während das "ich" an Bedeutung und Frequenz gewonnen hat. Ein Spiegel der gesellschaftlichen Verfassung? "Das ist natürlich Spekulation", sagt Zimmermann. "Aber es könnte bedeuten, dass das Buhlen um Aufmerksamkeit insgesamt zugenommen hat."

Studienobjekt Richard Nixon

Als Pionier in diesem Forschungsfeld gilt der US-Psychologe James Pennebaker. Laut seinen Untersuchungen gibt das Wörtchen "ich" auch zuverlässig Auskunft über den Status einer Person. Wer es im Gespräch seltener verwendet, ist in der Regel in der Hierarchie höher angesiedelt.

Das bestätigen auch Transskripte der Watergate-Aufnahmen. Wie Pennebaker in einem Aufsatz aus dem Jahr 2007 schreibt, erwies sich Richard Nixon in den aufgezeichneten Gesprächen mit seinen Beratern John Ehrlichman und John Dean beständig als der Ranghöhere. Einzig im Dialog mit seinem Stabschef H.R. Haldeman gab es keinen statistischen Unterschied. Möglicherweise mit gutem Grund. John Dean bemerkte Jahre später: "Nixon und Haldeman waren echte Partner bei der Leitung der Geschäfte im Weißen Haus".

Robert Czepel, science.ORF.at

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