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Zeitschriftenstapel

"Die Grenzen wurden gesprengt"

Die Vermessung der Wissenschaft ist das Forschungsgebiet von Guido Blechl und Juan Gorraiz. In einem Interview sprechen die beiden Experten der Universität Wien über das Zeitalter der "eScience", die Kinderkrankheiten von Open-Access-Journalen und den Erfolg von alten Herren in der Wissenschaft.

Publizieren 17.07.2013

science.ORF.at: Inwieweit hat Open Access die Wissenschaft verändert?

Guido Blechl: Die Wissenschaft hat in letzter Zeit zwei große Transformationen erlebt. Mitte der 90er Jahre wurden wissenschaftliche Artikel aus Printzeitschriften immer häufiger auch in einer Onlineversion angeboten, auf die im Regelfall aber nur Subskribenten der Zeitschrift zugreifen konnten.

Mit dem neuen Jahrtausend hat dann der Übergang von "Closed Access" zu "Open Access", also zu frei verfügbaren Publikationen, zunehmend an Dynamik gewonnen. Dieser Prozess ist noch im Gange, fest steht: Er ist auf jeden Fall ein Paradigmenwechsel in der Wissenschaftskommunikation.

Juan Gorraiz: Open Access war eine Reaktion auf die hohen Preise, die die Wissenschaftsverlage für ihre Zeitschriften verlangen. Der Grundsatz von Open Access ist: Die wissenschaftliche Information soll frei sein. Begonnen hat diese Entwicklung mit Preprintservern und Repositorien.

Was sind Repositorien?

Zur Person

Juan Gorraiz leitet das "Team Bibliometrie" an der Universität Wien, Guido Blechl ist Leiter des "Open Access Office" an der Universität Wien.

Konferenz in Wien

Die ISSI Konferenz für Bibliometrie und Szientometrie findet derzeit in Wien statt.

Guido Blechl: Repositorien sind Server, auf denen Wissenschaftler ihre Publikationen außerhalb der Verlagswebsite ablegen und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Die Verlage erlauben in der Regel allerdings nicht die Veröffentlichung des Originals, sondern nur die Finalversion im eigenen Layout. Manchmal auch erst sechs bis zwölf Monate nach der Publikation.

Das ist natürlich nicht optimal: Speziell in den Lebenswissenschaften kann man es sich nicht leisten, sechs Monate auf eine Studie zu warten. Medikamentenentwicklungen oder Umweltprobleme bedürfen internationaler Zusammenarbeit - und dafür braucht man sofortigen Zugriff auf alle verfügbaren Publikationen.

Wo liegt der Unterschied zum Preprintserver?

Ö1 Jahresschwerpunkt 2013: Open Innovation

"Öffentliches Wissen" und Bürgerbeteiligung spielen in enger Verbindung mit Qualitätsjournalismus eine immer größere Rolle. Mit dem Jahresschwerpunkt "Open Innovation" unterstreicht Ö1 die Bedeutung dieses Phänomens für eine zukunftsweisende Entwicklung der Zivilgesellschaft. Aktuelle Beiträge und Hintergrundberichte in verschiedenen Sendeformaten von Ö1 informieren, auch science.ORF.at widmet diesem Thema eine Reihe von Beiträgen.

Juan Gorraiz: Preprintserver haben eine andere Funktion. Sie sollen in Zeiten der Konkurrenz zwischen Forschern die sogenannte Priorität sichern. Ein Autor kann nach Veröffentlichung auf einem Preprintserver sagen: "Ich bin der erste, der diese Arbeit gemacht hat." Ob die entsprechende Arbeit später von einer Fachzeitschrift angenommen wird oder nicht, ist sekundär.

Der kanadische Forscher Vincent Larivière hat gestern auf der Konferenz für Bibliometrie und Szientometrie in Wien eine neue Studie vorgestellt. Sie widmet sich dem Preprintserver "arXiv". Was sind die Ergebnisse?

Juan Gorraiz: "arXiv" wird vor allem von Astronomen, Astrophysikern sowie Kern- und Teilchenphysikern stark genutzt. Ungefähr 70 Prozent der in diesen Fachbereichen verfügbaren Artikel finden sich später auch im "Web of Science" - das ist eine Zitationsdatenbank der Firma Thomson Reuters. In anderen Fachgebieten ist der Prozentsatz deutlich niedriger. Larivière hat auch herausgefunden, dass Studien aus "arXiv" oft vor ihrer offiziellen Publikation zitiert werden. Das sind allerdings Zitate, die das "Web of Science" später nicht erfasst.

Warum?

Juan Gorraiz: Weil das "Web of Science" nur solche Publikationen zulässt, die das Peer Review absolviert haben. Das ist nicht immer ein Vorteil: Denn die Entwicklung verläuft in manchen Gebieten so rasch, dass Arbeiten in ein paar Monaten schon wieder veraltet sind.

Eine Alternative wäre etwa "Google Scholar", hier läuft die Erfassung deutlich schneller.

Juan Gorraiz: Es gibt Forscher, die nur mehr mit "Google Scholar" arbeiten. Allerdings weiß man hier nicht, wie zuverlässig die darin befindlichen Informationen sind. Cyril Labbé von der Universität Grenoble hat vor drei Jahren ein Computerprogramm des MIT so verändert, dass es automatisch sinnlose Publikationen verfasst und diese in der nächsten Arbeit zitiert. Auf diese Weise wurde ein gewisser "Ike Antkare" zu einem der am häufigsten zitierten Wissenschaftler der Welt. "Ike Antkare" liegt in Bezug auf die Zitate deutlich vor Einstein, nur: Es hat ihn nie gegeben, er ist eine Kunstfigur.

Wie groß ist aktuell der Anteil der frei verfügbaren wissenschaftlichen Artikel?

Guido Blechl: Quer durch alle Disziplinen gerechnet sind es rund 20 Prozent. In einzelnen Fächern kann der Anteil deutlich höher sein. In den Lebenswissenschaften sind es laut einer Arbeit von Eric Archambault über 50 Prozent. Das liegt auch daran, dass es in diesem Feld sehr viele Open-Access-Zeitschriften gibt, beispielsweise jene von BioMed Central oder die PLOS-Reihe. Am geringsten ist der Anteil bei Sozial- und Geisteswissenschaften, die Physik liegt irgendwo in der Mitte.

Juan Gorraiz: Wir unterscheiden zwischen "Green" und "Gold Open Access". "Green" bedeutet Selbstarchivierung, "Gold" ist die Veröffentlichung in einer Open-Access-Zeitschrift. Das Problem daran ist: Forscher sind heutzutage gezwungen, in Zeitschriften mit hoher Reputation zu veröffentlichen. Und die Open-Access-Journale sind in dieser Hinsicht noch nicht so erfolgreich wie die traditionellen Zeitschriften. Damit sinkt allerdings die Wahrscheinlichkeit gelesen und zitiert zu werden.

Warum ist das so?

Guido Blechl: Derzeit gibt es zwar bereits 10.000 Open-Access-Journale. Sie sind allesamt sehr jung, deshalb ist ihre Reputation noch nicht so hoch.

Zumindest scheinen die Zeitschriften der "Public Library of Science" von den Fachgemeinden gut angenommen zu werden.

Guido Blechl: Die PLOS-Reihe ist zweifelsohne eine Erfolgsgeschichte. Wobei, gemessen am sogenannten Impact-Faktor, vor allem "PLOS Biology" und "PLOS Medicine" erfolgreich sind.

Und "PLOS One"?

Juan Gorraiz: "PLOS One" hat noch keinen so hohen Impact-Faktor, weil es ein multidisziplinäres Journal ist.

Das gilt für "Nature" und "Science" auch - und die sind höchst erfolgreich.

Juan Gorraiz: Stimmt, jedenfalls hängt der Impact-Faktor einer allgemein orientierten Zeitschrift von der Mischung der Disziplinen ab. Artikel aus der Molekularbiologie haben beispielsweise bis zu zehn Mal mehr Zitate als solche aus den Sozialwissenschaften, weil es in diesem Bereich eben viel mehr Forscher gibt.

Guido Blechl: "PLOS One" ist ein sogenanntes Mega-Journal: Es hat die Beschränkungen des klassischen wissenschaftlichen Publizierens gesprengt und veröffentlicht mehr als 20.000 Artikel pro Jahr. Die Grenzen, die ein klassisches Zeitschriftenheft hat, werden hier aufgehoben. Allerdings ist die Zeitschrift in der Community durchaus umstritten.

Warum?

Guido Blechl: Weil die Akzeptanzrate so hoch ist - mehr als 70 Prozent aller eingereichten Artikel werden dort veröffentlicht. Zum Vergleich: "Nature" und "Science" veröffentlichen weniger als zehn Prozent aller Einreichungen.

Als "PLOS One" auf den Markt kam, hieß es, die Zeitschrift sei gewissermaßen die Geldkuh der PLOS-Reihe und habe kein systematisches Peer Review. Stimmt das?

Guido Blechl: Nein. Das ist ein Vorurteil, das gegenüber Online- oder Open-Access-Journalen oft geäußert wird. Die Qualität hat aber nichts mit dem Businessmodell zu tun. Open-Access-Journale haben die gleichen Qualitätskriterien wie die klassischen Subskriptionsjournale.

Juan Gorraiz: Einige Open-Access-Zeitschriften versuchen außerdem das Peer-Review zu demokratisieren, z.B. mit Open Peer Review, indem sie die Kritik der Fachkollegen online stellen.

Ist das Peer-Review undemokratisch?

Juan Gorraiz: Lassen Sie es mich so ausdrücken: Es ist nicht immer objektiv. Wenn Sie in einem Fachgebiet bekannt sind, werden sie von Freunden unterstützt und haben sie es viel leichter, eine Arbeit in einem Journal unterzubringen. Auch dann, wenn die Einreichung anonym ist: Denn aufgrund der Zitate kann man relativ einfach herausfinden, vom wem die Arbeit stammt. Wir nennen das die sogenannte Old-Boy-Theorie.

Das gilt speziell dort, wo die Zahl der Peers besonders klein ist. Ein Professor der Universität Wien hat mir einmal erzählt: "In meinem Fachgebiet arbeiten außer mir acht Leute. Vier sind meine Freunde, von denen bekomme ich im Peer-Review immer eine positive Beurteilung. Vier sind meine Konkurrenten, die beurteilen mich immer negativ. Ich bin es gewohnt."

Guido Blechl: Mit dem Peer-Review verhält es sich so wie mit der Demokratie: Es ist nicht perfekt, aber es gibt momentan nichts Besseres.

Können beispielswiese die Publikationen des CERN, an denen Tausende Forscher beteiligt sind, noch überprüft werden?

Juan Gorraiz: Hier sind sicher die Limits des Peer Review erreicht, weil es sehr schwierig ist, geeignete Peers zu finden. Die Wissenschaft hat als "Little Science" mit Einzelautoren begonnen, dann kam "Big Science", die Phase der Teamarbeit, und nun treten wir in die Phase von "eScience": In der Hochenergiephysik und der Medizin (Beispiele hier und hier, Anm.) gibt es Artikel mit mehr Autoren als Wörtern. Das ist auch für die Evaluation ein Problem: Wie viel ist eine Publikation wert, an der 1.500 Autoren beteiligt waren? Die Frage ist ungeklärt.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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