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DNA-Doppelhelix

Dolly 2.0: Neue Experimente und alte Fragen

Noch gibt es Zweifel an einer Studie, wonach Forscher vor einigen Tagen erstmals menschliche Zellen geklont haben. Gleichgültig ob sie Bestand hat oder nicht, die bioethische Debatte hat sie neu entfacht. Der Theologe Ulrich Körtner rät dabei zur Besonnenheit: Es sei ein Unterschied, ob es beim Klonen um Fortpflanzung oder um mögliche Therapien geht.

Klonen 28.05.2013

Jedenfalls ist es höchste Zeit für einen geordneten gesetzlichen Rahmen in Österreich, schreibt er in einem science.ORF.at-Gastbeitrag.

Ein Plädoyer für Besonnenheit

Von Ulrich H.J. Körtner

Ulrich Körtner

Uni Wien

Ulrich Körtner ist Vorstand des Instituts für Systematische Theologie und Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Er leitet außerdem das Institut für Ethik und Recht in der Medizin.

Als das Klonschaf Dolly 1997 das Licht der Welt erblickte, schien es nur noch eine Frage der Zeit, bis man auch Menschen klonen würde. Doch der Traum vom reproduktiven Klonen, also dem Klonen zu Fortpflanzungszwecken, wäre auch nach Ansicht von Dollys wissenschaftlichem "Vater" ein Alptraum.

Umgehend wurde ein weltweites Klonverbot für den Menschen gefordert. Bis heute kam es jedoch zu keiner Einigung, weil ein und dieselbe Technik des Klonens nicht nur für Fortpflanzungszwecke, sondern auch für Forschungszwecke genutzt werden kann. Am Ende des Weges stehen vielleicht Stammzell-Therapien für Parkinson oder Multiple Sklerose, oder man könnte z.B. für Herzkranke neues Herzmuskelgewebe züchten.

Beflügelt wurde die Debatte durch Behauptungen von ebenso ehrgeizigen wie fragwürdigen Wissenschaftlern, sie hätten bereits erfolgreich einen Menschen geklont. Die Sensationsmeldungen stellten sich glücklicherweise ebenso als Fälschung heraus wie 2004 die Behauptung des südkoreanischen Forschers Hwang Woo Suk und seines Teams, sie hätten erstmals aus einem geklonten menschlichen Embryo Stammzellen gewonnen.

Manche Länder, darunter Deutschland, forderten jedoch nicht nur ein Verbot des reproduktiven, sondern auch des sogenannten therapeutischen Klonens, weil sie den Standpunkt vertreten, auch geklonte Embryonen seien werdende Menschen mit Menschenwürde, die nicht für die Forschung gezüchtet und verbraucht werden dürften. Doch genau darüber herrschte und herrscht bis heute international keine Einigkeit. Maximalforderungen nach einem totalen Klonverbot haben darum bislang ein internationales Verbot des reproduktiven Klonens verhindert.

Moralische Entrüstung

Nachdem die Stammzellforschung in den letzten Jahren eine andere Richtung einschlug und sich auf die Reprogrammierung köpereigener Zellen zu quasi-embryonalen Stammzellen - sogenannten iPS-Zellen - konzentrierte, ebbte die Debatte über das Klonen völlig ab. Jetzt aber ist die Aufregung groß. Sollte die Echtheit der Experimente der Forschergruppe um Shoukrat Mitalipov bestätigt werden, die nun tatsächlich menschliche Stammzellen aus einem geklonten Embryo hergestellt haben wollen, wäre dies ein Meilenstein für die Forschung, vielleicht aber auch ein großer Schritt in einen ethischen Abgrund.

Die Studie in "Cell":

"Human Embryonic Stem Cells Derived by Somatic Cell Nuclear Transfer" von Masahito Tachibana et al, erschienen am 16. Mai 2013.

In Deutschland sind derartige Experimente verboten. Entsprechend leicht tut man sich hier mit der moralischen Entrüstung und Ablehnung von Mitalipovs Versuchen. Natürlich darf auch der Vergleich mit Dr. Frankenstein nicht fehlen. Fachleute beeilen sich zu erklären, Mitalipovs Experimente seien völlig überflüssig, weil man doch mit den iPS-Stammzellen, deren Entdecker Shinya Yamanaka im vergangenen Jahr den Medizin-Nobelpreis erhalten hat, längst eine ethisch unbedenkliche Alternative besitze.

In diesem Sinne haben sich in den letzten Tagen z.B. der Präsident der Leopoldina Jörg Hacker und der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrates Wolf-Michael Catenhusen geäußert.

Forschung vs. Reproduktion

Aber derartige Behauptungen sind voreilig. Trotz iPS-Zellen wird international weiter mit embryonalen Stammzellen und eben auch mit Stammzellen aus geklonten Embryonen geforscht. Denn noch weiß man gar nicht, welche Verfahren eines Tages wirklich einmal zu neuen Therapien für Krankheiten wie Parkinson führen werden. Auch haben iPS-Zellen derzeit noch einige Kinderkrankheiten, die sich durch Mitalipovs Klon-Zellen möglicherweise überwinden lassen. Dass alle Welt nur noch mit iPS-Zellen forschen wird, ist frommes Wunschdenken.

Ob man auch geklonte Embryonen als werdende Menschen betrachten und schützen muss, bleibt umstritten. Denkt man an die vielen fehlgeschlagenen Versuche, die nötig waren, bis das Klonschaf Dolly zur Welt kam, lässt sich argumentieren, dass geklonte Embryonen nicht dasselbe Entwicklungspotenzial haben wie befruchtete Eizellen. Manche halten darum ihre Verwendung zu Forschungszwecken für ethisch weniger problematisch als die Verwendung und Zerstörung überzähliger Embryonen, die bei der In-Vitro-Fertilisation anfallen. Ethische Fragen werfen allerdings die notwendigen Eizellspenden auf, weil die Gefahr der Ausbeutung von Frauen besteht, die sich außerdem einem gesundheitlichen Risiko aussetzen. Aber dieser Einwand reicht nicht, um ein totales Forschungsverbot zu rechtfertigen.

Man erspart sich die ethische Debatte freilich nicht dadurch, dass man den Begriff Embryo vermeidet oder wie in Großbritannien per Gesetz erklärt, durch Klonen - also durch Zellkerntransfer in eine menschliche Eizelle - gewonnene entwicklungsfähige Zellen seien keine Embryonen im Sinne der Rechtsordnung. Wenn Mitalipov beteuert, seine Technik auf keinen Fall für Fortpflanzungszwecke einsetzen zu wollen, ist die Frage, welches Entwicklungspotenzial seine geklonten Embryonen haben und was daraus ethisch und rechtlich folgt, noch nicht beantwortet.

Gesetzliches Vakuum

In Österreich scheint die Herstellung menschlicher Embryonen durch Klonen, also durch Zellkerntransfer in eine Eizelle, nicht verboten zu sein. Das Fortpflanzungsmedizingesetz versteht unter entwicklungsfähigen Zellen - der Begriff des Embryos wird vermieden -, die allein zu Fortpflanzungszwecken erzeugt werden dürfen, lediglich befruchtete Eizellen. Was aber nicht ausdrücklich verboten ist, kann als erlaubt gelten.

Dies ist jedenfalls die Lesart der Mehrheit in der österreichischen Bioethikkommission. In ihrer Stellungnahme zur Forschung an humanen embryonalen Stammzellen vom März 2009 spricht sie sich dafür aus, das sogenannte therapeutische Klonen in Österreich nicht gesetzlich zu verbieten. Zur Vermeidung von Auslegungsstreitigkeiten solle die Zulässigkeit des Klonens zu Forschungszwecken ausdrücklich im Gesetz klargestellt werden. Das Klonen zu Fortpflanzungszwecken müsse jedoch unbedingt ausgeschlossen bleiben.

Der österreichische Gesetzgeber ist seither jedoch untätig geblieben. Die politische Diskussion hat sich in letzter Zeit vor allem um die Präimplantationsdiagnostik, um Eizell- und Samenspenden und um die Öffnung der In-Vitro-Fertilisation für gleichgeschlechtliche Paare gedreht. Da in diesen höchst kontroversen Fragen politischer Stillstand herrscht, wurde eine Reform des Fortpflanzungsmedizingesetzes auf Eis gelegt - und damit auch Regelungen für das therapeutische Klonen.

Aus Dornröschenschlaf aufwachen

Auch sonst ist die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen in Österreich weitgehend ungeregelt, sieht man einmal vom Verbot der Herstellung von Stammzelllinien ab, das sich indirekt aus dem Fortpflanzungsmedizingesetz ergibt. Ein wiederholt gefordertes Stammzellenforschungsgesetz lässt noch immer auf sich warten.

Mitalipovs Experimente machen deutlich, dass es höchste Zeit für Österreichs Biopolitik ist, aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwachen. Dass schon der bloße Versuch, einen Menschen zu Fortpflanzungszwecken zu klonen, ein unethisches Menschenexperiment wäre, das es unbedingt zu ächten und zu verhindern gilt, sollte außer Streit stehen. Wem es mit einem Verbot des reproduktiven Klonens Ernst ist, der sollte freilich von Maximalforderungen abrücken und sich auf nationaler wie internationaler Bühne beim Forschungsklonen kompromissbereit zeigen.

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