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Schatten von Läufern auf dem Asphalt

In der Gesellschaft von Aktiven

Beschleunigung, Flexibilisierung, Erschöpfung - aktuelle Diagnosen der Gesellschaft deuten darauf hin, dass der Mensch von heute vor allem überfordert ist. Der Soziologe Alexander Bogner spricht über die mühsame Organisation der eigenen Biografie in einer Zeit, in der "aktiv zu sein" zum obersten Gebot erhoben wurde.

Soziologie 13.05.2013

In seinem jüngst erschienenen Buch "Gesellschaftsdiagnosen" gibt Bogner einen Überblick über klassische Zeitdiagnosen und macht deutlich, dass auch heute noch ein Reiz davon ausgeht zu erforschen, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben, auch wenn es sich dabei um ein riskantes Unterfangen handelt.

Zur Person:

Porträtfoto des Soziologen Alexander Bogner

ITA-ÖAW

Alexander Bogner ist habilitierter Soziologe mit Schwerpunkt in den Bereichen Wissenschaft, Technik und Umwelt. Seit 2011 ist er als Senior Scientist am Institut für Technikfolgenabschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften vor allem für den Arbeitsbereich "Governance kontroverser Technologien" verantwortlich. Er hat Lehraufträge an österreichischen und deutschen Universitäten wahrgenommen, und zwar zu den Themen Gesellschaftsdiagnosen, Wissenschaftsforschung sowie Methoden empirischer Sozialforschung.

science.ORF.at: Gesellschaftsdiagnosen wollen das Charakteristische einer zeitlich und geografisch abgegrenzten Gesellschaft auf den Punkt bringen. Ist es überhaupt seriös möglich, als Wissenschaftler die Zeit, in der man selber lebt, zu erfassen und zu beschreiben?

Alexander Bogner: Ja. Ich glaube, das ist möglich und auch notwendig. Man will doch wissen: In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? Wo steuert die Gesellschaft hin und zu welchem Ende führt das? Diese Fragen treffen einen Nerv - heute, wie schon vor 150 Jahren, als sich das Genre der Zeitdiagnosen allmählich etabliert hat. Die Sozialwissenschaften sind gut beraten, das Unternehmen der Zeitdiagnostik am Laufen zu halten weil ansonsten die Gefahr droht, dass man in diese kleinschrittige Erbsenzählerei abdriftet.

Das ist genau das Problem, das wir in der Wissenschaft haben: Die fortschreitende Zersplitterung in Disziplinen und Subdisziplinen. Diese Spezialisierung führt dazu, dass man mit Mikroskopen immer stärkerer Auflösung immer kleinere Phänomene untersucht. Aber damit entstehen Analysen, die außerhalb der unmittelbaren Subdisziplin schon wieder irrelevant sind. Ich glaube, es ist eine sehr gute und quasi selbsttherapeutische Maßnahme der Wissenschaft, auch in großen Zusammenhängen zu denken.

Und wie lässt sich der große Zusammenhang in der von Ihnen beschriebenen Situation in der Wissenschaft wieder herstellen?

Zeitdiagnosen sind ein riskantes Geschäft. Erstens haben sie oft eine geringe Halbwertszeit und zweitens machen sich die Zeitdiagnosen gegenseitig Konkurrenz. Die Soziologen rufen die Risikogesellschaft, die Erlebnisgesellschaft, die Wissensgesellschaft aus - und die Öffentlichkeit fragt irritiert: Ja, was denn nun? In welcher Gesellschaft leben wir jetzt?

Außerdem werden umfassende Zeitdiagnosen von misstrauischen Kollegen oft einmal als Herkules-Aufgabe belächelt. Man gilt dann schnell als Feierabend-Wissenschaftler, wenn man - so wie Hegel - versucht, die Signatur der Zeit zu entziffern. Seit Hegel sind doch 200 Jahre vergangen, und die Wissenschaft ist vor allem durch disziplinäre Spezialisierung so leistungsfähig geworden.

Wenn wir uns das Wort "Gesellschaftsdiagnose" näher anschauen, dann wohnt dem der Verdacht der "Krankheit" inne.

Ja, wer diagnostiziert, hat normalerweise einen Krankheitsverdacht. Das Genre der Gesellschaftsdiagnostik entwickelt sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, weil die wachen Denker dieser Zeit davon überzeugt sind, dass mit der modernen Gesellschaft etwas schiefläuft. Konkret sind es die Auswirkungen der forcierten Industrialisierung, der Verstädterung, der zunehmenden Verwissenschaftlichung und Technisierung, die man zunehmend kritisch in den Blick nimmt.

Man vergleicht die triste Realität der Fabriken, der Wohnungsnot und Verarmung mit den hochgespannten Erwartungen der Aufklärung und ist enttäuscht. Der Fortschrittsoptimismus, der Glaube an die Höherentwicklung der Gesellschaft geht verloren und macht der Kulturkritik Platz. Diese Kulturkritik ist davon überzeugt, dass von der Moderne nichts Gutes zu erwarten ist. Und vor diesem Hintergrund entsteht dann die Zeitdiagnose: Man will - um im medizinischen Bild zu bleiben - der eigenen Zeit den Puls fühlen, Krankheiten aufspüren und Therapievorschläge machen.

Und woran kränkelt die Gesellschaft heute?

Gute Frage. An Diagnosen mangelt es nicht: Man redet von der beschleunigten und flexibilisierten Gesellschaft, vom flexiblen Menschen und vom unternehmerischen Subjekt. Manchmal ist auch von der erschöpften Gesellschaft die Rede. Diese Diagnosen weisen darauf hin, dass wir von den Anforderungen einer modernen Gesellschaft oft überfordert sind.

Wir alle werden zum allein verantwortlichen Organisationsbüro unserer Biographien, wir werden angehalten, unternehmerisch zu denken und zu handeln und wir werden dazu gedrängt, Misserfolge uns selbst zuzuschreiben. Wir sehen uns gezwungen, uns auf Verdacht weiterzubilden und weiterzumachen, auch wenn nichts mehr geht. Neue Krankheitserscheinungen wie das Burn-Out-Syndrom sind ein Indiz dafür, dass an solchen Diagnosen tatsächlich etwas dran ist.

Für den Soziologen ist die Rede vom Burn-Out insofern interessant, weil es eine sozialverträgliche Art darstellt, den Menschen ihr Scheitern zu attestieren. Die Botschaft lautet: Ihr seid keine Leistungsverweigerer, sondern Leute, die sich total verausgabt haben und jetzt verdientermaßen in den erzwungenen Ruhestand gehen müssen.

Auch wenn Burn-Out eine sozialverträgliche Art des Scheiterns ist: Wer es nicht schafft sich heute in der Arbeitswelt zu behaupten, muss die Schuld dennoch bei sich selbst suchen, denn theoretisch steht uns doch die Welt offener denn je.

Tatsächlich werden Erfolg und Misserfolg heute weit stärker individualisiert als dies noch vor 30 oder 40 Jahren der Fall war. Im Zuge der neokonservativen Wende wurden wir verstärkt dazu aufgerufen, uns ausschließlich selbst für unser Vorwärtskommen oder unser Scheitern verantwortlich zu fühlen. In der Hochphase der Industriegesellschaft und des Klassenkampfs war das anders: Wurden Arbeiter entlassen, dann galt dies als die Schuld des rein auf Gewinnmaximierung zielenden Kapitalisten.

Wenn ich heute entlassen werde, glaube ich, dass ich mich nicht ausreichend weiterqualifiziert, zu wenig im Team engagiert und nicht genug Überstunden gemacht habe. Und diese Interpretation führt natürlich dazu, dass ich mich beim nächsten Job für alles offen und zuständig erkläre und kein Projekt ablehne. Denn alles kann wichtig sein. Dieses Verhalten hat natürlich mit der Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen zu tun, das ist ein ganz wichtiger Punkt.

Eine der gängigsten Zuschreibungen für die heutige Gesellschaft ist die der "Wissensgesellschaft". Sind wir dort schon angelangt?

Einerseits kann man darauf verweisen, dass das Wissen und insbesondere das wissenschaftliche Wissen in immer mehr Lebens- und Arbeitsbereichen zur maßgeblichen Richtschnur von Entscheidungen und Legitimationen wird. Die Politik verlässt sich in vielen Bereichen auf wissenschaftliche Expertise. Manche Themen sind derart komplex, dass man ohne entsprechende Expertise gar nicht darüber verhandeln kann.

Aber auch Alltagsentscheidungen sind im Endeffekt immer stärker geprägt von dem Wissen, das wir erwerben. Wir handeln immer weniger auf der Basis von Routinen und Traditionen, sondern wir versuchen, uns selber schlau zu machen, natürlich in der Hoffnung, dass wir dadurch Souveränitätsgewinne einheimsen und unsere Entscheidungen selbstbestimmter werden. Ob diese Rechnung immer aufgeht, weiß ich nicht. Aber dennoch sind das alles Indizien dafür, dass die Produktion, die Organisation und das Management von Wissen für moderne Gesellschaft ganz zentral sind.

Ob das Wissen für die Stärke einer Nation tatsächlich wichtiger wird als Rohstoffe oder als die industrielle Arbeit, ist eine Dauerstreitfrage. Ein Einwand lautet, dass bereits in den Arbeitsprozessen Wissen steckt. Ist es daher nicht angeraten, doch eher von einer Arbeitsgesellschaft oder von einer Industriegesellschaft zu sprechen?

Wenn man aber das Wissen als Ressource begreift, dann wird von politischer Seite hauptsächlich aus Wettbewerbsgründen auf die Wissensgesellschaft hingearbeitet. Steckt dann nicht ein rein ökonomisches Motiv hinter diesem Gesellschaftsentwurf?

Genauso ist es. Es ist der ökonomische Impuls, der die Diagnose der Wissensgesellschaft für die Politik so attraktiv macht. Es geht um die feste Überzeugung, dass es nicht mehr die vorhandenen Rohstoffe oder die Größe der Bevölkerung sind, die die Nation stark machen, sondern die vorhandene Expertise. Deswegen auch die verzweifelten Anstrengungen in Europa, die Forschungsquote hochzuschrauben und die Bildungssysteme zu harmonisieren.

Wissen gilt als probates Mittel, um Innovationen anzuschieben - in der etwas antiquierten Überzeugung, dass technische Innovationen gleichbedeutend mit Wachstum und allgemeinen Wohlstand sind. Das heißt, Wissen wird nicht an sich, sondern es wird als Ressource geschätzt. Ob dieses Wissen "wahr" ist, also zur Emanzipation des Menschen beiträgt, so wie sich das die Aufklärung vorstellte, ist zweitrangig.

Welche Themen werden die Trends in der Gesellschaftsdiagnose künftig charakterisieren?

Wie gesagt, wir sind ständig mit der Aufforderung konfrontiert: Du musst etwas tun, du musst dich aktiv zu deiner Zukunft und deiner Umwelt verhalten. "Der aktivierte Bürger", die "aktivierte Gesellschaft" - vielleicht ist das schon der nächste Diagnose-Titel. In dem Zusammenhang wäre es auch einmal spannend, über die Aufwertung des Sports innerhalb der Gesellschaft nachzudenken. Was hat es zu bedeuten, wenn der Sport so einen immensen Stellenwert in der Gesellschaft erhält?

Wenn man in den 1970er Jahren durch den Wald gejoggt ist, haben das die Leute total lächerlich gefunden. Wenn man heute im hautengen Glanzhöschen durch die Stadt joggt, rufen wildfremde Leute "Bravo", weil die es einfach super finden, dass man aktiv ist, sich etwas abverlangt und gerade das Trainingsprogramm für den nächsten Marathon absolviert. Wie viel Zeit das kostet und wer oder was dabei vernachlässigt wird, spielt keine Rolle. Ein schlechtes Gewissen muss man nur haben, wenn man nichts macht.

Damit hätten wir eine ganz gute Beschreibung gegenwärtiger, gesellschaftlicher Tendenzen geschafft. Für eine wissenschaftliche Zeitdiagnose reicht das aber wohl noch nicht.

Die Diagnose der aktivierten Gesellschaft ist nicht sonderlich riskant. Die Kunst wäre, das in den verschiedenen Bereichen nachzuweisen. Man müsste im Bereich der Wirtschaft zeigen wie Beschleunigungsprozesse greifen und die Wirtschaft von innen heraus wandeln. Und dann müsste man ähnliche Prozesse in Bezug auf die Politik und andere Bereiche zeigen. Das Wesentliche der Gesellschaft auf einen Begriff bringen - das ist im Endeffekt die Herausforderung der Zeitdiagnose.

Interview: Theresa Aigner, science.ORF.at

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