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auf einer Computertastatur wird eine blaue Taste gedrückt, auf der "Open access" steht

Warum die Geisteswissenschaften zögern

Open Access - der freie Zugang zu Forschungsergebnissen - funktioniert in manchen Bereichen sehr gut, in anderen weniger. Besonders Kultur- und Geisteswissenschaften sind bisher eher zögerlich. Warum das so ist, erklärt der Althistoriker Walter Scheidel im Interview.

Open Access 14.08.2013

Der Österreicher arbeitet seit rund zehn Jahren an der Universität Stanford in Kalifornien und hat dort die "Princeton/Stanford Working Papers in Classics" mit ins Leben gerufen - dabei handelt es sich um Artikel, die vor ihrer offiziellen Veröffentlichung in Fachzeitschriften frei zugänglich in einem Online-Repositorium hinterlegt werden.

science.ORF.at: Stellen Sie selbst alle Ihre Artikel in das Repositorium?

Porträtfoto des Althistorikers Walter Scheidel

University of Stanford

Walter Scheidel ist Professor für Altertumsgeschichte an der Universität Stanford in Kalifornien.

Ö1 Sendungshinweis:

Dimensionen: "Offene Wissenschaft für alle. Open Access in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften" am 19. August 2013, 19.05 Uhr.

ORBIS - Netzwerkmodell der Antike:

Ein Projekt, bei dem Walter Scheidel die Wissenschaft mit den Möglichkeiten des Internets kombiniert, ist "ORBIS". Dabei handelt es sich um ein Netzwerkmodell der römischen Welt, das ähnlich wie Google Maps funktioniert. Die Website erlaubt es, den Benutzern z.B. Zeit und Kosten von Transporten innerhalb des gesamten Römischen Reichs zu simulieren. Die Website ist Open Access, auch der Code dahinter ist frei.

Links:

Walter Scheidel: Natürlich, wobei ich sie parallel dazu auch auf der Website des Social Science Research Network (SSRN) veröffentliche sowie auf Plattformen wie Academia.edu oder ResearchGate. Ich versuche, alle offenen Kanäle zu bedienen.

Sie sind ein Pionier von Open Access in den Kulturwissenschaften. Wie ist es dazu gekommen?

Ich arbeite seit etwa einem Jahrzehnt in Stanford, in den Natur-, Ingenieurs- und Sozialwissenschaften ist das Publikationsmodell dort schon länger verbreitet. Und so lag es auch für Geisteswissenschaftler nahe, sich an diesem Trend zu beteiligen. 2005 haben wir gemeinsam mit Princeton begonnen, unsere "Working Papers" in unser Repositorium ins Internet zu stellen, was in anderen Fächern schon gang und gebe war.

Was war die ursprüngliche Idee?

Dass etwas, das in den Natur- und Sozialwissenschaften gut funktioniert, auch für uns sinnvoll sein sollte. In den Geisteswissenschaften ist der Zeitraum zwischen Einreichung, Begutachtung und der Publikation eines Artikels zum Teil sehr lange. Speziell in den renommierten Zeitschriften kann das Jahre dauern. Wir wollten deshalb den Kollegen die Möglichkeit geben, ihre Ergebnisse sofort der Öffentlichkeit zugänglich zu machen: damit sie Feedback erhalten und den Text verbessern können, noch während er für die Endpublikation begutachtet wird.

Heute liegen rund 100 Studien in dem Repositorium: Hand aufs Herz - ist das Projekt ein Erfolg?

Wir sind zu Beginn von zwei Möglichkeiten ausgegangen. Entweder das Projekt wird nicht angenommen oder es wird erfolgreich sein - in diesem Fall dachten wir, dass sich auch andere Leute daran beteiligen oder ähnliche Institutionen schaffen würden. Weder die eine noch die andere Möglichkeit ist eingetreten. Die Site ist zwar sehr populär, hat Zehntausende Zugriffe aus aller Welt, aber es haben sich kaum Nachahmer gefunden. Was ich mir persönlich nur schwer erklären kann.

Haben Sie dennoch einen Verdacht?

Ich kann nur spekulieren. Aber ich glaube, es liegt daran, dass einige Geisteswissenschaftler immer noch Angst haben, dass Material, das vor der Publikation öffentlich zugänglich gemacht wird, missbraucht werden könnte, dass ihre Ideen gestohlen werden etc. Ich halte diese Angst für völlig gegenstandslos, weil das ja auch in anderen Fächern nicht der Fall ist.

Eine weitere oft gehörte Befürchtung aus der Wissenschaft betrifft die Qualität: Wie wird diese bei den Working Papers gesichert?

Auf dem Server liegen nur Pre-Prints von Angehörigen der Universitäten Princeton und Stanford. Natürlich haben die ihre Reputation. Die Qualitätskontrolle ergibt sich also quasi automatisch. Wenn sich andere Institutionen anschließen wollten, müsste man sich natürlich überlegen, wie man es schafft, dass die Qualität gewahrt bleibt.

Werden alle Studien, die in dem Repositorium liegen, später auch regulär in einer Fachzeitschrift publiziert?

Die meisten, aber nicht alle. Nicht alles, was geschrieben wird, ist unbedingt publikationswürdig. Wir stellen auf unsere Website aber auch Vorträge und andere Dinge. Und natürlich verändern sich diese bis zu einer Publikation. Wobei wir bei weitem nicht so viel Feedback und Kritik bekommen, wie wir uns erhofft und erwartet hatten. Die Papers werden zwar gelesen und immer häufiger zitiert - wir finden Zitate mittlerweile in Print- genauso wie in Online-Publikationen, die sich mit Suchmaschinen finden lassen. Aber wir erhalten kaum kritisches Feedback.

Warum das?

Darüber kann ich wieder nur spekulieren. Es gibt wahrscheinlich bei uns keine Feedbackkultur. Ich weiß nicht, ob das in anderen Fachbereichen anders ist. Leute rezipieren lieber passiv als dass sie mit den Autoren dieser Pre-Prints in einen Dialog treten.

Vielleicht liegt es auch daran, dass die Publikationskultur in manchen Geistes- und Kulturwissenschaften generell anders ist als in den Naturwissenschaften …

Das stimmt, die Geisteswissenschaften sind immer noch sehr stark von der Buchkultur dominiert. Das gilt vielleicht überaschenderweise auch für die USA: Das erste Buch wird dort für die Anstellung an einer renommierten Uni erwartet, das zweite Buch für die Definitivstellung, das dritte Buch für die Beförderung zum Full Professor. Die Bücher sollen dabei nicht nur einen bestimmten Umfang haben, sondern auch bei einem bestimmten Verlag erscheinen. Nur rund ein halbes Dutzend Verlage gelten als renommiert, und wenn ein Buch nicht dort erscheint, wird es bereits schief angesehen. Diese Tradition ist in ganz vielen Fächern stark verankert, obwohl sich viele Leute darüber beschweren. Sie meinen, dass es eigentlich keinen Sinn mehr macht, Bücher zu publizieren, die die Verlage nicht drucken wollen, die sich Bibliotheken nicht mehr leisten können und die niemand liest außer irgendwelchen Rezensenten. Dennoch sind sie immer noch zentral für den akademischen Betrieb. Solange dieses Problem nicht gelöst wird, werden sich Open-Access-Ansätze in diesen Bereichen nicht durchsetzen können.

Glauben Sie, dass sich daran etwas ändert?

Seit Jahren heißt es, dass das laufende System vor dem Zusammenbruch steht. Ich glaube daher nicht mehr daran, dass sich in absehbarerer Zeit etwas ändern wird. Es gibt da doch ein Beharrungsvermögen der etablierten Praktiken. Solange das noch irgendwie finanzierbar ist, wird sich das fortsetzen.

Woher kommt dieses Beharrungsvermögen?

Wir haben eine Selbstselektion: Die Leute, die entscheiden, sind die gleichen, die ihre Positionen deshalb haben, weil sie sehr erfolgreich Bücher publiziert haben. D.h. Leute, die dem kritischer gegenüberstehen, haben keine dominante Stellung innerhalb der Diskussion. Und da liegt die Versuchung nahe, einfach das Gegebene in die nächste Generation zu übertragen. Und die nächste Generation weiß bereits, was erwartet wird, stellt sich darauf ein und verfährt auch dementsprechend.

Die Geistes- und Kulturwissenschaften sind tendenziell auch lokaler und nationaler verankert als die Naturwissenschaften: Sehen Sie in dieser Zersplitterung einen weiteren Grund für das höhere "Beharrungsvermögen"?

Ja, wobei die Zersplitterung nicht so sehr in den Publikationen und dergleichen liegt, sondern in der Art, wie Wissenschaft betrieben wird. In den Geisteswissenschaften ist immer noch der Einzeltäter der zentrale Akteur, und das leistet dem Überleben des wissenschaftlichen Buches Vorschub, wo sich jemand für fünf Jahre ins stille Kämmerlein setzt und seine Gedanken aufschreibt. In Feldern mit mehr Kollaboration wie in den Sozial- oder Naturwissenschaften ist es viel einfacher, eine Gruppe von - sagen wir - zehn Leuten zu haben, die sich zusammensetzen und zu einem klar definierten Thema einen Artikel schreiben. Danach löst sich die Gruppe auf und es entstehen neue Kollaborationen. Solange das in den Geisteswissenschaften nicht häufiger geschieht, wird sich an der Dominanz der Buchkultur nicht viel ändern.

Gehen wir einmal davon aus, das wäre wünschenswert: Wie könnte sich das ändern?

Das ist schwer zu sagen. Natürlich kann man darauf hoffen, dass der Markt irgendwann eine Lösung schafft. Wenn die Verlage nicht mehr genug Bücher verkaufen, werden sie dem von sich aus eine Ende bereiten oder auf alternative Publikationsweisen wie E-books übergehen. Aber solange das nicht der Fall ist, sehe ich aus dem akademischen Betrieb heraus keinen starken Impuls der Veränderung.

Diese Impulse kommen aber gerade aus der Forschungspolitik …

Das stimmt, und sie sind wichtig. Anfang dieses Jahres hat der US-Kongress ein Gesetz erlassen, wonach staatlich geförderte Arbeiten innerhalb eines Jahres öffentlich zugänglich gemacht werden müssen. Das betrifft aber zu 98 Prozent nur die Natur- und Sozialwissenschaftler, die Geistes- und Kulturwissenschaften erhalten in den USA diese Art der Förderung kaum. Sie erhalten ihr Geld eher aus privaten Stiftungen, und die haben alle ihre eigenen Regeln. Insofern sind sie auch immun gegen diesen politischen Druck. Der European Research Council hingegen gibt mehr Mittel für Geistes- und Kulturwissenschaften aus als die USA und plant ja ähnliche Open-Access-Regeln wie der US-Kongress. Dadurch könnte einmal Europa eine Vorreiterrolle bei Reformen auf dem Gebiet einnehmen.

Eine Besonderheit von Geistes- und Kulturwissenschaften ist es auch, dass sie vieles am besten in der eigenen Sprache ausdrücken können. Schafft das für ein internationales Projekt von Open-Access weitere Probleme?

Das ist richtig und ich muss zugeben, dass ich durch meine Zeit in den USA gar nicht mehr so viel darüber nachdenke. Aber gerade in Europa, Lateinamerika und Asien ist das in den Geistes- und Kulturwissenschaften natürlich ein großes Thema. Das macht es schwieriger, zentrale Open-Access-Foren zu schaffen, in denen alle ihre besten Arbeiten in einer Sprache publizieren - die wohl Englisch sein wird. Gegenüber Wissenschaftlern aus romanischen, slawischen und anderen Ländern ist das sicher unfair. Aber langfristig weiß ich nicht, welche Alternative es zu englischen Publikationen wirklich gibt.

Sollte also auch die Germanistik auf Englisch publizieren?

Das wäre dann die logische Schlussfolgerung des Ganzen, ja.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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