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Ein Mann in Anzug und Krawatte gestikuliert neben einer Reihe von Mikrofonen

Wissenschaft und Journalismus im gleichen Boot?

Unabhängiger Wissenschaftsjournalismus wird aufgrund prekärer Arbeitsverhältnisse und ökonomischen Drucks immer schwieriger, zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Studie. Diese Tendenz kann allerdings nicht nur der Berichterstattung schaden - auch die Wissenschaft ist davon betroffen.

Medien 31.07.2013

Der Wissenschaftsjournalismus ist auf Wissenschaft und Forschung angewiesen - sonst hätte er schließlich nichts zu berichten. Unabhängig und kritisch soll die Berichterstattung sein, Entwicklungen sollen in einen gesellschaftlichen Kontext eingeordnet und verschiedene Experten zu einem Thema befragt werden.

Je mehr ein Journalist jedoch an seine finanzielle Lage denken muss und unter Umständen sein Gehalt durch PR-Tätigkeiten aufstockt, desto größer wird die Gefahr, dass die unabhängige Berichterstattung darunter leidet - so eine Aussage einer vom Klub für Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten Österreichs in Auftrag gegebenen Studie.

Die Studie:

"Magnetnadeln im Heuhaufen - Zur Arbeits-, Bildungs- und Ausbildungssituation von Bildungs- und WissenschaftsjournalistInnen in Österreich" ist am 25.06.2013 auf der Website des Klubs der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten Österreichs erschienen (pdf-Datei).

Die wichtigsten Ergebnisse:

• Die wirtschaftliche Lage vieler Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten ist problematisch.

• Um sich den Journalismus "leisten" zu können, übt ein hoher Anteil der befragten Wissenschaftsjournalisten und -journalistinnen PR-Tätigkeiten aus.

• Trotz prekärer Arbeitsbedingungen machen die meisten Wissenschaftsjournalisten und -journalistinnen ihre Arbeit gerne.

• 58 Prozent der Wissenschaftsjournalisten und -journalistinnen sind angestellt, 38 Prozent arbeiten frei. Die meisten haben aber trotzdem einen eigenen redaktionellen Arbeitsplatz, bei den Freien handelt es sich also um Scheinselbstständige.

• Wissenschaftsjournalisten sind im Schnitt älter als ihre Kollegen aus anderen Ressorts (47 Jahre) und eher weiblich (56 Prozent) als männlich (44 Prozent).

• Im Vergleich zu den journalistischen Kollegen haben Wissenschaftsjournalisten und -journalistinnen vermehrt einen akademischen Abschluss.

• Medizinthemen (65 Prozent) dominieren immer noch die Wissenschaftsberichterstattung, gefolgt von den Naturwissenschaften (43 Prozent) und den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften (38 Prozent; die aber meist in anderen Ressorts veröffentlicht werden).

• Die meisten Wissenschaftsjournalisten und -journalistinnen sehen sich in der Rolle des neutralen Vermittlers; Kritik, Kontrolle und Unterhaltung spielen eine untergeordnete Rolle.

• Drei Viertel der Befragten denken, dass zeitaufwendige Recherchen im Wissenschaftsjournalismus weniger werden.

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Wechselseitige Beziehung

Wissenschaft und ein unabhängiger Journalismus haben viel gemeinsam, findet der Wissenschaftsforscher Markus Arnold vom iff Wien (Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung). Denn Wissenschaft müsse, um objektiv und glaubwürdig zu bleiben, gegen dieselben Einflüsse von außen kämpfen wie der Journalismus.

Finanzielle Fördermittel und der Zwang zu immer neuen Erkenntnissen spielen hier eine Rolle: "Der Einfluss von Geldgebern auf Studienergebnisse muss deshalb, so gut es geht, minimiert werden", sagt Arnold. "Ohne die Unterstützung unabhängiger Journalisten ist die Gefahr allerdings groß, dass die Wissenschaft diesen Kampf in der Öffentlichkeit verliert." Denn dann könne es zum Beispiel passieren, dass die Pharmaindustrie mit Journalisten zusammenarbeitet und somit ihre eigenen Experten und Inhalte in den Fokus der Berichterstattung rückt.

"Unabhängige Forscher hätten es zunehmend schwerer, die auf diese Weise aufkommenden, irreführenden PR-Berichte über neue Medikamente in den Medien richtig zu stellen; sie werden nicht mehr gefragt oder als Experten zitiert", erläutert Arnold das Problem.

Längerfristig kann PR-gefärbter Wissenschaftsjournalismus somit auch der Glaubwürdigkeit von Wissenschaft in der Öffentlichkeit schaden. Ganz nach dem Motto: Man wisse ja eh nicht, was davon stimme oder nicht.

Einfluss der Pharmaindustrie

Dominiert wird die Wissenschaftsberichterstattung von Themen aus der Medizin, gefolgt von den Naturwissenschaften, so ein weiteres Ergebnis der Studie. Das hänge zum einen damit zusammen, dass Menschen Angst haben krank zu werden und gerne über neue Medikamente oder Therapien lesen wollen.

Doch vor allem liege es auch am Einfluss der wissenschaftlichen Branchen, die es sich finanziell leisten können, gute Öffentlichkeitsarbeit zu machen, so Markus Arnold: "Im Bereich der Medizin ist die Verschränkung von PR und Berichterstattung besonders präsent und problematisch." Doch nicht nur Wissenschaftsjournalisten sind vom finanziellen Einfluss der Pharmaindustrie betroffen, "auch medizinische Forschungsprojekte werden von der Pharmaindustrie finanziert, Ärzte geben sich für PR-Aktivitäten der Pharmafirmen her."

Deshalb plädiert Markus Arnold vor allem im Bereich der Medizin für eine unabhängige Berichterstattung, die im Sinne des Lesers agiere und nicht der Pharmaindustrie beim Verkauf neuer Medikamente helfe.

Auch über Anderes berichten

Manche Wissenschaftsbereiche wie die Medizin haben es also "leichter", in die Medien zu kommen. Andere Wissenschaftsbereiche seien jedoch mindestens genauso wichtig und interessant, meint Arnold: "Wissenschaftsjournalisten berichten kaum über Sozialwissenschaften, Kultur und Ökonomie. Das halte ich für problematisch."

Laut Studie haben die meisten in Österreich arbeitenden Wissenschaftsjournalisten eine Ausbildung in den Kultur- und Sozialwissenschaften. "Somit hätten sie eigentlich die Kompetenz, über diese Themenbereiche zu berichten. Außerdem kann der Bezug zu gesellschaftlichen Themen auch helfen, naturwissenschaftliche Entwicklungen besser einzuordnen."

Wissenschaftsjournalismus vor dem Scheideweg?

In vielen Ländern gehe Wissenschaftsjournalismus verstärkt zurück, erzählt Arnold. Wissenschaftsredaktionen werden kleiner oder komplett gestrichen. In Österreich liege das nicht am fehlenden Interesse der Gesellschaft, sondern dass viele Wissenschaftsbeilagen bisher von Ministerien gesponsert wurden.

"Die müssen aber auch immer mehr sparen", so Arnold. "Das Wissenschaftsministerium und das Ministerium für Verkehr, Innovation und Technologie haben hierfür weniger Geld, der Rat für Forschung und Technologieentwicklung ebenso. Das ist leider Gottes einer der Gründe, warum in Österreich die Wissenschaftsberichterstattung keiner rosigen Zukunft entgegensieht."

Verlagert wird die Wissenschaftsberichterstattung entweder auf Webseiten interessengeleiteter Institutionen oder sie wird von internationalen Medien wie dem "Guardian" übernommen. Doch internationale Medien haben einen anderen Blick auf die Welt, so Markus Arnold: "Sie interessieren sich nicht für Österreich und dessen Probleme. Guter Wissenschaftsjournalismus muss deshalb im eigenen Land produziert werden."

Er befürchtet, dass bei der aktuellen Entwicklung ein unabhägiger Wissenschaftsjournalismus irgendwann aufhören werde zu existieren. "Ich bin aber davon überzeugt: Wenn die Bereitschaft, in Wissenschaftsredaktionen zu investieren, vorhanden ist, dann können diese Ressorts wieder einen wichtigen Beitrag für die ökonomische Grundlage der Medien liefern."

Lara Schwenner, Ö1 Wissenschaft

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