Standort: science.ORF.at / Meldung: "Gute Tänzer haben doch keine attraktiven Gene"

Rainer Schönfelder und Manuela Stöckl bei "Dancing Stars 2013"

Gute Tänzer haben doch keine attraktiven Gene

Männer, die gut tanzen, haben eher einen symmetrischen Körper; das deutet auf gute Gene hin, und deshalb werden gute Tänzer von Frauen bevorzugt: Das ist die Kurzversion einer Studie, die es vor sieben Jahren auf das Cover von "Nature" geschafft hat. Einer der Autoren hält sie seit geraumer Zeit aber für Schwindel und scheint nun recht zu behalten.

Wissenschaftsbetrug? 06.05.2013

Zurückgezogen hat das britische Wissenschaftsjournal die Studie zwar bisher nicht, darüber wird aber "aktiv nachgedacht", wie die Online-Ausgabe selbstkritisch berichtet.

Die Studie von 2005:

"Dance reveals symmetry especially in young men" von William Brown und Kollegen ist am 22.12.2005 in "Nature" erschienen.

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Einflussreicher Soziobiologe

Der Fall ist in dieser Form wohl eher einzigartig. Dem möglichen Betrug auf die Schliche gekommen ist nicht ein eifersüchtiger Kollege oder ein unbestechlicher Whistleblower, sondern der Studien-Seniorautor selbst. Mit Robert Trivers handelt es sich dabei um einen der einflussreichsten Soziobiologen der Gegenwart. Trivers hat die Theorie des "reziproken Altruismus" eingeführt, die selbstloses Verhalten zwischen nicht verwandten Individuen erklären soll, und zwar nur aufgrund der natürlichen Selektion.

Auch zur Symmetrieforschung hat er Grundlegendes beigesteuert. Seit 1996 untersucht er in einer Langzeitstudie den Zusammenhang von Körpersymmetrie und bestimmten Eigenschaften anhand von Kindern auf Jamaika. 2004 begann er gemeinsam mit seinem Kollegen Lee Cronk von der Rutgers University das Verhältnis des Körperbaus zum Tanzen genauer zu untersuchen. Schon Charles Darwin hatte über den Tanz als ein Balzverhalten spekuliert, das Hinweise auf die genetische Fitness liefern könnte.

Eine Studie auf Jamaika

Die Forscher um Cronk und Trivers wählten über 180 jamaikanische Teenager aus, die eine Minute lang alleine zu einem populären Lied tanzten und dabei gefilmt wurden. Andere Studienteilnehmer und -teilnehmerinnen beurteilten danach die Tänze, wobei sie aber nur die Bewegungen sehen konnten, nicht aber Attribute wie Körperbau, Kleidung und Hautfarbe. Zugleich berechneten die Forscher anhand von Körperteilen wie Knie, Hand und Ohren die Körpersymmetrie der Tänzer und Tänzerinnen.

Als sie die beiden Werte verglichen, zeigte sich, dass Frauen jene Männer als besonders gute Tänzer und damit attraktive Partner wahrnahmen, die auch über eine hohe Symmetrie verfügten - so lautete zumindest der Schluss der Studie vor sieben Jahren: Erstautor war der Sozialpsychologe William Brown, damals Postdoc an der Rutgers University, Seniorautor Robert Trivers.

"Nature" zieht Studie bisher nicht zurück

Zwei Jahre später beschlichen den Evolutionsbiologen erste Zweifel, nachdem ein Student die Studienresultate nicht reproduzieren konnte. Trivers verglich deshalb Daten aus seinen eigenen Stichproben mit jenen von Brown und fand einige Ungereimtheiten. 2008 trat er an "Nature" heran und bat, den Artikel zurückzuziehen. Wie die Zeitschrift nun berichtet, weigerte sie sich aber das zu tun.

Aktuell werde über den Fall aber "aktiv nachgedacht", wie es von einer Sprecherin heißt. Genauer wird das nicht ausgeführt, denn "die Informationen, die den Herausgebern von 'Nature' zur Verfügung stehen, werden üblicherweise nicht mit den journalistischen Redakteuren geteilt". Ein wunderbares Beispiel für die journalistische Korrektheit britischer Provenienz.

Untersuchung gibt Trivers recht

2009 schrieb Trivers ein Buch über die Angelegenheit ("Anatomy of a Fraud"), danach wurde nach den Richtlinien der US-Förderbehörde NSF eine Untersuchungskommission an der Rutgers University eingerichtet. Bereits vor einem Jahr kam sie zu dem Schluss, dass es "klare und überzeugende Beweise" dafür gebe, dass Brown die Studiendaten manipuliert hat.

So soll er u.a. gute Tänzer mit weniger symmetrischem Körperbau aus den Vergleichsgruppen ausgeschlossen haben, weil sie ihm nicht zu seiner These passten. Da die Universität den Bericht bisher nicht veröffentlichte, tat Trivers dies vor Kurzem auf seiner Homepage ("Report of the Rutgers Research Advisory Board).

Brown, mittlerweile Psychologe an der University of Bedfordshire in Großbritannien, bestreitet alle Vorwürfe. Er meint, dass die Kommission falsche Datensätze miteinander verglichen hätte und verlangt laut "Nature" nach einer "unabhängigen Überprüfung".

Eine Menge Emotionen

Abgesehen von dem fachlichen Streit bietet der Fall auch jede Menge Emotionen. Trivers, der als brillanter Geist gilt, von dem aber einige verhaltensoriginelle Anekdoten kursieren, soll Mitautor Cronk im März des Vorjahrs in seinem Büro wüst beschimpft haben. Daraufhin wurde er mehrere Monate lang mit einem Campus-Bann belegt.

Dazu beigetragen haben dürfte neben dem Studiendisput auch das Verhalten von Trivers in einem Restaurant von New Brunswick, bei dem es zu einem Handgemenge gekommen sein soll. Wie der "Chronicle of Higher Education" schreibt, gab Trivers zu, an dem Abend zu tief ins Glas geschaut zu haben, gewalttätig sei er aber nicht gewesen. "Ich werde in meiner Freizeit wohl noch betrunken sein dürfen", sagte er laut dem Bericht.

An seinen Symmetriestudien hält er indes fest. Mit Ausnahme der von ihm selbst beanstandeten Untersuchung würden Körpersymmetrie und verschiedenen Eigenschaften zusammenhängen. Eine Studie, die Symmetrie und Laufqualität der jamakainischen Teenager verglichen hat, werde demnächst erscheinen. "Das Projekt lebt, durch diese verdammte Sache wurde es nicht versenkt", meinte er gegenüber "Nature".

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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