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Wie die Dichter das Volk erfanden

Volksbefragung, Volkswagen, "Umvolkung": Der Begriff "Volk" hat heute in allen möglichen und unmöglichen Kombinationen Konjunktur. Ein Forschungsprojekt des Wiener Literaturwissenschaftlers Timon Jakli geht zurück an die Ursprünge dieses hart umkämpften und nie ganz eindeutigen Konzepts.

ÖAW Young Science 21.06.2013

Das von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) geförderte und an der Uni Wien durchgeführte Projekt untersucht die Rolle der Konzepte "Volk" und "Volkspoesie" für die deutsche Identitätsbildung zwischen 1756 und 1848. Jakli stellt es in einem Gastbeitrag vor.

Zur Person:

Porträt Timon Jakli

privat

Timon Jakli wurde in Eisenstadt geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Soziologie in Wien und Konstanz, war langjährig in der Erwachsenenbildung tätig und arbeitet derzeit an seiner Promotion an der Universität Wien. Er erhielt 2009 ein Forschungsstipendium der Uni Wien und 2012/2013 ein ÖAW-DOC-Stipendiat.

Die Ambivalenz des Volkes

Von Timon Jakli

Deutschland war vor etwa 250 Jahren weit weg davon, ein vereinigter Staat zu sein. Eine große Zahl an Fürstentümern verfolgten ihre eigenen Interessen und kopierten meist das Alltagsleben des französischen Hofes in kleinerem Maßstab. Zwischen dem höheren Adel und der großteils eher armen und ungebildeten Bevölkerung gab es eine schnell größer werdende Schicht aufstrebender und gut gebildeter Bürgerlicher. Just in dem Moment, als die Uneinigkeit in Deutschland mit dem Siebenjährigen Krieg ihren Höhepunkt erreicht, entwickeln Intellektuelle und Schriftsteller eine Idee: Es gibt etwas, das alle Deutschen über die Grenzen hinweg verbindet - die gemeinsame Sprache und der Schatz an Geschichten.

Den Begriff "Volk" gab es natürlich auch schon vorher, aber Mitte des 18. Jahrhunderts beginnt ein Prozess, den der deutsche Literaturwissenschaftler Hans-Peter Hermann als "Janusköpfigkeit" beschreibt. "Volk" wird einerseits zum Symbol einer Emanzipation des Bürgertums, die den Staatenbildungsprozess in Gang bringt. Andererseits hat das Konzept von Anfang an eine Abgründigkeit, die einen Hass auf äußere und innere Feinde möglich macht; diese können national, sozial oder religiös bestimmt werden.

Lieder, die das Deutsche zum Klingen bringen

Doch eines nach dem anderen: Als der Dichter Johann Ludwig Gleim 1758 seine Preußischen Kriegslieder von einem Grenadier veröffentlicht, setzt er damit dem Preußischen König, Friedrich II., und seinem Vaterland ein lyrisches Denkmal. Dass dieses Denkmal sozusagen in Blut schwimmt, stört Gleim nicht: Munter wird da hingeschlachtet und Wein aus Russenschädeln getrunken. Das feucht-fröhliche Gemetzel stört auch den sonst eher für aufklärerische Töne bekannten Lessing nicht - er sieht in den Liedern eine "neue Gattung von Ode" verwirklicht: Lieder, in denen das Deutsche (was auch immer das ist) zum Klingen gebracht wird. Die Lieder üben eine starke Faszination auf die Nachgeborenen aus, auch auf den Dichter und Theologen Johann Gottfried Herder.

Der Pastor aus Riga arbeitet zum ersten Mal eine Art Theorie des Volksmäßigen aus. Für ihn sind Völker Gemeinschaften, die durch bestimmte sie umgebende Bedingungen bestimmt sind: die Gesellschaft, das Klima und so weiter. Daher seien Völker auch unterschiedlich, für Herder wäre eine reine Nachahmung der Franzosen oder Griechen lächerlich. Herder sucht die den jeweiligen Völkern entsprechenden Lieder - denn in ihnen sieht er eine Kultur, in der sich die unterschiedlichen Völker in ihrer Eigenheit verwirklichen. Gemeinsam hätten sie, so Herder, an einem universalen menschlichen Erzählkosmos teil. Doch das Volk ist natürlich auch nicht jeder dahergelaufene Landstreicher: Bei Herder hat das Volk etwas würdig-kleinbürgerliches.

Volkslied-Boom

ÖAW Young Science:

Der Text ist Teil des Projektes Young Science, im Zuge dessen Gastbeiträge von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erscheinen. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen Ö1/science.ORF.at und der Akademie der Wissenschaften.

Herders Ideen finden in der Literatur ein breites Echo, es entwickelt sich ein regelrechter Volkslied-Boom. Verschiedene Autoren und Gruppen beginnen ihre Gedichte und Werke als Volkslieder zu vermarkten, der Inhalt könnte jedoch nicht unterschiedlicher ausfallen. Die schaurigen Balladen eines Gottfried August Bürger unterscheiden sich massiv von den schwülstigen Liedern der Göttinger-Hain-Dichter oder den Ideen Schillers zu volksmäßiger Poesie.

Allen Akteuren ist jedoch gemeinsam, dass sie sich in einem entstehenden Markt positionieren wollen - und letztlich ihre Werke auch an den Leser bzw. die Leserin bringen wollen. Zudem sind sie alle der Ansicht, endlich einen wahren Ausdruck der deutschen Seele gefunden zu haben, eine Dichtung, die dem eigenen Volk entspricht und nicht einfach Fremdes kopiert.

Mythos und Erzählgemeinschaft

Die Entwicklung hat ihren Höhepunkt in der bekannten Märchensammlung der Brüder Grimm. Sie statten die vermeintlich aus dem Volk stammenden Märchen und Geschichten mit einer eingängigen Form aus und speziell Jacob Grimm entwickelt ein komplexes philosophisches System dazu. Er projiziert im Wesentlichen die gesellschaftliche Mittellage des Bürgertums (zwischen Adel und Pöbel) historisch zurück bis an die Anfänge der Menschheit und identifiziert diese Schicht als Träger des Mythos und der Erzählgemeinschaft.

Damit öffnet er den Diskurs wesentlich in Richtung Politik - mit allen positiven und negativen Konsequenzen. Das Konzept einer Erzählgemeinschaft wird für progressive Teile des Bürgertums ein wesentliches Instrument der Vergesellschaftung und der Nationsbildung. Gleichzeitig bekommen die Begriffe Volk und Nation auch eine antisemitische, partikularistische und andere Völker abwertende Bedeutung, wie beispielsweise die antisemitischen Ausfälle Clemens Brentanos oder die antifranzösischen Gewaltphantasien Heinrich von Kleists zeigen.

Ein Begriff mit zwei Gesichtern

Diese "Janusköpfigkeit" entwickelt sich in dem beschriebenen Zeitraum immer stärker und wohnt dem Begriff bis heute inne. Wie das Projekt zeigt, haben sowohl kollektive Identitätsbildungsprozesse, als auch individuelle Positionierungen und Selbstentwürfe (im konkreten Fall von Autorschaft) ähnliche Merkmale: Sie arbeiten stark mit Differenzen gegenüber den anderen, bereits etablierten Akteuren - das deutsche Volk soll eben nicht französisch sein, der moderne Schriftsteller gerade kein Höfling.

Und im Zuge der Erstarkung dieser Position wird die Differenz dann nach innen verlegt - nicht alle gehören zum deutschen Volk, nicht jeder Volksdichter ist wahrhaftig. Diese Dynamiken der Identitätsbildung machen den Volksbegriff zu einem sehr mächtigen, aber eben auch sehr gefährlichen Instrument. Diese Gefährlichkeit hat sich nicht zuletzt in der Nutzbarmachung der Begrifflichkeit, aber auch der obenstehenden Autoren durch die Nationalsozialisten und die nationalsozialistische Germanistik gezeigt.

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