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Geldscheine und Münzen

Wenn Forscher virtuell den Hut aufhalten

Crowdfunding: Statt von Fördergeldern oder der Gnade der Banken abhängig zu sein, kann sich der Schaffende von heute in Geldfragen an die "crowd", eine weltweite Masse an Unterstützern im Internet wenden. Was in der Kreativbranche bereits ein Milliardenmarkt ist, findet nun auch langsam Einzug in die Finanzierung der Wissenschaft.

Open Innovation 17.05.2013

Wenn man so will, dann war die amerikanische Freiheitsstatue, oder genauer der Sockel auf dem sie heute steht, das erste Crowdfunding-Projekt der Welt. Die Statue war im Jahr 1884 ein Geschenk Frankreichs an die junge amerikanische Nation. Unglücklicherweise wurde den Amerikanern mitten im Bau der Plattform, von der aus sie ankommende Schiffe begrüßen sollte, das Geld knapp.

Um das wichtige symbolische Projekt zu retten rief Joseph Pulitzer, Namensgeber des bekannten Journalistenpreises in seiner New Yorker Zeitung zu einer Spendenaktion auf. Zum Dank versprach er eine Liste mit den Namen aller Unterstützer zu veröffentlichen. Innerhalb weniger Monate wurde das Ziel von 100.000 US-Dollar erreicht, hauptsächlich finanziert von Unterstützern, die weniger als einen Dollar gaben.

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Ö1 Jahresschwerpunkt 2013: Open Innovation

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"Demokratisierung des Kapitals"

Das Konzept hat in den vergangenen Jahren Schule gemacht. Auf Internetplattformen verhilft Crowdfunding - zu Deutsch gerne als Schwarmfinanzierung übersetzt - vielen Tüftlern, Unternehmern und Künstlern zu den finanziellen Mitteln, um ihre innovativen Projekte zu verwirklichen.

"Crowdfunding ist in gewisser Hinsicht eine Demokratisierung des Kapitals. Man verbindet zwei Zielgruppen, die bis jetzt nicht so einfach zu verbinden waren: Menschen, die Geld haben, mit Menschen, die Ideen haben", erklärt Reinhard Willfort, Leiter der österreichischen Crowdfunding-Plattform "1000x1000".

Betrachtet man die Zahlen, dann lässt sich ein regelrechter Crowdfunding-Boom beobachten. Im Jahr 2011 steckten global rund anderthalb Milliarden Dollar (1,15 Milliarden Euro) in schwarmfinanzierten Projekten, für das Jahr 2013 erwarte man mehr als fünf Milliarden Dollar (3,9 Milliarden Euro) weltweit, sagt Willfort.

Der Trend ist mittlerweile auch für die Wissenschaft zu einem interessanten Finanzierungmodell herangewachsen. In den USA gibt es bereits einige erfolgreiche Versuche, wie microryza.com beweist. Die Projekte auf der amerikanischen Website reichen von Studien über die Lustigkeit von Witzen bis hin zur Entwicklung von Heilmethoden neurodegenerativer Erkrankungen wie Demenz. Weitere US-Plattformen heißen: Iamscientist.com, petridish.org und sciflies.org. Auf vielen davon werden besonders gebefreudige Unterstützer mit teils originellen Prämien geködert.

Demokratisierung der Wissenschaft

Die erste europäische Initiative in puncto Wissenschaftscrowdfunding ist "Scienestarter.de". Die deutsche Plattform wurde Ende 2012 von der deutschen Initiative Wissenschaft im Dialog (WiD) mit Unterstützung des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft gegründet. Die Anzahl von Projekten auf der Website ist noch überschaubar.

Es gibt allerdings bereits beachtliche Erfolge wie die gesammelten 14.500 Euro für ein Forschungsprojekt zur Energiegewinnung aus Pferdemist. "Private Spenden für die Wissenschaft sind in Europa im Vergleich zum angelsächsischen Raum eher unüblich. Das Bewusstsein in diesem Bereich muss sich erst noch entwickeln", argumentiert Sciencestarter-Leiter Thorsten Witt.

Die Frage, ob diese Form der Mikrofinanzierung eines Tages die staatliche Wissenschaftsförderung ersetzen könnte, verneint Witt. Das Ziel von Sciencestarter sei vor allem den Dialog zwischen Wissenschaft und der Gesellschaft zu fördern. Er spricht dabei von einer Demokratisierung der Wissenschaft bei der die Community, sprich der Internetbürger bestimmt welche Forschung er für wichtig erachtet und somit unterstützt.

FWF: Zwei Drittel gehen leer aus

Die Förderung von Grundlagenforschung in Österreich hat mit einer stark steigenden Nachfrage bei kaum wachsendem Budget zu kämpfen. Im Jahr 2012 wurden in Österreich zwar wissenschaftliche Projekte mit insgesamt 196 Millionen Euro vom Wissenschaftsfonds (FWF) gefördert. Das bedeutet allerdings, dass weniger als ein Drittel der ansuchenden Forscher überhaupt Geld gesehen haben. Der überwiegende Großteil der Forschungsvorhaben ging leer aus. "Die Schere geht immer weiter auseinander, und die Aussichten sind, sagen wir mal, nicht rasend gut", zieht Stefan Bernhardt vom FWF Bilanz.

Der Wissenschaftsfonds steht dem Crowdfunding als Alternative zur klassischen Förderung eher skeptisch gegenüber. Es seien vor allem die mangelhaften Möglichkeiten der Qualitätssicherung, die das Konzept für ernsthafte wissenschaftliche Anstrengungen problematisch mache, so Bernhardt. Zumal bei den derzeitigen rechtlichen Beschränkungen auf maximal 100.000 Euro, die Schwarmfinanzierung aufwändiger Vorhaben eher unrealistisch mache.

Citizen Science

Seinen persönlichen Forschungstrieb finanzieren lassen, das kann bei Sciencestarter theoretisch jeder. Es bestehen keine akademischen Hürden, um sein Projekt von der "crowd" unterstützen zu lassen - ganz im Sinne der sogenannten Bürgerwissenschaft oder Citizen Science. Ein gewisser Filterprozess findet dennoch statt: "Die Vorhaben werden von einer Jury geprüft und ein wissenschaftlicher Beirat stellt sicher, dass keine Pseudowissenschaften unterstützt werden", erklärt Thorsten Witt.

Hochkomplexe Themen, die einer Prüfung von fachkundigen Atomphysikern bedürfen, sind bisher ohnehin noch eine Seltenheit. Die Erforschung von Pandas, Bisons und Ameisenbären hingegen erfreut sich vor allem in den USA größter Beliebtheit.

Generell gilt: Umso näher ein Thema dem Alltag der Förderer ist, umso leichter fließt das Geld. "Die Präsentation findet im Optimalfall in Form einer Geschichte statt, die mit Hilfe von Social Media gut verbreitet werden kann. Außerdem muss der Forscher kommunizieren, authentisch und korrekt sein. Das in die wissenschaftliche Szene zu übertragen, ist natürlich eine hohe Anforderung. Da wird es das eine oder andere Projekt schwer haben durchzukommen", sagt Crowdfunding-Pionier Willfort.

An Hingabe und Kreativität fehlt es den Wissenschaftlern jedenfalls nicht. Auf der amerikanischen Plattform petridish.org verspricht eine Wissenschaftlerin, die Geld für Pandemie-Präventionsforschung in Afrika sammelt, besonders großzügigen Spendern eine selbstgekochte Gourmet-Mahlzeit in deren Küche zuzubereiten. Dagegen wirkt Joseph Pulitzers 1884 versprochene Erwähnung in der Zeitung geradezu banal.

Ferdinand Ferroli, science.ORF.at

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