Standort: science.ORF.at / Meldung: "Was Nacktmulle vor Krebs schützt"

Nacktmull in Nahaufnahme

Was Nacktmulle vor Krebs schützt

Nacktmulle werden nicht nur steinalt, sie bekommen auch keinen Krebs. Forscher haben nun im Bindegewebe der Nagetiere einen Stoff entdeckt, der sie offenbar davor schützt. Das könnte neue Wege der Therapie und Prävention eröffnen.

Wirkstoff 20.06.2013

Ein außergewöhnliches Lebewesen

Der etwa 15 Zentimeter lange, kaum behaarte Nacktmull ist zwar nicht sehr schön - manche bezeichnen ihn gar als das hässlichste Tier der Welt, seine erstaunlichen körperlichen Eigenschaften haben ihn aber zu einem äußerst beliebten Forschungsobjekt gemacht.

Die Studie in "Nature":

"High-molecular-mass hyaluronan mediates the cancer resistance of the naked mole rat" von Xiao Tian et al., erschienen am 20. Juni 2013.

Der in unterirdischen Höhlen lebende Nager kommt mit extrem wenig Sauerstoff aus, er kann seine Körpertemperatur fast wie ein wechselwarmes Tier anpassen und besitzt einen Kalziumstoffwechsel, der völlig ohne Vitamin D auskommt. Er kennt auch keinen Schmerz - Hitze, Stiche und Säure nimmt er zwar wahr, aber sie tun ihm nicht weh.

Was ihn für Forscher aber so besonders interessant macht, ist seine hohe Lebenserwartung. Der Nacktmull kann mehr als 28 Jahre werden, was für ein so winziges Nagetier ein echter Rekord ist. Die etwa gleich großen Mäuse werden nur vier Jahre alt. Zudem kann er nach bisherigen Erkenntnissen keinen Krebs bekommen - möglicherweise ein Grund für seine Langlebigkeit.

Wachstumsbremse

Bereits seit einigen Jahren beschäftigen sich die Forscher um Vera Gorbunova und Andrei Seluanov von der University of Rochester mit den schrumpeligen Nagern, um herauszufinden, was sie so resistent macht. Ihnen zufolge könnte man dabei neue Antikrebs-Mechanismen finden, die in krankheitsanfälligen Tiermodellen wie Mäusen oder Ratten nicht vorkommen.

Bei ihren Laboruntersuchungen konnten sie schon vor einigen Jahren feststellen, dass die Tiere tatsächlich einen besonderen Mechanismus besitzen, um übermäßiges Zellwachstum zu unterdrücken, die sogenannte Kontaktinhibition. Diese stoppt die ungehinderte Vermehrung von Zellen, wenn sie miteinander oder dem Bindegewebe in Kontakt kommen.

Krebszellen besitzen diese Fähigkeit nicht, wodurch sie unkontrolliert wuchern können. Zellen von Menschen und Mäusen reagieren zwar ähnlich wie die der Nacktmulle, die Kontaktinhibition ist jedoch weitaus weniger sensibel. D.h., die Zellen der Nager hören bei einer weit geringeren Dichte bereits auf sich zu vermehren, wachsen also generell weniger dicht.

Klebriger Schutz

Für ihre nun veröffentlichte Studie kultivierten die Forscher Bindegewebszellen (Fibroblasten) von Nacktmullen in Petrischalen. Nach ein paar Tagen stellten sie fest, dass die angelegten Kulturen sehr klebrig geworden waren. Vergleichbare Kulturen von Menschen- und Mäusezellen sind demnach weit weniger zähflüssig.

Nach genauerer Untersuchung identifizierten sie die viskose, von den Fibroblasten abgesonderte Flüssigkeit als Hyaluronsäure mit sehr hohem Molekulargewicht. Die Vermutung lag nahe, dass diese Substanz namens HMM-HA, für die sensible Kontaktinhibition der Nacktmulle verantwortlich ist. Wie erwartet wurden die Zellen tatsächlich anfälliger für Tumore, nachdem ihnen durch genetische Manipulation die Hyaluronsäure entzogen worden war.

Antifaltenmittel gegen Krebs?

Der Vergleich mit Mensch- und Mäusegewebe zeigte, dass jenes der Nacktmulle generell weit mehr Hyaluronsäure enthält, die außerdem eine mehr als fünfmal höhere Molekularmasse aufweist. Den Forschern zufolge ist die Hyaluronsäure der nackten Nager nicht nur deutlich kompakter, sie wird auch vergleichsweise langsam abgebaut.

Vermutlich ist dies eine Folge der unterirdischen Lebensweise. Die Hyaluronsäure macht die Haut der Tiere sehr elastisch, was bei der Fortbewegung in engen Tunneln recht hilfreich ist. Der Schutz vor Krebs sowie die Langlebigkeit sind möglicherweise nur ein zufälliges Nebenprodukt dieser Anpassung, wie die Forscher schreiben.

Bereits jetzt wird Hyaluronsäure aufgrund ihrer speziellen Eigenschaften therapeutisch eingesetzt, z.B. gegen Arthrose, aber auch in der Schönheitsmedizin, unter anderem zum Unterspritzen von Falten. Möglicherweise vermag diese - soweit bekannt - nebenwirkungsfreie Substanz noch mehr, nämlich vor Krebs zu schützen. Im nächsten Schritt wollen die Forscher HMM-HA an Mäusezellen testen. Erst dann wird sich weisen, ob es langfristig für den klinischen oder präventiven Einsatz gegen Krebs geeignet ist.

Eva Obermüller, science.ORF.at

Mehr zum Thema: