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Österreichs Flagge vor blauem Himmel

Wider die deutschnationale Sprachreinigung

Soll man "überflüssige" englische Ausdrücke eindeutschen, wie es jüngst vom "Verein Muttersprache" wieder einmal gefordert wurde? Kommt darauf an, meint der Germanist Rudolf Muhr. Wenn das Vorhaben in der Tradition völkisch-deutschnationaler Sprachreiniger steht, sei es massiv zu kritisieren.

Gastbeitrag 31.05.2013

Die Grundlage für diese Tradition ist eine Ideologie, der zufolge Menschen mit derselben Muttersprache zum selben Volk gehören, schreibt der Leiter des Forschungszentrums Österreichisches Deutsch an der Universität Graz in einem Gastbeitrag.

Völkisch motivierte Anglizismenbekämpfer

Von Rudolf Muhr

Über den Autor:

Rudolf Muhr

APA/BARBARA GINDL

Rudolf Muhr ist Germanist und Leiter der Forschungsstelle Österreichisches Deutsch an der Universität Graz. Er hat auch die Wahl zum Wort bzw. Unwort des Jahres initiiert, die seit 1999 abgehalten wird.

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Studien zum Thema von Rudolf Muhr:

Beispiele:

Der Anglizismenindex schlägt u.a. vor zu verwenden:

  • "Reißer" statt "Actionfilm"
  • "erworbenes Immunfehlsyndrom" statt "Aids"
  • "Molekülplättchen" statt "Biochips"
  • "E-Klavier" statt "Keyboard"
  • "Eintitelschallplatte" statt "Single"

Vor etwas mehr als einem Monat erschien in mehreren österreichischen Tageszeitungen, aber auch im ORF Berichte, wonach ein "neuer Anglizismenindex unter österreichischer Beteiligung erschienen sei". Herausgeber dieser Liste von 7.500 "überflüssigen Anglizismen" ist der "Verein Deutsche Sprache" (Paderborn) und von österreichischer Seite der "Verein Muttersprache" (Wien).

Die Berichte übernahmen völlig unkritisch die Behauptungen der Urheber dieses Anglizismenindexes, wonach mit der Eindeutschung dieser Wörter der deutschen Sprache etwas Gutes getan würde.

Grundsätzlich spricht nichts dagegen, dass man für Lehnwörter deutsche Wörter erfindet, wenn diese semantisch den Sachverhalt hinreichend abdecken und dadurch schwer verständliche Wörter und die dahinter liegende Sache besser zugänglich werden. Dies hilft u.a. der älteren Generation, der es oft an Englischkenntnissen mangelt.

Reinigung von "fremden" Elementen

Allerdings muss man sich sowohl mit der Qualität der Eindeutschungen, als auch mit den dahinterliegenden Motiven des Anglizismenindexes beschäftigen, denn die Macher dieser Liste stehen in der Tradition völkisch-deutschnationaler Sprachreiniger.

Das sieht man u.a. daran, dass die behandelten Anglizismen in drei Kategorien klassifiziert werden, und zwar ob sie der deutschen Sprache schaden oder nicht und nicht etwa, ob sie schwer verständlich sind. Von den 7.500 Anglizismen werden nur drei Prozent als ergänzend, 18 Prozent als differenzierend, jedoch 79 Prozent als verdrängend eingestuft.

Beispielsweise umfasst der Buchstabe A 246 Einträge, von denen jedoch kein einziger als ergänzend eingestuft wird. Darunter sind Wörter wie Actionfilm, Agenda, Aids, Alien, All-inclusive-Urlaub, allrounder, American Football, Analyst, anturnen usw. Der Anglizismenindex verfolgt somit dieselben Intentionen, wie seinerzeit der Allgemeine Deutsche Sprachverein (ADS), dem es einzig und allein darum ging, das Deutsche von "fremden" Elementen reinzuhalten.

Völkische Tradition

Diese Intentionen müssen hinterfragt werden, ebenso wie die Tätigkeit des Vereins Muttersprache (Wien), die in keiner Weise kritisch durchleuchtet wurde. Der Verein wurde 1949 gegründet und versteht sich als Nachfolgeverein des ADS, der von Hitler 1941 aufgelöst wurde.

Dem Verein Muttersprache gehörten bis in die 1980er Jahre zahlreiche Universitätsprofessoren und Akademiker mit eindeutiger Nazivergangenheit an, die deswegen vom Dienst ganz oder zeitweise suspendiert worden waren (Mehl, Kranzmayer, Steinhauser, Wührer usw.).

Während in Deutschland mit der Gesellschaft für Deutsche Sprache ein Nachfolgeverein entstand, der sich von der Fremdwortjagd vollkommen distanzierte, praktiziert der Verein Muttersprache bis zum heutigen Tag eine Politik der Eindeutschung mit völkischer Begründung.

"Widerstand gegen Zeiterscheinungen"

Ö1-Sendungshinweis

Über diesen Beitrag berichtete auch "Wissen aktuell", 31.5.2013, 13:55 Uhr.

Auf der Internetseite des Vereins kann man lesen, dass der Schwerpunkt seiner Tätigkeit sprachpflegerisch ausgerichtet ist und folgende Ziele verfolgt: "Widerstand gegen Zeiterscheinungen der Verdrängung, Ersetzung, Unterwanderung des Deutschen durch das Englische, sowie die weitverbreiteten Mischsprachen "Denglisch" und "Engleutsch" [zu leisten]".

Und: "Nach wie vor gilt der Grundsatz des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins (1885 bis 1943): "Kein Fremdwort für das, was deutsch gut ausgedrückt werden kann!"

Das wird auch deutlich, wenn es im Vereinszweck heißt, dass dieser "der Erforschung, wissenschaftlichen Bearbeitung und Pflege unserer deutschen Muttersprache dient ...", was im deutschsprachigen Raum eine scheinbar unverfängliche Formel für völkisch-deutschnationale Sprachauffassungen ist. Dazu passt auch, dass nach wie vor die "deutsche Schrift" - die Kurrent- und Frakturschrift gefördert werden soll, die 1941 als Normalschrift von der Antiquaschrift abgelöst wurde.

Sprachfähigkeit ist angeboren, nicht die Sprache

Der Hinweis auf die "Pflege unserer deutschen Muttersprache" zeigt, dass die Tätigkeit des Vereins Muttersprache nach wie vor in der Tradition deutschnationaler Sprachreiniger des ADS steht. Die Grundlage dafür ist die Muttersprachen-Ideologie, derzufolge Menschen mit derselben Muttersprache zum selben Volk gehören, deshalb dieselbe Abstammung haben und Angehörige derselben Nation sind.

Wichtig ist dabei auch die Vorstellung, dass die Muttersprache von fremden Einflüssen freigehalten werden müsse, weil sonst auch das Volk vermischt/verdorben würde. Und man geht implizit von der Vererbung einer spezifischen Sprache aus, was wissenschaftlich keine Grundlage hat, da uns Menschen zwar die Sprachfähigkeit, nicht jedoch eine spezifische Sprache angeboren ist, wenn wir auf die Welt kommen. Dass ein Mensch mehrere Muttersprachen/Erstsprachen haben kann, ist in dieser Gedankenwelt nicht vorgesehen.

Dahinter stehen über die sogenannte gemeinsame Muttersprache auch eine Abstammungsideologie sowie der Wunsch, dass sich diese Abstammung in einer politischen Einheit - einem gemeinsamen Staat/Nation - ausdrücken sollte. Die gemeinsame Muttersprache wird dann mit zum alleinigen Identitätsmerkmal des einzelnen Menschen, aber auch eines Staatswesens als Ganzes - mit allen Konsequenzen für die Sprachminderheiten und die Zuwanderersprachen.

"Deutsche Muttersprache" ist linguistische Fiktion

Für Österreich bedeutet eine derartige Auffassung, dass die Bürger "deutscher Muttersprache", die in Österreich leben, Deutsche sind und Österreich ein deutscher Staat. Diese Vorstellung dominierte das politische Leben der Ersten Republik, führte zum Anschluss und zum Verlust der Souveränität Österreichs. Aktuell gibt es in Österreich im Parlament nach wie vor eine Partei, die diese völkischen Prinzipien vertritt.

Es ist daher nicht überraschend, dass eben diese Partei vor nicht zu langer Zeit im Parlament ein Sprachschutzgesetz eingebracht hat (das aber dann nicht weiter behandelt wurde), das wie der Verein Muttersprache "den Schutz unserer deutschen Muttersprache" zum Ziel hatte.

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht muss dem entgegengehalten werden, dass diese Vorstellung von der "deutschen Muttersprache" eine linguistische Fiktion darstellt, da das Deutsche aus unzähligen regionalen sozialen und individuellen Varianten besteht, die untereinander zum Teil gar nicht verständlich sind, weil sie linguistisch derart verschieden sind (ein Beispiel: die Alltagssprachen der Innerschweiz und von Schleswig-Holstein).

Anzahl der Anglizismen geht zurück

Tatsächlich meinen die Vertreter dieser Muttersprachenideologie, wenn sie von der Muttersprache sprechen, die Schriftsprache und setzen diese mit Deutsch gleich, was natürlich eine grobe Verfälschung der Sprachwirklichkeit ist, da alle anderen Varianten des Deutschen unter die eine "Muttersprache" subsumiert werden.

All dem ist massiv entgegenzutreten, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Anzahl der Anglizismen im Deutschen in den letzten zehn Jahren massiv zurückgegangen ist. Wenn man heutzutage Sprachpflege betreiben will, dann nicht mit Konzepten des 19. Jahrhunderts, deren politische und soziale Konsequenzen in Herrenmenschentum und in den Zweiten Weltkrieg mündeten sowie die Souveränität Österreichs weiterhin in Frage stellen.

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